Uwe Kli­maschefski, kennen Sie Mario Balo­telli von Man­chester City?
Natür­lich.

Balo­telli wurde vor ein paar Monaten in einem Inter­view von Musiker und City-Fan Noel Gal­lagher zu seinen angeb­li­chen Eska­paden befragt. Die meisten Anek­doten, die über ihn im Umlauf sind, stimmen gar nicht.
Wie lang­weilig.

Hätten Sie Lust, dieses Frage-Ant­wort-Spiel­chen auch mit uns zu spielen?
Schießen Sie los.

Als Sie 1974 von einem Mainzer Fan belei­digt wurden, sollen Sie den Herren gebeten haben, Ihr Bröt­chen zu halten und ver­passten ihm anschlie­ßend einen rechten Haken?
Stimmt.

Weil Sie als Trainer vom FC Hom­burg zu viele ver­letzte Spieler im Kader hatten, setzten Sie in der Nacht vor dem Spiel den Platz unter Wasser. Es war Winter, am nächsten Tag fiel die Partie wegen Glatteis auf der Spiel­fläche aus.
Nicht ganz. Es war unser Platz­wart, der mit einem Gar­ten­schlauch den Mit­tel­kreis über Nacht bewäs­serte. Ich hatte ihm den Auf­trag gegeben. Es war richtig kalt, und am nächsten Morgen waren Teile der Spiel­fläche spie­gel­glatt. Der Schieds­richter schaute sich das an und sagte das Spiel dann wirk­lich ab.

Den Platz­wart haben Sie 1976 an einen Tor­pfosten fes­seln und mit Bällen beschießen lassen.
Leider wahr. Er war betrunken und hatte uns zuvor ziem­lich genervt. Wir trafen ihn nur ein paar Mal, dann schnitt ihn seine Frau mit einem Küchen­messer los.

Weil er einen Rentner zusam­men­ge­schlagen hatte, schlugen Sie Anfang der Acht­ziger einen ame­ri­ka­ni­schen G. I. k. o. – mit einem Hammer. Ich stellte den Idioten, doch der bedrohte mich mit einem Messer.
In meinem Auto lag ein Vor­schlag­hammer, den ich dabei hatte, um Start­blöcke für das Sprint­trai­ning in die Asche­bahn zu kloppen. Den rammte ich ihm in den Bauch und rief die Polizei.

Weil zu einem Heim­spiel vom FC Hom­burg nur 1000 Zuschauer erwartet wurden, ver­spra­chen Sie eine ganz beson­dere Halb­zeitshow: ein Wett­rennen von weib­li­chen Oben-ohne-Models.
Es kamen schließ­lich 3000 Leute zu unserem Spiel.

Und die Frauen?
Waren erfunden. In der Halb­zeit riefen die Zuschauer: Klima, wo sind die Weiber?“

Eine letzte Posse hätten wir noch: Dem Spieler Günter Kirch hauten Sie im Trai­ning eine runter, weil er Sie im ange­trun­kenen Zustand mit einem Ball abge­schossen hatte. Abends ver­suchte der Mann auf einer Party, eine Frau zu begrap­schen und bekam noch eine gescheuert – von Ihrem Ver­eins­prä­si­denten Udo Geit­linger.
Ich habe ihn nicht geschlagen, ledig­lich im Trai­nings­spiel­chen umge­treten, das tat aber sicher­lich auch ordent­lich weh. Dass Udo ihm eine geklebt hat, halte ich aller­dings durchaus für rea­lis­tisch.

Worauf wir hin­aus­wollen: Wäh­rend Ihrer Zeit als Trainer zwi­schen 1970 und 1994 gab es offenbar keinen ver­rück­teren Trainer als Sie. Haben Sie ganz bewusst den Enter­tainer und Unbe­re­chen­baren gespielt?
Geschau­spie­lert habe ich nie. Als Mensch und als Trainer habe ich immer aus dem Bauch heraus ent­schieden, nur ganz selten mit dem Kopf. Das war eben meine Art.

Woher stammt dieses Bauch­ge­fühl?
Das ist sicher­lich beein­flusst durch meine Her­kunft. Ich wurde 1938 in Bre­mer­haven geboren, einen Kilo­meter vom Hafen ent­fernt. Ich war ein nord­deut­scher Stra­ßen­junge, der gerne den ganzen Tag Fuß­ball spielte und eine große Klappe hatte.

Was wollten Sie als kleiner Junge werden?
Vor allem wollte ich nie arbeiten, son­dern Fuß­baller werden. Mein Vater war Hafen­ar­beiter, der schuf­tete sich den Rücken für ein paar Mark krumm. Nur meiner Mutter zuliebe machte ich die Aus­bil­dung zum Bau­klempner. Doch schon mit 17 ver­diente ich mein erstes Geld als Fuß­baller, nach einem halben Jahr bekam ich schon mehr Gehalt als mein Vater. Da wusste ich, dass ich aufs rich­tige Pferd gesetzt hatte.
Als Abwehr­spieler für den SC Bre­mer­haven, Bayer Lever­kusen, Hertha BSC und den 1. FC Kai­sers­lau­tern eilte Ihnen der Ruf des knüp­pel­harten Tre­ters voraus. Ein berech­tigter Vor­wurf?
Ich war viel­leicht kein Sen­si­bel­chen, aber auch kein gemeines Rau­bein. Das Image wurde mir erst in Kai­sers­lau­tern ver­passt. Der Bet­zen­berg war damals außer­ge­wöhn­lich. Sehr eng, sehr laut und manchmal sehr aggressiv. Wenn der Lini­en­richter einen Fehler machte, hatte er schnell mal einen Regen­schirm im Rücken. Wir Spieler ließen uns davon anste­cken. 1966, beim legen­dären 1:2 gegen die Bayern, flogen drei Mann von uns vom Platz. Wil­helm Wrenger, Jürgen Neu­mann – und ich.

An Ihre Zeit als aktiver Spieler können sich heute nur noch die wenigsten erin­nern, berühmt wurden Sie als Trainer. War es von Anfang an Ihr Wunsch, Trainer zu werden?
Den Plan dafür hatte ich jeden­falls nicht in der Schub­lade. Ich war Fuß­baller, über die Zukunft machte ich mir wenig Gedanken. Dann ver­letzte ich mich mit 29 Jahren schwer am Knie, mein Arzt sagte: Ich gebe dir einen guten Rat: nie wieder Fuß­ball! Deine Knie sind kom­plett im Eimer.“

Sie hätten auch wieder als Bau­klempner arbeiten können.
Machen Sie Witze? Im Fuß­ball kannte ich mich aus, hier war ich zu Hause, und hier gab es viel mehr Geld zu ver­dienen. 1970 machte ich meine Trai­ner­aus­bil­dung bei Hennes Weis­weiler an der Sport­hoch­schule Köln – übri­gens gemeinsam mit Otto Reh­hagel. Im letzten Jahr­gang, der von Weis­weiler aus­ge­bildet wurde.

Was war Weis­weiler für ein Typ?
Ein fan­tas­ti­scher Trainer, aber als Mensch unbe­re­chenbar. Wenn der dich nicht mochte, aus wel­chem Grund auch immer, dann hat er dich fer­tig­ge­macht. Gyula Lorant, einer aus der unga­ri­schen Wun­der­mann­schaft von 1954 und später ein Welt­klas­se­trainer, wagte es einmal, Hennes an der Tak­tik­tafel zu kor­ri­gieren. Weis­weiler hat Lorant dar­aufhin durch die Prü­fung fallen lassen.

Wie war Ihr Ver­hältnis?
Erstaun­lich gut. Er mochte mich, ich weiß auch nicht, warum. Wenn er abends in seiner Mön­chen­glad­ba­cher Stamm­kneipe mal wieder etwas zu tief ins Glas geschaut hatte, rief er mich am nächsten Morgen an: Klima, mach du schon mal das Trai­ning!“ Wir spielten dann ganz locker 4 gegen 2, bis der Chef in seinem großen Mer­cedes am Hori­zont auf­tauchte und wir blitz­schnell zu den vorher auf­ge­stellten Hüt­chen sprin­teten, um brav die von ihm gefor­derten Übungen zu absol­vieren. Die Prü­fung bei ihm habe ich übri­gens mit gut“ bestanden.

1970 star­teten Sie Ihre Trai­ner­lauf­bahn – beim FC 08 Hom­burg in der Regio­nal­liga West. Hatten Sie als ehe­ma­liger Bun­des­li­ga­spieler nicht ganz andere Ansprüche?
Ich merkte schnell, was ich an Hom­burg hatte. Mit dem dama­ligen Prä­si­denten Udo Geit­linger war ich schnell wie Arsch auf Eimer, uns ver­band bald eine rich­tige Män­ner­freund­schaft. Außerdem hatte Udo genü­gend Geld, um mich sehr gut zu bezahlen.

Warum wech­selten Sie dann nur ein Jahr später zu Hapoel Haifa nach Israel?
Weis­weiler zuliebe. Er hatte mit Borussia Mön­chen­glad­bach Ende der Sech­ziger bereits gegen israe­li­sche Mann­schaften gespielt, einer der ersten sport­li­chen Annä­he­rungs­ver­suche zwi­schen beiden Län­dern. Die Israelis wollten einen deut­schen Trainer, Hennes bat mich, den Job zu über­nehmen. Ich sprach mich kurz mit meiner Frau und meinem Prä­si­denten ab und sagte zu. Außer mir hat übri­gens bis heute nur noch ein deut­scher Fuß­ball­trainer in Israel gear­beitet: Lothar Mat­thäus.

Wir wurden Sie als Deut­scher in Israel auf­ge­nommen?
Erstaun­lich gut. Ich hatte ja selbst mit Anfein­dungen gerechnet, die Nazi­zeit war schließ­lich erst seit 26 Jahren vorbei. Aber die Men­schen waren unglaub­lich gast­freund­lich und irgendwie stolz darauf, einen Trainer aus Deutsch­land zu haben. Viele meiner Spieler spra­chen Deutsch, die Kom­mu­ni­ka­tion war also auch kein Pro­blem.

Ihr prä­gendstes Erlebnis in Israel?
Vor dem letzten Aus­wärts­spiel der Saison gegen Beitar Jeru­salem brauchten wir noch einen Punkt, um Meister zu werden. Dass die Fans von Beitar extrem waren, wusste ich, aber was sich dann abspielte, war der reine Wahn­sinn. Schon auf dem Weg ins Sta­dion sah ich überall junge Männer, die uns die Hals­ab­schnei­der­geste zeigten, im Sta­dion trennte uns nur ein Maschen­draht­zaun von den Zuschauern. Nach wenigen Minuten war mein Shirt total voll­ge­rotzt. Wir ver­loren unglück­lich mit 0:1 und mussten nach dem Spiel trotzdem um unser Leben rennen. Eine Stunde saßen wir in der Kabine, draußen hagelte es Steine gegen unsere Tür, bis der Mob sich beru­higt hatte. Ich blieb noch ein halbes Jahr und ging dann zurück nach Hom­burg. Ein Meis­ter­schafts­fi­nale hat mir gereicht.

Zwi­schen 1970 und 1994 trai­nierten Sie den FSV Mainz, Hertha BSC, den 1. FC Saar­brü­cken, FC St. Gallen, Darm­stadt 98, Blau-Weiß Berlin und 1860 Mün­chen, kehrten aber ins­ge­samt fünfmal zum FC 08 Hom­burg zurück. Warum immer wieder Hom­burg?
Wegen Udo Geit­linger. Wir hatten ein Ver­hältnis, das sicher­lich ein­malig im deut­schen Fuß­ball war. Immer wenn ich eine neue Her­aus­for­de­rung suchte, ob in Israel, Mainz oder Berlin, brauchte ich nur mit Udo zu spre­chen, irgend­wann knickte er dann ein und gab mich frei.

Von Ihnen stammt der Spruch: Nur in Hom­burg darf ich bei Rot über die Ampel fahren.“ Hatten Sie in Hom­burg Nar­ren­frei­heit?
Auf eine gewisse Art und Weise schon. Durch die Nähe zu Udo hatte ich einen extrem hohen Stel­len­wert im Verein. Auf mich hat er nichts kommen lassen. Als sich zum Bei­spiel einer meiner Spieler mal bei ihm mit den Worten Der Klima hat uns als Arsch­lö­cher bezeichnet“ aus­heulte, ant­worte Udo nur: Ja und? Ihr seid doch Arsch­lö­cher!“

Brauchten Sie so rabiate Methoden, um die Auto­rität als Trainer zu wahren?
Das hatte damit nichts zu tun. Sie haben die Geschichten am Anfang ange­spro­chen: Die sind spontan pas­siert, aus der Situa­tion heraus, die habe ich nicht gene­ral­stabmäßig geplant. So war ich drauf. Manchmal ruppig, aber immer ehr­lich und direkt. Letzt­end­lich hatte ich mit meiner Art ja auch Erfolg.

Sie haben Hom­burg in die zweite Bun­des­liga gebracht, den 1. FC Saar­brü­cken gar von der Regio­nal­liga direkt in die erste Bun­des­liga und schei­terten mit dem Zweit­li­gisten Saar­brü­cken 1985 erst im DFB-Pokal-Halb­fi­nale am spä­teren Sieger Bayer Uer­dingen. Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie weniger erfolg­reich gewesen wären?
Dann hätte man mich bei meinen Ver­einen in hohem Bogen raus­ge­schmissen und mir hin­terher gerufen: War doch klar, dass der mit seiner großen Klappe auf die Fresse fällt!

Mit 404 Spielen als Trainer halten Sie bis heute einen Rekord in der zweiten Liga. Hatten Sie nie die Moti­va­tion, mal einen Verein zu trai­nieren, mit dem Sie um Meis­ter­schaften oder Pokale hätten spielen können?
Die Ange­bote waren ja da. 1977 schlugen wir mit Hom­burg sen­sa­tio­nell den FC Bayern im DFB-Pokal-­Vier­tel­fi­nale mit 3:1. Nach der Saison bekam ich eine kon­krete Anfrage aus Mün­chen. Sie wollten mich als Nach­folger für Dettmar Cramer. Aber ich lehnte ab.

Warum? Wollten Sie denn nicht Deut­scher Meister werden?
Wer will das nicht? Aber das war 1977 und ich dachte: Klima, du hast noch so viel Zeit in deiner Trai­ner­kar­riere, jetzt gefällt es dir doch gerade so gut in Hom­burg, warte auf die nächste Chance in ein paar Jahren.

Im März 1994 wurden Sie vom FC Hom­burg beur­laubt, weil sich Ihre Spieler in einer Abstim­mung gegen Sie ent­schieden. Als Kon­se­quenz trat auch Udo Geit­linger zurück. War das Modell Kli­maschefski / Geit­linger ein­fach nicht mehr zeit­gemäß?
Die neue Spiel­er­ge­nera­tion kam mit mir nicht mehr zurecht und ich nicht mehr mit den Spie­lern. Als ich sie nach einer schwa­chen Partie zusam­men­stauchte, beschwerten Sie sich beim Vor­stand, ich musste gehen. Letzt­end­lich war ich froh, diese Mann­schaft nicht mehr trai­nieren zu müssen. Meine Zeit war vorbei.

Sie waren zu diesem Zeit­punkt doch erst 55 Jahre alt.
Schon Ende der Acht­ziger wollte ich eigent­lich als Trainer auf­hören. Nach einer Begra­di­gung meiner O‑Beine bekam ich große Pro­bleme und konnte nicht mehr richtig laufen. Den letzten Job in Hom­burg trat ich nur aus alter Ver­bun­den­heit an. Ich hätte es sein lassen sollen, es hat keinen Spaß mehr gemacht.

Über ein paar Ihrer Anek­doten haben wir zu Beginn gespro­chen. Ohne Zweifel waren Sie ein spe­zi­eller Trainer, heute würde man sagen: ein Exzen­triker. Konnten Sie viel­leicht des­halb nur bei unter­klas­sigen Ver­einen funk­tio­nieren?
Mög­li­cher­weise. In Mün­chen oder Ham­burg hätte ich mich jeden­falls ver­än­dern müssen, das war mir auch bewusst. Wenn ich bei den Bayern den Platz­wart an den Pfosten gebunden hätte, hätten die Leute gesagt: Der Idiot soll unsere Mann­schaft trai­nieren?

Was hat Sie beson­ders für Ihren Job moti­viert: den Allein­herr­scher zu spielen, viel Geld zu ver­dienen oder das Gefühl, mit den Under­dogs die großen Gegner zu ärgern?
Von allem ein biss­chen. Die Frei­heit, alles tun und lassen zu können, war mir wichtig, das Geld natür­lich auch. Und das Gefühl, mit dem FC Hom­burg den FC Bayern zu schlagen, reicht sicher­lich an den Glücks­mo­ment heran, gerade die Meis­ter­schaft gewonnen zu haben.

Glauben Sie, dass Sie als Bun­des­li­ga­trainer in der Gegen­wart Erfolg hätten?
Diese Ver­gleiche ergeben doch keinen Sinn: Ein Auto von 1970 sieht viel­leicht schöner aus, aber besser ist das Modell von 2012. So ist das auch im Fuß­ball: Alles ändert sich, alles ent­wi­ckelt sich, alles wird besser. Der Klima von 1970 würde heute sicher­lich Pro­bleme bekommen.

Uwe Kli­maschefski, Sie waren elf Jahre Spieler, 24 Jahre Trainer, Was war die schlimmste Nie­der­lage in Ihrer Kar­riere?
1976 spielten wir mit Hom­burg im Pokal-Vier­tel­fi­nale gegen den HSV. Beim Stand von 1:2 bekamen wir einen Elf­meter zuge­spro­chen, mein sicherster Schütze, Harald Diener, schnappte sich den Ball. Ein herr­li­cher Schuss, aber irgendwie bekam Rudi Kargus noch seine Finger dran. Am nächsten Tag maß ich die Ent­fer­nung vom Tor zum Elf­me­ter­punkt: Unser Platz­wart hatte im Suff zwölf statt elf Meter abge­messen! Ich hätte ihn erwürgen können.