Seite 2: Rechts und Links wird immer wieder gleichgesetzt

Der Deut­sche Fuß­ball-Bund hin­gegen, sicher­lich keine links­ra­di­kale Orga­ni­sa­tion, zeich­nete unser Enga­ge­ment im Jahr 2008 mit dem Julius-Hirsch-Preis aus. Trotzdem wird links und rechts in Sachsen immer wieder gleich­ge­setzt. Als ich an der Hoch­schule der säch­si­schen Polizei einen Vor­trag über ein ganz anderes Thema hielt, kam das anschlie­ßende Gespräch am Mit­tags­tisch auf Pegida und die Rechten. Es war die Zeit, als in Sachsen im Wochen­takt Flücht­lings­heime ange­griffen wurden.

Doch dem Leiter der Hoch­schule schien es am wich­tigsten zu sein, zu betonen, dass man bei alldem die Linken in Leipzig nicht ver­gessen dürfe. Dabei regis­trierte die säch­si­sche Polizei 2017 dreimal so viele Straf­taten von rechts wie von links. Sach­sens Ermittler jagen linke Gespenster, ohne zu merken, dass sie in einer braunen Geis­ter­bahn sitzen. Wie schnell All­tags­ras­sismus in blanke Gewalt umschlagen kann, haben die ras­sis­ti­schen Hetz­jagden von Chem­nitz gezeigt. In der ersten Reihe mischten rechte Fuß­ball­schläger mit. In Chem­nitz ist das schlechte Tra­di­tion, eine berüch­tigte Hoo­ligan-Grup­pie­rung nennt sich NS-Boys“ und trägt das Kon­terfei eines Hit­ler­jungen im Logo. In Leipzig jedoch gab es einen gewal­tigen Lausch­an­griff auf jene, denen es in der großen Mehr­zahl um die Ver­tei­di­gung demo­kra­ti­scher Werte geht.

Der säch­si­sche Staat jagt ein Phantom

Bei den soge­nannten Struk­tur­er­mitt­lungen“ im Umfeld der BSG Chemie wurden die unter­schied­lichsten Per­sonen durch­leuchtet, die sich teil­weise nicht einmal per­sön­lich kennen, son­dern nur die Lei­den­schaft für den­selben Fuß­ball­verein teilen, im selben Klub feiern gehen und im selben Späti ein­kaufen. Dabei gingen hun­derte soge­nannte Dritt­be­trof­fene“ ins Netz, Men­schen wie ich, der Bei­fang“. Struk­tur­er­mitt­lung“ klingt so, als sollte ein links­ra­di­kales Netz­werk auf­ge­deckt werden, dabei jagte der säch­si­sche Staat ein Phantom.

Schon im ersten 129er Ver­fahren, das im Sommer 2017 unter großer medialer Beach­tung an die Öffent­lich­keit kam, wurde min­des­tens ein Tele­fonat von mir abge­hört. Ich habe das Pro­to­koll des Gesprächs zuge­spielt bekommen, es umfasst acht Seiten. Auf dem Deck­blatt stehen meine Tele­fon­nummer und die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­nummer meines Smart­phones. Mein Gesprächs­partner war einer der damals 14 Beschul­digten. Es ist doku­men­tiert, in wel­cher Funk­zelle er sich auf­ge­halten hat, dass das Gespräch 17 Minuten und 49 Sekunden dau­erte und die Ermittler am Inhalt großes Inter­esse hatten. Wichtig“, ist im Feld Bewer­tung ver­merkt.

Das Gespräch ist pein­lich genau fest­ge­halten, mit jedem Ver­spre­cher und jedem Äh“. Zu Beginn erkläre ich, für ein füh­rendes Online-Medium über poli­tisch moti­vierte Gewalt im Leip­ziger Fuß­ball zu recher­chieren und sichere Ver­trau­lich­keit zu. Wir spre­chen dar­über, wie sich die Gewalt gegen­seitig hoch­schau­kelt, über Haus­be­suche, die maß­geb­li­chen Akteure im Neo­nazi-Milieu. An einer Stelle sagt mein Infor­mant, dass er sich dazu nicht übers Telefon äußern wolle. Die Beamten notieren unter das Gesprächs­pro­to­koll die zen­tralen Erkennt­nisse. Etwa, dass ich als Jour­na­list recher­chiere. Dass meine Recher­chen unzu­läs­si­ger­weise als All­tags­ge­spräch“ ein­ge­stuft wurden und in die Ermitt­lungen ein­gingen, habe ich von offi­zi­eller Seite nie erfahren.

Dabei hatte die Gene­ral­staats­an­walt­schaft im ver­gan­genen Jahr behauptet, alle Betrof­fenen infor­miert zu haben. Zumin­dest für mich kann ich das aus­schließen. Spä­tes­tens seitdem bin auch ich miss­trau­isch. Daran ändert es nichts, dass sich die Straf­ver­folger die Mühe gemacht haben, mich zumin­dest über das zweite Ver­fahren zu infor­mieren. Nach allem, was ich erlebt habe, möchte ich nicht aus­schließen, dass im Hin­ter­grund bereits das nächste läuft.