Herr Brehme, machen Sie sich Sorgen um den FCK?

Natür­lich! Bei dem Rück­stand, den die im Moment auf einen Nicht­ab­stiegs­platz haben! Es darf keine Unent­schieden mehr geben, son­dern nur noch Siege!

Ist es nicht ein Wunder, dass ein Verein aus einer so kleinen Stadt vierzig Jahre in der Bun­des­liga gespielt hat?

Ja, das ist ein Wunder. Ein schönes Wunder!

Sie waren dreimal in Kai­sers­lau­tern. Zunächst von 1981 bis 1986 als junger Spieler. Wie war ihr erster Ein­druck, als sie zum Verein stießen?


Es war toll. Es war eine har­mo­ni­sche Atmo­sphäre, die Leute waren nett. Es war ein­malig.

Ist diese Har­monie im Laufe der Jahre ver­loren gegangen?

Ja, auf alle Fälle. Der Unter­gang des FCK war René C. Jäggi. Erst wir­belt er alles durch­ein­ander, dann haut er ab. Ande­rer­seits ist es gut, dass er abge­hauen ist. Denn nun haben die neuen Ver­ant­wort­li­chen die Chance, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen. Das wird schwer genug.

Man macht Jäggi den Vor­wurf, er habe sich nicht mit dem FCK iden­ti­fi­ziert.

So ist es! Der hat an den Verein mal über­haupt nicht gedacht. Null Komma Null! Er war der Unter­gang des FCK.

Als sie 1993 nach sieben Jahren im Exil zurück­kehrten – Sie hatten bei Bayern Mün­chen, Inter Mai­land und Real Sara­gossa gespielt, waren Welt­meister geworden: War der FCK da noch der alte?

Ja! Es war wieder unheim­lich schön. Ich wollte eigent­lich nur ein Jahr spielen, bin aber bis 1998 geblieben. Wir sind Pokal­sieger geworden, leider auch abge­stiegen, dann Meister geworden. Das sagt doch alles.

Warum ist der FCK 1996 abge­stiegen?

Wir sind abge­stiegen, weil wir den schlech­testen Platz hatten. Das ist ein klarer Nach­teil für eine so spiel­starke Mann­schaft wie uns. Der Gegner stellt sich nur hinten rein. Dann kannst du nicht gewinnen.

Hielten Sie es damals für mög­lich, was stets pro­phe­zeit wurde: Dass die ganze Region stirbt?

Ja, das hat man gemerkt. In der Pfalz leben die Leute für den Fuß­ball. Uns Spie­lern war bewusst: Wir müssen das wieder gut machen. Und das ist uns gelungen. Wir haben zwar keinen schönen Fuß­ball gespielt in der Zweiten Liga, sind aber direkt und unan­ge­fochten wieder auf­ge­stiegen.

Nach dem ent­schei­denden letzten Spiel weinten Sie bit­tere Tränen, Rudi Völler musste Sie trösten. Haben Sie damals mit dem Gedanken gespielt, Ihre Kar­riere zu beenden?

Nein, auf keinen Fall. Wenn man soviel Erfolg hatte, kann man seine Kar­riere nicht mit einem Abstieg beenden.

Sie spra­chen das Thema Wie­der­gut­ma­chung an. Nach dem Abstieg bat Prä­si­dent Thines die Spieler, auf ein Drittel Ihres Gehalts zu ver­zichten. Sie sollen sich gewei­gert haben. Warum?

Das stimmt nicht. Ich habe genauso auf ein Drittel ver­zichtet. Wir haben alle mit­ge­macht.

Der FCK stieg nicht nur direkt wieder auf, er wurde auch sofort Deut­scher Meister. Wie geht das?

Wir sind auf einer Erfolgs­welle geschwommen, wurden von den Zuschauern getragen. Die Kon­kur­renten haben uns unter­schätzt und wohl gedacht, dass wir irgend­wann ein­bre­chen. Doch Otto Reh­hagel wusste das zu ver­hin­dern. Er hat uns stets gefor­dert und uns ein­ge­impft, dass wir es schaffen können-
In der Folge wurde Otto Reh­hagel sehr viel Macht über­tragen. Zuviel?

Auf gar keinen Fall. Der Erfolg hat ihm doch recht gegeben. Dass wir nun Seri­en­meister werden, das konnte doch nie­mand von ihm ver­langen. Unser Ziel musste es sein, uns für einen inter­na­tio­nalen Wett­be­werb zu qua­li­fi­zieren. Und das ist uns ja auch gelungen.

Man las ihm jeden Wunsch von den Augen ab, ver­pflich­tete z. B. den Welt­star Djor­kaeff. War zumin­dest dieser Transfer ein Fehler?

Er war immerhin ein Welt­klas­se­spieler – und hat das auch manchmal beim FCK gezeigt.

Brach der FCK aber durch solche Trans­fers nicht mit seiner Tra­di­tion?

Das Pro­blem war nicht der Transfer an sich. Das Pro­blem war, dass Djor­kaeff sich gewei­gert hat, Deutsch zu lernen. Man kann nicht zwei Jahre in einem Land leben, ohne mit den Kol­legen kom­mu­ni­zieren zu können. Das geht nicht!

Der Djor­kaeff Transfer legt den Ver­dacht nahe: War nach der sen­sa­tio­nellen Meis­ter­schaft der Grö­ßen­wahn aus­ge­bro­chen?

Die Leute haben gedacht, dass es immer so weiter geht und den FCK schon auf einer Stufe mit Bayern Mün­chen gesehen. Man hätte den Bayern Paroli bieten können, wenn sie mal schwä­cheln. Dass man sich auf Augen­höhe gesehen hat, das war der Fehler.

Hätte jemand auf die Eupho­rie­bremse treten müssen?


Ich habe das immer gesagt – als Spieler und auch als Trainer. Wenn vor der Saison eine Pres­se­kon­fe­renz statt­fand kam von den 100 Jour­na­listen immer die gleiche Frage: Wer wird Meister? Dann habe ich gesagt: Das spielen Bayern und Dort­mund unter sich aus. Danach kommen Lever­kusen, Stutt­gart, der HSV und viel­leicht auch wir. Mit Glück spielen wir am Ende inter­na­tional.

Das reichte einigen nicht.

Nein. Im Auf­sichtsrat saßen Leute wie Hubert Keßler, die sagten: Wir sind genauso gut bestückt wie die Bayern.“ Da muss ich mir an den Kopf packen. Damit macht man die Leute ver­rückt – und die Spieler erst recht.

Wird man beim FCK als Rea­list auto­ma­tisch zum Mies­ma­cher?

So ist es. Dabei habe ich doch lang genug beim FCK gespielt, um den Verein zu kennen. Gegen­wärtig haben sie jeden­falls kaum noch einen im Vor­stand, der sich mit Fuß­ball aus­kennt. Du brauchst da Leute, die den Ball dreimal hoch­halten können. Die da jetzt sitzen können das noch nicht mal mit der Hand.

Ab dem Jahr 2000 schwand auf­grund aus­blei­bender Erfolge Reh­ha­gels Macht, und er trat schließ­lich zurück. Sie kehrten ein zweites Mal zurück, wurden Team-Manager, Rein­hard Stumpf Trainer. Große Fuß­stapfen, in die Sie da traten, Herr Brehme.

Auf alle Fälle! Der Verein stand auf einem Abstiegs­platz. Und wenn man mit dem Herzen an dem Verein hängt, nimmt man diese Auf­gabe schon sehr ernst.

Von Anfang an kam es zu Eifer­süch­te­leien zwi­schen Ihnen und dem anderen Welt­meister beim FCK, Youri Djor­kaeff. Warum konnten Sie ihn nicht stehen sehen?

Ich hatte nichts gegen ihn. Doch wenn er sich übers Prä­si­dium Son­der­ur­laub holen will, obwohl er schon eine Woche länger im Urlaub war als die anderen Spieler, dann kann ich nur sagen: Der wird bei mir nicht mehr spielen. Ich kann wegen einer Person nicht das ganze Mann­schafts­ge­füge durch­ein­ander wir­beln. Er hätte Vor­bild für die anderen sein müssen, gerade als Welt­meister. Und das war er beim besten Willen nicht!

Hatte man sich von dem Namen blenden lassen und zu wenig Acht gegeben, ob der Mann auch in die Mann­schaft passt?


Ich habe ihn nicht geholt. Das waren andere. Für den FCK war dieser Transfer sicher toll, aber man hätte sich vorher erkun­digen müssen: Wie steht es um seinen Cha­rakter? Man kann doch nicht blind ein­kaufen, das geht nicht!

Rein­hard Stumpf geriet immer wieder in die Kritik, weil er die Spieler unge­recht behan­delt haben soll. Ihnen wurde vor­ge­worfen, die Spieler nicht geschützt zu haben. Wo waren Sie, als die Spieler Sie brauchten?

Ich?

Sie.


Ich habe die Spieler immer geschützt!

War Ihnen wirk­lich bewusst, dass Sie ein Mann­schafts­ge­füge hatten, das aller­größter Pflege bedurfte?

Ich habe klipp und klar gesagt: Bei mir wird Djor­kaeff nicht mehr spielen.

Er spielte trotzdem weiter für den FCK, ihre Auto­rität war stark geschwächt. In einem offenen Angriff gegen Vor­stands­mit­glied Robert Wie­sche­mann 2002 schien es so, als wollten Sie ihren Raus­schmiss pro­vo­zieren.


Auf keinen Fall. Aber es kann nicht sein, dass sich Leute in meine Kom­pe­tenzen ein­mi­schen, die den Trai­nings­be­trieb nie gesehen haben. Das kann nicht sein! Das habe ich auch klipp und klar zu Atze Fried­rich gesagt: Mit sol­chen Leuten kann man nicht zusam­men­ar­beiten.

Atze Fried­rich for­derte von Ihnen, sich zu ent­schul­digen. Danach durften Sie bleiben. Aber hatten Sie denn auch noch Lust auf den Job?

Natür­lich! Wir haben in den zwei Jahren gute Arbeit geleistet. Der FCK stand unter meiner Lei­tung im UEFA-Cup-Halb­fi­nale. Das hat der Verein danach nicht wieder geschafft.

Aber eine Serie von knappen Siegen ver­tuschte in dieser Zeit, dass es in dieser Mann­schaft nicht allzu gut lief.

Meine Rede! Die vom Auf­sichtsrat haben immer nur auf das Ergebnis geguckt und dann geschwärmt: Oh, wie toll!“ Aber ich habe gesagt: Du, mir hat’s nicht gefallen!“ Dann sagen die gleich: Das gibt’s doch nicht! Was haben wir denn für einen Trainer?“

Hätte man nach der Saison 2001/2002 eine Kurs­än­de­rung ein­leiten müssen? Man hätte z. B. wieder Spieler aus der Region in die Mann­schaft ein­binden können, die sich stärker mit dem FCK iden­ti­fi­zieren – und andersrum die Fans mit ihnen.

Wir haben ja den Thomas Hengen zurück­ge­holt, der hat sich nur leider nie wieder von seiner schweren Ver­let­zung erholt. Das war traurig. Aber in Kai­ser­lau­tern kann man nicht alles von einem Tag auf den anderen umwerfen.

Sie spra­chen an, dass die Ver­ant­wort­li­chen zu wenig Sach­ver­stand gehabt hätten. Wer hätte denn für sport­liche Kon­ti­nuität sorgen können? Briegel? Feld­kamp? Topp­möller?

Das hätte eine Gali­ons­figur sein müssen! Fritz Walter würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sehen würde, was heute aus seinem FCK geworden ist.

Ende August 2002 wurden Sie von Ihren Auf­gaben als Trainer ent­bunden. Wie haben Sie davon erfahren?

Ich war bei Atze Fried­rich zu Hause. Auf einmal sagt er: Ich höre morgen auf.“ Dann habe ich gesagt: Dann weißt Du ja: Ich höre auch auf.“ Fried­rich hatte Ahnung vom Fuß­ball – im Gegen­satz zu Jäggi! Und da wusste ich: Ich habe hier nichts mehr zu suchen.

Ahnten Sie zu diesem Zeit­punkt schon, wie schlecht es tat­säch­lich um den Verein bestellt war?

Nein, nicht direkt. Dass man finan­zi­elle Pro­bleme hatte, wusste ich nicht.

Hat Atze Fried­rich einen ner­vösen Ein­druck auf Sie gemacht?

Nein, über­haupt nicht. Er hat sich nur ein biss­chen beschwert, dass er sich rum­schlagen musste mit denen vom Auf­sichtsrat, dau­ernd Rede und Ant­wort stehen. Darauf hatte er keine Lust mehr.

Im Sep­tember 2002 leis­tete Vor­stands­mit­glied Robert Wie­sche­mann den Offen­ba­rungseid. Vor lau­fenden Kameras ver­zet­telte er sich und sagte: Wir haben ein Defizit an Durch­blick – alle!“

Das war ein Armuts­zeugnis für den FCK!

Um den Über­blick wie­der­zu­er­langen, wurde der Wirt­schafts­mann René C. Jäggi als neuer Vor­stands­vor­sit­zender und Nach­folger Atze Fried­richs geholt.

Wie gesagt: Das war eine schlechte Ent­schei­dung! Und noch mal: Fritz Walter würde sich im Grabe umdrehen!

Jäggi zeigte Atze Fried­rich und Co. wegen angeb­li­cher Steu­er­hin­ter­zie­hung an. Trauen Sie Ihren ehe­ma­ligen Vor­ge­setzten soviel kri­mi­nelle Energie zu?

Ich kenne den Atze Fried­rich, seit ich 18 Jahre alt war. Ich kann mir das nicht vor­stellen. Beim besten Willen nicht!

Jäggi führte den FCK im Zuge seines harten Sanie­rungs­plans an den Rand der sport­li­chen Exis­tenz.

Das stimmt. Aber ich mache mir keine Gedanken über den Abstieg. Man muss positiv denken, hoffen und beten, dass die Jungs da so schnell wie mög­lich wieder raus­kommen.

Können Sie sich vor­stellen, einmal wieder eine Funk­tion beim FCK zu bekleiden?

Warum nicht? Man soll nie Nie“ sagen. Es kommen auch für den FCK wieder bes­sere Tage.