Eber­hard Schulz, Sie sind einer der Mit­be­gründer und Spre­cher der Initia­tive Nie wieder! Erin­ne­rungstag im deut­schen Fuß­ball“, die in diesem Jahr ihren zehnten Jah­restag begeht. Erzählen Sie uns von den Anfängen.
Am 27. Januar 2004, dem Jah­restag der Befreiung von Ausch­witz im Jahr 1945, fand in Ita­lien ein kom­pletter Spieltag unter dem Motto Tag des Erin­nerns, um nicht zu ver­gessen“ statt. Dazu gab es im Vor­feld in der Süd­deut­schen Zei­tung“ ein Inter­view mit dem Initiator Ric­cardo Paci­fici, wel­ches für mich der Aus­löser war, ähn­li­ches auch in Deutsch­land auf die Beine zu stellen.

Wie sah Ihre Reak­tion aus?
Zusammen mit den Löwen­fans gegen Rechts“ war uns die Bedeu­tung des ita­lie­ni­schen Vor­bilds deut­lich geworden. Wir haben uns dann an DFL und DFB gewandt, um den Gedenktag auch in den deut­schen Fuß­ball zu trans­por­tieren.

Woher rührte Ihre per­sön­liche Moti­va­tion?
Ein his­to­risch-poli­ti­sches Han­deln erschien mir immer wichtig. Den Fuß­ball habe ich mit der Mut­ter­milch auf­ge­nommen. Also hat mich sowohl der Fuß­ball, als auch mein Enga­ge­ment gegen das Ver­gessen mein Leben lang begleitet. Beim Wunder von Bern“ war ich 14 Jahre alt, in meiner Jugend war ich oft im Frank­furter Wald­sta­dion. So ver­dich­tete sich über die Jahre die Erkenntnis: Weder die Gewerk­schaften, noch die Kir­chen, noch die Par­teien haben eine solche Wir­kung auf die Men­schen wie der Fuß­ball.

Was hat sich in den zehn Jahren seit der Grün­dung der Initia­tive getan?
Jede Sache braucht ihre Zeit. Der deut­sche Ärz­tetag etwa hat es erst vor zwei Jahren geschafft, sich für die Greu­el­taten der NS-Ärzte zu ent­schul­digen. Wir müssen ver­stehen, dass viele Ver­eine eben­falls Zeit brau­chen, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen.

Gibt es denn viel Nach­hol­be­darf?
Mitt­ler­weile setzen sich viele Klubs mit ihrer Ver­gan­gen­heit aus­ein­ander. Das eigent­lich Bemer­kens­werte dabei aber ist: Die Fan­pro­jekte und ‑grup­pie­rungen sind vor­an­ge­gangen. Sie sind es, die Fahrten nach Ausch­witz oder Dachau orga­ni­sieren, nicht aus einem Gefühl der Schuld oder Ver­pflich­tung heraus, son­dern aus Inter­esse an der eigenen Geschichte.

Können Sie ein Bei­spiel nennen?
Im Herbst 2011 hat das Frank­furter Fan­pro­jekt in Zusam­men­ar­beit mit dem Verein eine Reise nach Ausch­witz orga­ni­siert. Aus den Ein­drü­cken heraus, die die Fans auf dieser Gedenk­stät­ten­fahrt gesam­melt haben, ist die Idee für das Pro­jekt Im Gedächtnis bleiben“ ent­standen, wel­ches sich mit dem regio­nalen Fuß­ball in der NS-Zeit aus­ein­ander setzt. Für ihr Enga­ge­ment sind die Initia­toren anschlie­ßend mit dem Julius-Hirsch-Preis“ des DFB aus­ge­zeichnet worden. Das damit ver­bun­dene Preis­geld wie­derum nutzen die Frank­furter seitdem, um ihren eigenen Im Gedächtnis bleiben“-Preis aus­zu­loben. Das sind wun­der­bare Effekte, die man aber weder planen noch ein­for­dern kann.
In diesem Jahr gab es im Vor­feld des eigent­li­chen Erin­ne­rungs­tages am 27. Januar eine Ver­samm­lung in Frank­furt. Worum ging es dabei?
Es ging sowohl um die Auf­ar­bei­tung der Geschichte, etwa im Panel Die Geschichte des jüdi­schen Fuß­balls in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus“, als auch um die Gegen­wart, etwa in der Dis­kus­si­ons­runde Unsre Kurve – kein Platz für Ras­sismus und Dis­kri­mie­rung!“ Dass ein Aus­tausch unter­ein­ander drin­gend nötig ist, zeigte das Bei­spiel von fünf Fans der Eis­bären Berlin.

Was machen Eis­ho­ckey-Fans auf einer Fuß­ball­ver­an­stal­tung?
In ihrem Umfeld, ihrem Sport, ist offenbar nicht aus­rei­chend Platz für die Themen und Pro­bleme, die sich in ihrem Fan­leben ergeben. Auf der Ver­samm­lung fanden sie Gehör und Gesprächs­partner.

Wie lau­tete der Tenor der Ver­samm­lung?
Am ein­drück­lichsten blieben mir die Erzäh­lungen der Ultras aus Braun­schweig, Duis­burg und Aachen in Erin­ne­rung. Sie erzählten von ihren Pro­blemen in den Kurven, von den Anfein­dungen rechter Grup­pie­rungen und dem Gefühl, auch vom Verein allein gelassen oder sogar an den Rand gedrängt zu werden.

Konnte diesen Fans eine Per­spek­tive geboten werden?
Des­wegen war es umso schöner, dass mit Wolf­gang Niers­bach und Rein­hard Rau­ball die Prä­si­denten von DFB und DFL vor Ort waren, um sich die Pro­bleme und For­de­rungen der Fans anzu­hören. Das war ein gutes Zei­chen, und das Gefühl von den Ver­bänden ernst genommen zu werden, eine starke Hilfe.

Rund um den Gedenktag zur Befreiung von Ausch­witz finden inzwi­schen auch in und um die Sta­dien Jahr für Jahr Ver­an­stal­tungen statt. Was ist Ihnen in diesem Jahr beson­ders haften geblieben?
Einen schönen Abschluss bil­dete sicher das Spiel Bayern Mün­chen gegen Ein­tracht Frank­furt am ver­gan­genen Sonntag. 1932 wurden die Bayern unter dem jüdi­schen Prä­si­denten Kurt Land­auer erst­mals Deut­scher Meister. Der End­spiel­gegner damals war eben­falls Ein­tracht Frank­furt. Im Vor­feld der Begeg­nung vom Sonntag gedachte man ihm von Seiten des Ver­eins und stellte unter anderem einen Doku­men­tar­film über Land­auers Leben vor, der im Herbst dieses Jahres in der ARD zu sehen sein wird.

Auch im Sta­dion gedachte man Land­auer.
Eine über­ra­gende Geste. Zumal die Initia­tive und die Umset­zung aus der Ultra-Bewe­gung heraus ent­sprang. Die Cho­reo­gra­phie in Gedenken an Kurt Land­auer, mit seinem Kon­terfei und seinem Zitat Der FC Bayern und ich gehören nun einmal zusammen und sind untrennbar von­ein­ander“, war bewe­gend. Noch bewe­gender aller­dings war der Wille der Schi­ckeria Mün­chen“, den Initia­toren der Cho­reo­gra­phie, die Dinge selbst­ständig umzu­setzen.

Wes­halb?
Der Verein hatte finan­zi­elle Hilfe ange­boten, doch die Schi­ckeria hat die not­wen­digen Mittel selbst­tätig auf­ge­trieben, etwa indem Fans Fotos mit der Cham­pions-League-Tro­phäe machen konnten. Das alles sind starke Zei­chen aus der Fuß­ball­fa­milie, an die Gesell­schaft, die so nur der Fuß­ball lie­fern kann.