Seite 5: Größer als Jesus?

Aber nicht irgend­einen Titel, son­dern aus­ge­rechnet den schwie­rigsten von allen. Dafür muss man sich vor Augen halten, wie absurd und uner­klär­lich es ist, dass Liver­pool schon so lange auf die Meis­ter­schaft wartet. Als der Klub im Jahre 1990 seinen 18. Titel fei­erte, war er mit so großem Vor­sprung eng­li­scher Rekord­meister, dass kein ein­ziger Fan sich auch nur vor­stellen konnte, diesen Ehren­namen jemals ablegen zu müssen. Schon gar nicht wegen eines Teams wie Man­chester United, das damals läp­pi­sche sieben Meis­ter­schaften auf dem Konto hatte.

Doch seither wurde Schei­tern in der Liga zur Liver­pooler Spe­zia­lität – man denke nur an Steven Ger­rard, der 2014 in der Nach­spiel­zeit gegen Chelsea aus­rutschte und damit die vor­ent­schei­dende Nie­der­lage ein­lei­tete. 

Wie soll man da rea­lis­tisch bleiben?

Des­wegen hat Klopp recht: Der Druck ent­steht im Außen. Er ent­steht durch die Hoff­nungen von Men­schen auf der ganzen Welt, für die der FC Liver­pool mehr ist als nur ein Verein. This means more“ – so lautet auch der Titel einer im Früh­ling gestar­teten Kam­pagne des Klubs. Beim Spiel gegen Brighton laufen Wörter über die Wer­be­banden, die durch­ge­stri­chen sind und durch stärke Begriffe ersetzt wurden.

In Liver­pool singt man kein Lied, liest man dort, son­dern eine Hymne. Die Anfield Road ist kein Sta­dion, son­dern eine Heimat. Und dann steht da, dass der Trainer kein Manager ist, son­dern ein Guar­dian – ein Wächter, Bewahrer, Hüter. Und da soll man keinen Druck haben? Da soll man rea­lis­tisch bleiben? An einem Ort, wo in erster Linie Träume ver­kauft werden? 

Größer als Jesus?

Natür­lich spürt man all das“, sagt Klopp. Aber Träume sind ja nicht an Zeit­fenster gebunden. Viel­leicht werden wir Meister. Viel­leicht auch nicht. Es geht darum, dass wir auf dem Weg zum maximal mög­li­chen Erfolg eine gute Zeit zusammen haben. Und die haben wir. Ob ich dann am Ende mal irgendwas anfassen darf oder nicht, das wird man sehen. Wenn nicht, dann wird es diesen Verein nicht umbringen. Ver­spre­chen kann ich nur das: Wir werden alles dafür tun, alles aus dieser Saison raus­zu­quet­schen.“ Er greift nach der Fla­sche und nimmt einen letzten Schluck, bevor ein langer Tag für den Hüter des FC Liver­pool zu Ende geht. Er sagt: Und nächste Saison dann wieder.“

Damit hüpft er vom Tisch, öffnet die Tür und ver­schwindet irgendwo in dem Sta­dion, das so viele Men­schen als Heimat betrachten. Draußen ist der Papp­auf­steller ver­schwunden, offen­sicht­lich sind alle Klopp Dogs“ an den Fan gebracht. Im Erd­ge­schoss eines Pubs mit Namen The Twelfth Man“ spielt ein Gitar­rist eine alte Beatles-Nummer. Eine Etage höher stößt Ste­phanie Jones mit ein paar Freunden auf den Sieg an. Keiner von ihnen spricht aus, dass dies Liver­pools Jahr werden kann. Aber wenn es das wirk­lich sein sollte, dann werden sie hier viel­leicht bald sagen, dass Klopp jetzt größer ist als Jesus. Oder ein­fach: It’s all good.