Seite 2: „Der Präsident musste mich überreden, den Job aufzugeben“

Nach einem Jahr lieh der AC Mai­land Sie nach Zürich aus. Wieder ein anderes Land, wieder eine neue Sprache. Kamen Sie damit zurecht?
Nein, zunächst über­haupt nicht. Ich fuhr damals immer mit der Tram zum Trai­ning, dabei kam ich am Haupt­bahnhof vorbei. Auf dem Vor­platz lagen überall Jun­kies rum – mit Spritzen im Arm. Und wenn die Venen dort nicht mehr funk­tio­nierten, steckten die Spritzen im Hals oder im Fuß. Diese Bilder haben mich geschockt. Aus Bra­si­lien war ich nur Kiffer gewohnt.

Irgend­wann machte sich Ihr Trainer bei den Gras­shop­pers große Sorgen um Sie.
Weil ich außer zum Trai­ning meine Woh­nung nie ver­ließ. Ich war immer zu Hause und habe geflennt. Irgend­wann sagte der Coach: Gio­vane, du bist jung. Du musst auch mal in die Disco gehen.“

Ihr Trainer for­derte Dis­co­be­suche?
Genau. Als ich end­lich auf ihn hörte, wurde es sport­lich super. Das ein­zige Pro­blem blieb meine Ernäh­rung.

Wieso?
Bevor ich Profi war, konnte ich nie ins Restau­rant gehen. Weil ich kein Geld hatte. In Zürich konnte ich nicht ins Restau­rant gehen, weil ich nicht auf Deutsch bestellen konnte. Des­halb bin ich jeden Tag zu McDonald’s gegangen. Das Wort Burger“ kannte ich.

Immerhin mal etwas anderes als Bohnen und Reis.
Ich sage Ihnen was: Obwohl es in meiner Kind­heit jeden Tag das gleiche Essen gab – Reis mit Bohnen, Bohnen mit Reis, ab und zu ein Ei oben drauf –, war ich zufrieden. Mir hat es an nichts gefehlt. Für bra­si­lia­ni­sche Ver­hält­nisse bin ich normal auf­ge­wachsen.

Sie waren der jüngste von fünf Brü­dern in der Familie. Haben die anderen gut auf Sie auf­ge­passt?
Die haben mich geschlagen, Tag und Nacht. (Lacht.) Ich habe als Kind viel Blöd­sinn gemacht.

Was haben Sie denn ange­stellt?
Ich habe mich dau­ernd mit anderen Jungs geprü­gelt. Bekamen meine Brüder davon Wind, wurden sie sauer und haben mir eine ver­passt. Das hat wie­derum meine Oma geär­gert, also gab es von der später noch mal auf die Mütze. Für alle.

Damals ver­brachten Sie jede freie Minute mit Ihrem besten Freund Lello.
Wir waren zehn Jahre alt und unzer­trenn­lich. Wenn man ihn suchte, musste man nur mich finden. Wir zogen barfuß durch die Straßen, gingen in eine Klasse, kickten draußen, bis es dunkel wurde. Bis er plötz­lich weg war.

Er kam bei einem Unfall ums Leben.
Er war der ein­zige meiner Freunde, der ein Fahrrad besaß. Eines Tages sagte er zu mir: Ab morgen laufe ich mit euch zur Schule und fahre nicht mehr mit dem Fahrrad. Auf dem Rückweg ist es immer so dunkel, das wird mir zu heikel.“ Dann fuhr er los. Das nächste Mal, als ich ihn sah, lag er auf dem Boden. Die Arme und Beine ganz komisch abge­win­kelt, um ihn herum überall Blut und andere Flüs­sig­keiten, die ich nie zuvor gesehen hatte. Ein Bus hatte ihn über­rollt.

Wie ging es Ihnen danach?
Es tat unglaub­lich weh und beschäf­tigt mich bis heute. Mit Lellos Familie bin ich noch in Kon­takt. Wenn wir tele­fo­nieren, fragen wir uns oft, was er in seinem Leben wohl gemacht hätte.

Wollte er auch Fuß­baller werden?
Nein, er war furchtbar schlecht. (Lacht.) Außerdem wollte nicht mal ich Fuß­baller werden. Einer meiner älteren Brüder, der viel mehr Talent hatte als ich, war bei dem Ver­such geschei­tert. Des­halb machte ich lieber eine Bank­lehre. Mit 16 ver­diente ich dop­pelt so viel wie mein Vater als Bau­ar­beiter. Der Prä­si­dent von Londrina musste mich über­reden, den Job auf­zu­geben und in der Jugend des Klubs anzu­fangen.

Also können wir uns bei diesem Prä­si­denten für das Magi­sche Dreieck“ bedanken.
Genau. Aber natür­lich auch bei Fredi, der Brat­wurst, und bei Balakow. Er war der Kopf des Drei­ecks, der Mit­tel­punkt. Er ver­teilte damals in Stutt­gart die Bälle, Fredi und ich mussten nur noch die Tore schießen. Wir waren wie die Beatles in Liver­pool. Eine herr­liche Zeit.

Gibt es einen Moment, der den Zauber Ihres Zusam­men­spiels ein­fängt?
Das letzte Spiel in der Saison 1995/96, gegen den KSC. Vor dem Spiel standen Fredi und ich jeweils bei 15 Tref­fern und damit ganz oben in der Tor­jä­ger­liste. Dann machten wir jeder ein Tor, natür­lich nach Vor­lagen von Balakow. 20 Minuten vor Schluss traf Fredi noch mal. Danach haben die beiden alles ver­sucht, damit ich auch die 17. Bude schaffe. Sie wollten unbe­dingt, dass wir gemeinsam die Kanone holen. Sie spielten jeden Ball quer. Ich habe alles ver­sem­melt, aber das Spiel zeigte mir, dass es auch im Pro­fi­fuß­ball Freund­schaft gibt.