Im Münchner Orts­teil Har­la­ching besitzt die Natur durchaus eine Chance, doch seit diesem Montag hat sich das Klima dort fraglos unheim­lich ver­bes­sert. Denn der FC Bayern hat am Vor­mittag den Zugangs­be­reich an der Säbener Straße mit einigen Dut­zend Bam­bus­pflanzen und wei­terem wet­ter­festen Grün deko­riert.



Die gute Tat für die Umwelt mag als Kom­pen­sa­ti­ons­pro­jekt für den zwei­stö­ckigen Neubau samt der Tief­ga­rage mit 290 Stell­plätzen gelten, der neben den Trai­nings­wiesen ent­standen ist. Doch vor allem dient die Begrü­nung wohl der Intim­sphäre des neuen Ver­eins­trai­ners Jürgen Klins­mann, 43, der seit Jah­res­be­ginn als unge­dul­diges Phantom über Mün­chen schwebte und nun also auch offi­ziell seine Arbeit bei den Bayern auf­nehmen durfte.

Die meter­hohen Pflanzen neben dem Zaun ver­sperren nun die Sicht auf den Ein­gangs­be­reich zur Kabine. Dort ran­gierten früher die Spieler ihre Klein­laster, doch neu­er­dings ist das Entrée mit einer Holz­ter­rasse aus­ge­legt, auf dem eine Couch­gar­nitur und ein schi­ckes Son­nen­segel plat­ziert sind. Nachdem noch ein paar Stühle mit daran bau­melndem Preis­schild ange­schleppt worden waren, trat Klins­mann um 15.26 Uhr als Letzter ins Freie. Die gewählte Distanz zur Kund­schaft führte aller­dings dazu, dass erst­mals in der Klub­ge­schichte ein neuer Übungs­leiter erschien, ohne dass er Applaus der etwa 800 Zuschauer ver­nahm.

Ein Acht-Stunden-Tag

Ein eher reser­viertes Ver­hältnis bestimmt also den Start in eine mut­maß­lich neue Ära. Es soll ja alles anders werden, das ist die Vision, mit der der frü­here Bun­des­trainer ans Werk geht. Fertig ist aller­dings noch wenig, was nicht nur für das neue Leis­tungs­zen­trum gilt, in dem die Profis künftig dank der Ankunft ver­mut­lich unver­zicht­baren Lounge-Mobi­lars, Spiel­kon­solen und Bil­lard­ti­schen einen Acht-Stunden-Tag über­stehen sollen. Nicht nur Luca Toni hat dem­nach, wenn er in drei Wochen mit den anderen Natio­nal­spie­lern dazu­stößt, auf den mit­täg­li­chen Besuch beim Ita­liener seines Ver­trauens zu ver­zichten.

Doch noch kon­kur­riert das metal­lene Häm­mern der Hand­werker mit dem Kli­cken der etwa 50 Foto­grafen und dem dumpfen Kurz­pass­ver­ti­kal­ball­kon­takt, der ja in Zukunft, neben dem Bayern-Gen, zum Wesen eines Rekord­meis­ter­profis zählen soll. Kei­nes­wegs fertig ist auch die Mann­schaft, mit der sie in der Cham­pions League reüs­sieren wollen. Die Gerüchte ver­dichten sich, dass der Stutt­garter Natio­nal­stürmer Mario Gomez bald zu den Bayern stoßen wird, auch der Transfer des eins­tigen VfB-Profis Aliak­sandr Hleb nimmt angeb­lich Kon­turen an.

Am Ende dürfte das Puzzle aus rund 60 Mil­lionen Euro bestehen, so viel müssten die Bayern ver­mut­lich in das jeweils noch gebun­dene Duo inves­tieren. Gomez ist offenbar ent­schlossen, nach Mün­chen zu kommen, und auch der Weiß­russe Hleb ist dem Ver­nehmen nach bereit, seinen auf­re­genden Job beim FC Arsenal in London auf­zu­geben. Der 27-Jäh­rige besitzt aus Stutt­garter Zeiten noch ein Anwesen in Asbach, das ihm als Refu­gium dient. Hleb hat eher wenig übrig für das Stadt­leben, und seiner Gattin hat das Leben in Süd­deutsch­land stets gut gefallen.

Hlebs Refu­gium in Asbach

Kämen Hleb und Gomez, würde dies zwei deut­sche EM-Wie­der­ent­de­ckungen unmit­telbar tan­gieren: Lukas Podolski und Bas­tian Schwein­s­teiger. Podolski zieht es ohnehin weg, nach zwei Jahren als gut gelaunter Reser­vist koket­tiert er seit Monaten mehr oder weniger offen mit seinem Abschied. Sein Herz ten­diert wohl zum 1. FC Köln, für den eine Ablöse von rund 15 Mil­lionen Euro jedoch kaum zu bewäl­tigen sein dürfte. Ohnehin wäre der Natio­nal­stürmer, wenn er neben dem Herzen auch den Kopf ein­schaltet, ver­mut­lich besser auf­ge­hoben bei einem ambi­tio­nierten Inter­es­senten wie Werder Bremen, der längst die Lage son­diert.

In Mün­chen halten sie Podolski dem Ver­nehmen nach zu limi­tiert mit seinem domi­nie­renden linken Fuß und Pro­blemen in der Rück­wärts­be­we­gung. Als Stürmer sieht sich der 23-Jäh­rige ja inzwi­schen selbst nicht mehr, nachdem er im Natio­nal­team als Außen­läufer starke Auf­tritte hatte. Doch dort ist Franck Ribéry gesetzt, wenn der Fran­zose nach aus­ge­stan­denem Riss des Syn­des­mo­se­bandes wieder zur Ver­fü­gung steht, im Sep­tember dürfte das der Fall sein. Und Ribéry blo­ckiert zugleich Schwein­s­teiger, obwohl der Bayer bei der EM eher auf rechts zur Gel­tung kam; mit Hlebs Ankunft gäbe auch für ihn kaum noch Ver­wen­dung. Noch zögern die Bayern zwar, gerade dem sen­si­blen Eigen­ge­wächs Schwein­s­teiger fühlen sie sich wei­terhin ver­pflichtet, vor allem Uli Hoeneß.

Doch von seinem fami­liärem FC Bayern wird der Manager ja nun mit Klins­manns Inthro­ni­sie­rung zwangs­läufig etwas fort­geben müssen. Klins­mann war zwar gerade des­halb ihr Favorit, weil er »jeden Spieler besser machen möchte, jeden Tag«, so hatte es der Schwabe bei seiner Prä­sen­ta­tion ange­kün­digt. Doch nun stehen zwei der­je­nigen zur Dis­po­si­tion, deren schlum­merndes Poten­tial bei der EM sichtbar wurde. So lange kein Neu­zu­gang per­fekt sei, denke man »über die, die da sind, nicht nach«, hat Hoeneß nun gesagt und zugleich das Inter­esse an Gomez bestä­tigt. Vor ein paar Wochen galten Schwein­s­teiger und Podolski noch als unver­käuf­lich – und angeb­lich als unver­zichtbar auch für den neuen Trainer.

Der Trainer hat zu alledem am Montag nichts gesagt, er emp­fing nur das Ver­eins­fern­sehen. Klins­mann stellte sich für ein paar schnelle Fotos und lächelte ansonsten gute Laune herbei, wäh­rend sich die zur­zeit nur zwölf anwe­senden Profis mit den ins­ge­samt acht Betreuern beschäf­tigten; er sprach deutsch (»guter Rhythmus!«), spa­nisch (»buen Ritmo!«) und etwas schwä­bisch. Der­weil tagte offenbar der Vor­stand, Hoeneß hatte sich nur einmal vor­mit­tags bli­cken. Er ist ja Wurst­fa­bri­kant und inter­es­sierte sich fürs Angebot des Imbiss­standes, der hinten in einem Ecke auf­ge­stellt war. Es gebe auf Anord­nung nur Alko­hol­freies, musste er hören. Hoeneß’ Blick ver­riet, dass ihm das über­haupt nicht gefiel.