Rio Reiser hatte nie ein beson­deres Bewe­gungs­ta­lent. Schon als Kind war er lieber drinnen als draußen, ein Stu­ben­ho­cker, eine Lese­ratte. Er war damit die Aus­nahme in unserer fuß­ball­be­geis­terten Band Ton Steine Scherben. Fuß­ball bestimmte unseren Lebens­takt. Lanrue, Kai, Nikel und ich gingen jeden Tag kicken. In unserer Wohn­ge­mein­schaft in Berlin wurde so gekocht, dass genau zum Anpfiff der Fern­seh­über­tra­gung das Essen auf dem Tisch stand. Rio nervte das natür­lich. 



Als 1972 end­lich unser neues Album Keine Macht für Nie­mand“ fertig war, schickten wir die Lang­spiel­platte voller Euphorie und aus purer Sym­pa­thie berühmten Men­schen, die uns etwas bedeu­teten. Hein­rich Böll bedankte sich für unser Geschenk post­wen­dend mit seinen gesam­melten Werken. Und eines Mor­gens, wir hatten keine Klingel, klopfte es an unserer Tür: Paul Breitner! Im Trai­nings­anzug des FC Bayern! Ja, Servus. Ihr habt mir hier diese Platte geschickt, gell? Und jetzt wollte ich mal wissen, was ihr für Leute seid.“ – Ja, Paul, komm doch rein.“ 

Ich setzte einen Tee auf, und wir machten es uns auf dem Fuß­boden bequem. Ich weiß nicht, ob ich einen Joint baute, wahr­schein­lich schon, Paul Breitner zün­dete sich zumin­dest gleich ein Ziga­rillo an. Ich erzählte ihm alles über die Band, die WG, unser Leben in Berlin. Paul berich­tete aus der bunten Welt des Fuß­balls.

Die Scherben schnorren Breitner an, Reiser schläft weiter

Wir dis­ku­tierten über Mao Zedong, dann sagte er: Wäre ich kein Fuß­baller geworden, ich würde heute nichts Beson­deres sein.“ Dieser Satz stand damals sinn­bild­lich für Paul Breitner: ein kluger, junger Mann, keine Scha­blone, die Mao liest, son­dern ein sym­pa­thi­scher Freak, so wie wir, mit seinen langen Haaren und wilden Kote­letten – und ein phan­tas­ti­scher Fuß­baller. Einige Wochen später, wir waren mal wieder völlig abge­brannt und hatten nichts mehr zu essen, sah ich Paul Breitner in Mün­chen wieder. Von Zeit zu Zeit mussten wir bei Leuten, die zu viel Geld hatten, schnorren, um über die Runden zu kommen. Ich fragte ihn also, ob er uns 10.000 D‑Mark leihen könne. Breitner war ein­ver­standen. Doch dann ver­lief die Sache im Sande. Wir waren ihm ein wenig unheim­lich geworden, for­derten wir doch poli­ti­sche Aktionen von ihm als medi­en­wirk­same Person in Zeiten des Vietnam-Kriegs. Und so behielt er sein Geld, das er von uns wahr­schein­lich eh nie wie­der­ge­sehen hätte.

Rio bekam übri­gens von dem pro­mi­nenten Besuch in unserer Woh­nung nichts mit. Als der Fuß­ball­star bei uns an der Tür klopfte, träumte er noch von einer bes­seren Welt. Ich ließ ihn schlafen.

Auf­ge­zeichnet von Ben­jamin Api­tius