Ailton weiß nicht so recht, wo er den Ball hin­spielen soll, also schickt er ihn etwas ver­legen als Steil­pass in Rich­tung Straf­raum. Ein biss­chen schade, weil dort kein Bremer Mit­spieler ist, der den Pass errei­chen könnte. Ivan Klasnic, Ail­tons kon­ge­nialer Sturm­partner, trabt min­des­tens zwei Meter hinter Bixente Lize­razu, der den Ball ein­fach klären könnte. Außerdem gibt es ja noch den Titan Oliver Kahn im geg­ne­ri­schen Tor, der jetzt her­aus­eilt, auf dass er den Ball unter sich begrabe. Was er in 999 von 1000 Fällen auch macht.

Doch ist dieser Tag im Mai 2004 kein Tag wie 999 andere. Denn Oliver Kahn lässt den Ball ohne Not fallen, und so kul­lert der Ivan Klasnic unver­hofft vor die Füße. Klasnic dreht sich fix, legt sich den Ball dabei einmal vor und schiebt ihn dann locker ins ver­waiste Tor. Bremen führt mit 1:0 in Mün­chen, macht mit einem Sieg beim größten Rivalen sen­sa­tio­nell und früh­zeitig die Meis­ter­schaft per­fekt, gewinnt wenig später noch den DFB-Pokal und geht in die Geschichte als viel­leicht beste Bremer Mann­schaft aller Zeiten ein. Ivan Klasnic mit­ten­drin, ein strah­lender Sieger. Ein junger Mann, vom Glück geküsst.

100.000 Euro Schmer­zens­geld – und Scha­dens­er­satz

Fast 13 Jahre später kann man diesen Satz nicht mehr unter­schreiben. Ivan Klasnic ist zwar immer noch eher jung als alt, doch das Wort Glück ist keines, was einem in Ver­bin­dung mit Klas­nics Geschichte in den Sinn kommt.

Obwohl der Fuß­baller in diesen Tagen einen Pro­zess gewonnen hat. Obwohl ihm das Land­ge­richt Bremen in den seit 2008 lau­fenden Ver­hand­lungen end­lich Recht gab. Obwohl die Ange­klagten, die beiden ehe­ma­ligen Bremer Mann­schafts­ärzte, Götz Dim­anski und Manju Guha, zu 100.000 Euro Schmer­zens­geld ver­ur­teilt wurden. Und obwohl darauf noch eine bisher nicht fest­ge­setzte Summe Scha­dens­er­satz folgen wird.

Doch die Urteils­be­grün­dung ver­deut­licht, wie wenig Glück Klasnic in seiner Kar­riere und schluss­end­lich auch in seiner Krank­heits­ge­schichte hatte. 

Denn wie der Spiegel“ berichtet, han­delten die beiden Ärzte im Fall Klasnic grob fahr­lässig. So fahr­lässig, dass sie nach Über­zeu­gung des Gerichts dafür ver­ant­wort­lich sind, dass Klas­nics Niere 2006 ver­sagte. Schon seit 2001 hätte man aus den Blut­werten des Stür­mers eine Nie­ren­schwäche her­aus­lesen können, viel­leicht sogar müssen. Zumin­dest hätten die Ärzte stutzig werden sollen.

Statt­dessen wurde Klasnic weiter wie ein gesunder Spit­zen­sportler behan­delt. Also auch mit Schmerz­mit­teln, die den Wirk­stoff Diclo­fenac ent­halten. Ein Wirk­stoff, der für Men­schen mit schwa­cher Niere Gift ist. Erst Ende 2005 wurde zufällig fest­ge­stellt, wie krank Klas­nics Niere inzwi­schen schon war. 2007 folgen zwei Trans­plan­ta­tionen: Die erste Niere – eine Spende seiner Mutter – stieß sein Körper ab. Mit der danach gespen­deten Niere seines Vaters lebt Klasnic seit neun Jahren. Mitt­ler­weile wartet der Kroate aber schon wieder auf einen neuen Spender, ist Dia­ly­se­pa­tient und muss sein Blut jeden zweiten Tag im Kran­ken­haus waschen lassen. Fünf Stunden lang.

Im Herzen bleibe ich immer Wer­de­raner“

Jetzt wirft das Gericht dem Sport­me­di­ziner Dim­anski laut dem Spiegel“ vor, damals Befunde nicht falsch, sonder gar nicht inter­pre­tiert“ zu haben. Auch Inter­nistin Guha habe grobe Fehler gemacht. So hätte sie trotz der selbst ermit­telten Blut­werte Ent­war­nung gegeben und keine Auf­fäl­lig­keiten fest­ge­stellt. Ein Befund, der Klasnic womög­lich die eigene Niere kos­tete.

Der Stürmer selber rap­pelte sich zwar immer wieder auf, wurde nach zwei­fa­cher Trans­plan­ta­tion 2007 zum ersten Profi welt­weit, der mit Spen­der­niere spielte – und traf. Sein altes Niveau erreichte er jedoch nie wieder. Bei seiner letzten Pro­fi­sta­tion in Mainz reichte es in der Saison 2012/2013 nur noch zu drei Ein­sätzen. Knatsch mit Thomas Tuchel inklu­sive. Wodurch ihm womög­lich wei­tere Ver­träge durch die Lappen gingen. Auch ein Grund, warum Klasnic 1,1 Mil­lionen Euro Scha­dens­er­satz von den Ärzten for­dert. Allein für 2007 stehe ihm ein Ver­dienst­aus­fall von einer Mil­lion Euro zu, stellte das Gericht bereits fest. 

Noch ist das Urteil aller­dings nicht rechts­kräftig, noch können die Ange­klagten in Beru­fung gehen. Noch gibt es auch in ihren Aus­sagen eine Menge Unge­reimt­heiten, vor allem dar­über, wer von ihnen wann was wusste und wer wem was wann wei­ter­sagte. Für Klasnic selber dürfte zunächst wich­tiger sein, wer ihm wann eine neue Niere spenden kann. Damit er in Zukunft wieder unbe­schwerter für die Werder-Tra­di­ti­ons­mann­schaft auf­laufen kann. Im Herzen bleibe ich immer ein Wer­de­raner; dort habe ich meine beste Zeit gehabt“, sagte er vor kurzem dem NDR. Man kann nur hoffen, dass das noch lange so bleibt.