Seite 2: Höwedes, Khedira, Kramer

Bene­dikt Höwedes
Zuge­geben: Wegen Bene­dikt Höwedes auf links wollten wir zu Beginn des Tur­nieres Kriege anzet­teln und bedrohte Tier­arten aus­rotten. Nur, um mal ein wenig Dampf abzu­lassen. Was hatte sich Löw dabei gedacht? Das kan­tige Innen­holz auf die Außen­bahn zu stellen? Die viel­leicht dümmste Idee der Fuß­ball­ge­schichte! Aber Jogi, dieser kluge, weit­sich­tige Jogi, dieser Tak­tik­fuchs, dieses Genie, dieser Aus­er­wählte, er wusste genau, warum er Höwedes auf links außen stellte. Weil er Welt­meister werden wollte. Und viel­leicht auch, weil er der Welt beweisen wollte, dass man sich die Krone der Fuß­ball­welt mit einem Außen­ver­tei­diger auf­setzen kann, der keine Flanken schlagen kann. Zuge­geben: Wegen Bene­dikt Höwedes auf links wollen wir jetzt in sämt­liche Maschi­nen­ge­wehr-Läufe dieser Welt eine Rose ste­cken, wollen das Ein­horn finden, es auf­päp­peln, Nach­wuchs züchten und es dann mit weißen Ele­fanten, sibi­ri­schen Tigern und Schnee­leo­parden paaren. Wir schreiben jeden Text nur noch mit links, spielen jeden Pass auf dem Bolz­platz mit dem linken Fuß. Wenn wir schönen Frauen zuzwin­kern wollen, dann tun wir das mit dem linken Auge. Wenn uns der wütende Freund der ange­zwin­kerten Frau aufs Maul hauen will, wehren wir uns mit links. Wenn das nicht hilft, halten wir ihm halt die linke Backe hin. Wir wählen bei der nächsten Bun­des­tags­wahl Die Linke“ und machen mit dem Stift ihn unserer linken Hand den Wahl­zettel ungültig. Wir wollen uns linken lassen, unsere gesam­melten Ver­lin­kungen der letzten zehn Jahre durch­schauen, die Eng­länder für ihre Ver­kehrs­füh­rung ver­ehren und uns gleich morgen für zwei Jahre der Bun­des­wehr ver­pflichten, nur um wochen­lang den Befehl Links um!“ zu genießen. Und wenn wir einen pas­senden Link dafür gefunden hätten, würde er hier zu lesen sein. Auf hebrä­isch.

Sami Khe­dira
Spielte nicht. Weil er was mit der Wade hatte. Viel­leicht ist der Mann solch ein Tak­tik­genie, dass er ganz genau wusste, dass Deutsch­land ohne ihn Welt­meister werden würde, sich des­halb mit purer Wil­lens­kraft den Muskel ver­letzte und Jogi noch den Ein­satz von Chris­toph Kramer emp­fahl, weil der sich ja eh eben­falls ver­letzen würde, um dann Platz für André Schürrle zu machen, der wie­derum die ent­schei­dende Flanke auf Götze schlagen würde, der ja auch nur auf dem Platz war, weil sich Miroslav Klose zuvor auf­grund der Abwe­sen­heit von Khe­dira und später Kramer einen Wolf gelaufen hatte. Sami Khe­dira, bester Mann.

Chris­toph Kramer
Es gibt Momente im Leben eines Mannes, in denen er ein­fach Eier zeigen muss. Beim Kin­der­arzt. Bei der Mus­te­rung. Beim Hei­rats­an­trag. Beim Satz: Schatz, es gibt da eine neue Frau in meinem Leben.“ Oder bei fol­gender Szene: WM-Finale 2014 in Bra­si­lien. Gegen Argen­ti­nien. Nur noch 15 Minuten bis zum Anpfiff. Du selbst hast bei dieser WM erst ein paar Minuten gespielt und jetzt sitzt du gleich auf er Ersatz­bank, um den Jungs auf dem Platz die Daumen zu drü­cken. Weil auf deiner Posi­tion ja Bas­tian Schwein­s­teiger und Sami Khe­dira spielen. Da kommt plötz­lich der Bun­des­trainer auf dich zu und guckt so ernst. Er sagt dir, dass der Sami ver­letzt ist, nicht spielen kann und du jetzt gleich für ihn in der Startelf spielen wirst. Er gibt dir letzte tak­ti­sche Anwei­sungen, du ver­suchst zuzu­hören, aber in deinen Ohren nur das Rau­schen deines Blutes. Du heißt Chris­toph Kramer, bist 23 Jahre alt und als Deutsch­land das letzte Mal in einem WM-Finale stand, 2002, da saßt du im Bal­lack-Trikot auf dem Sofa, hast beim Pfos­ten­schuss von Olli Neu­ville dein Kin­der­bier ver­schüttet und lagst nach dem Schluss­pfiff heu­lend in den Armen deines Vaters, der dich dann in dein Zimmer trug, wo du, kurz bevor dich der Schlaf über­mannte, voller Ent­täu­schung das Lucio-Mega­poster deines Ver­eins Bayer Lever­kusen von der Wand reißen muss­test. Jetzt stehst du auf dem Rasen, singst die Hymne, spielst gegen Messi und Argen­ti­nien. Du scheißt dir vor Angst in die Hose, aber dann denkst du an den Kin­der­arzt, an die Mus­te­rung und daran, wie du deiner Freundin gesagt hast, dass du sie liebst – und dann nimmst du dir vor, auch heute Eier zu zeigen. Und wie du das machst! Bis dich die Schulter von Eze­quiel Garay bei­nahe aus dem Leben haut, du umfällst, liegen bleibst, nicht mehr auf­stehen kannst und weißt, dass du in jedem anderen Spiel in deinem Leben sofort aus­ge­wech­selt werden müss­test. Aber nicht heute, also spielst du weiter und lässt nie­manden merken, dass du eine Gehirn­er­schüt­te­rung hast und eigent­lich nicht mehr Herr deiner Sinne bist. Nach 31 Minuten musst du doch raus. Dein Blick geht viel­leicht zurück nach 2002 und Papas Armen und dem ver­fluchten Lucio-Poster, aber hier bist du defi­nitiv nicht mehr anwe­send. Viel später, du bist Welt­meister, sitzt du viel­leicht in einem ruhigen Moment irgendwo auf einem Stuhl und kannst dir eines sicher sein: Du hast mehr Eier gezeigt als der Oster­hase.