Es muss hier über ein erstaun­li­ches Phä­nomen berichtet werden: Am Don­ners­tag­abend zwi­schen neun und elf Uhr ver­liebten sich näm­lich viele Fuß­ball­fans schlag­artig in eine deut­sche Natio­nal­mann­schaft. Es han­delte sich dabei nicht um die Natio­nal­mann­schaft, also jene von Jogi Löw, die sich gerade auf die Euro­pa­meis­ter­schaft vor­be­reitet, son­dern um jenes Team, das gerade bereits bei der Euro­pa­meis­ter­schaft spielt, die U21 von Stefan Kuntz. Mit einem 2:1‑Sieg über die Nie­der­lande hat sie das End­spiel am Sonn­tag­abend gegen Por­tugal erreicht.

Siege gegen den Nach­barn in großen Spielen sind immer etwas süßer, und das Finale eines großen Tur­niers zu errei­chen, ist immer beson­ders ehren­voll. Doch diese Natio­nal­mann­schaft löst beim Publikum nicht nur des­halb Schübe unkon­trol­lierter Zunei­gung aus. Um zu ergründen, warum das so ist, sollte man das aktu­elle Team mit seinem wohl berühm­testen Vor­gänger ver­glei­chen. 2009 gewann das U21-Team in Schweden das Finale gegen Eng­land mit 4:0. Der Sieg war ein Tri­umph und mit Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Bene­dikt Höwedes, Mats Hum­mels, Sami Khe­dira und Mesut Özil standen sechs Spieler auf dem Platz, die fünf Jahre später Welt­meister werden sollten. Auch die dama­lige Mann­schaft wurde gefeiert, weil sie vor Talent strotzte, das auf der Trai­ner­bank wun­derbar vom alten Fah­rens­mann Horst Hru­besch mode­riert wurde.

Das Füh­rungstor: ein Kom­bi­na­ti­ons­kunst­werk

Der aktu­ellen Mann­schaft tut man sicher­lich nicht Unrecht, wenn man sich ihre Spieler eher schwer in einem WM-Finale vor­stellen kann. Keeper Finn Dahmen wirkt nicht unbe­dingt wie der neue Manuel Neuer, Nico Schlot­ter­beck und Amos Pieper haben nicht wirk­lich die Flug­höhe der jungen Hummes und Boateng, und Niklas Dorsch ist ver­mut­lich auch nicht der Sami Khe­dira unserer Tage. Der ein­zige Spieler mit offen­sicht­li­chem Genie ist Flo­rian Wirtz, dessen Jamie-Vardy-Haf­tig­keit sich gegen die Hol­länder end­lich voll ent­fal­tete, er schoss beide Tore.

Damit soll nicht behauptet werden, dass sich irgend­welche Holz­füße ins Finale geschum­melt hätten. Das Füh­rungstor nach gerade mal einer halben Minute war ein Kom­bi­na­ti­ons­kunst­werk, wie es nur beson­dere Mann­schaften schaffen. Aber diese Mann­schaft ist trotzdem keine Ver­samm­lung der Super­ta­lente. Die Spieler stehen in eher kleinen Ver­einen wie Bie­le­feld, Fürth oder Union Berlin unter Ver­trag oder reüs­sieren in klei­neren Ligen wie Bel­gien und Öster­reich. Bei­spiel­haft ist der holp­rige Weg des Tor­jä­gers der Mann­schaft, Lukas Nmecha. Er wurde zwar bei Man­chester City aus­ge­bildet, von dort aber auch ziem­lich viel her­um­ge­reicht, in die zweite eng­li­sche Liga nach Preston und Midd­les­b­rough, erfolglos zum VfL Wolfs­burg. Inzwi­schen spielt er erfolg­reich beim RSC Ander­lecht, aber der bel­gi­sche Tra­di­ti­ons­klub ist heut­zu­tage keine Spit­zen­adresse mehr.

Ide­al­be­set­zung Stefan Kuntz

Nie­mand steht in den Start­lö­chern, um Mega­summen für diese Jungs auf­zu­rufen, wie das etwa bei ihren Kol­legen aus der fran­zö­si­schen, eng­li­schen, spa­ni­schen und auch hol­län­di­schen Mann­schaft der Fall ist, die aber alle nicht mehr im Tur­nier sind. Im Grunde steht diese Mann­schaft in der internen Wahr­neh­mung beim Deut­schen Fuß­ball-Bund sogar als Vor­zei­chen kom­mender Krisen, weil in der Nach­wuchs­aus­bil­dung der letzten Jahre ent­schei­dende Trends ver­schlafen worden sind. Wir haben bei den Spieler, die nach­rü­cken, nicht mehr die Dichte enormer Qua­lität. Des­halb haben wir uns von der Welt­spitze ent­fernt. Das zeigt sich bereits bei der aktu­ellen U21-Mann­schaft“, sagte Joti Chat­zi­ale­xiou, der Sport­liche Leiter Natio­nal­mann­schaften, kürz­lich in einem Inter­view mit 11FREUNDE.

Der Zauber begrenzter Mög­lich­keiten

Aber gerade das Wissen um die begrenzten Mög­lich­keiten macht den Zauber dieser Mann­schaft aus. Das vor­han­dene Talent wird optimal orga­ni­siert auf den Platz gebracht und dann mit einem Übermaß an Lei­den­schaft, Kamp­fes­willen, gegen­sei­tiger Unter­stüt­zung und Lei­dens­be­reit­schaft ergänzt. Diese Mann­schaft ist ein Team im besten Sinne, das sich mit den 120 Minuten aus dem Vier­tel­fi­nale in den Beinen durch die Schluss­phase des Spiels gegen Hol­land sichtbar quälen musste. Die leuch­tenden Augen von David Raum nach dem Abpfiff und der rüh­rende Jubel aller Spieler bis zum letzten Reser­visten sagten alles dazu.

Zum dritten Mal hat Stefan Kuntz nun eine U21-Mann­schaft ins Finale der Euro­pa­meis­ter­schaft geführt, dessen selt­samer Kar­rie­reweg irgendwie bes­tens zu all dem passt. Mit 52 Jahren ent­schied er sich 2016 über­ra­schend noch mal Trainer sein zu wollen. Das wirkte damals, nachdem er vorher über ein Jahr­zehnt lang als Manager in Koblenz und Bochum, sowie als Vor­stands­vor­sit­zender beim 1. FC Kai­sers­lau­tern gear­beitet hatte, wie ein selt­samer Move. Doch längst hat er sich als Ide­al­be­set­zung im Umgang mit der U21 erwiesen. Kuntz ist als Trainer ein Men­schen­fänger wie einst Hru­besch und einer, der Mann­schaften erschaffen kann, die diesen Namen ver­dienen. Und bei denen man wirk­lich nicht anders kann, als sie ins Herz zu schließen.