Seite 4: Der Druck ist groß

Liver­pool gehört seit acht Jahren der Fenway Sports Group (FSG) aus Boston. Auch wenn Klopp nicht müde wird zu beteuern, dass alles fast so wie früher ist („Von der Inten­sität und den Leuten her ist das hier Dort­mund sehr ähn­lich und sogar Mainz, obwohl Mainz natür­lich viel kleiner ist“), muss es doch eine Umstel­lung für ihn gewesen sein, nicht mehr im klas­si­schen deut­schen Ver­eins­mo­dell zu arbeiten? Für mich ist der Unter­schied nicht groß“, ant­wortet er.

In Mainz habe ich mit Chris­tian Heidel gespro­chen, in Dort­mund mit Michael Zorc und Aki Watzke und Rein­hard Rau­ball, hier sind es Mike Gordon (Prä­si­dent der FSG, d. Red.) und Sport­di­rektor Michael Edwards. Mike Gordon hat viele Anteile an Liver­pool und FSG, aber mit Tom Werner und John Henry (die FSG-Gründer, d. Red.) habe ich im Tages­ge­schäft nichts zu tun. So gesehen sind es die glei­chen Struk­turen. Wenn ich in Dort­mund einen Spieler haben wollte, habe ich Aki gefragt: Können wir das machen?‘ Dann hat Aki gesagt: Lass mich mal kurz nach­sehen. Nö.‘ Damit war alles klar. So ist das hier mit Mike Gordon auch.“ Klopp weiß natür­lich, was seinem Gegen­über jetzt gerade auf der Zunge liegt, des­wegen schiebt er schnell nach: Denn auch Mike sagt nicht immer ja, auf gar keinen Fall.“

Die Fans halten es mit Klopp

Die großen Deals der letzten Zeit haben auch eine sym­bo­li­sche Wir­kung. Schon lange bevor Loris Karius im Finale der Cham­pions League seinen unglück­li­chen Auf­tritt hatte, fragten sich die Fans des FC Liver­pool, ob Klopp bei seiner Kader­pla­nung wohl an dem­selben blinden Fleck“ leidet, den man lange Arsène Wenger nach­sagte: ein selt­sames Des­in­ter­esse, die Posi­tion des Tor­hü­ters über­durch­schnitt­lich gut zu besetzen.

Dass Klopp nun – tat­säch­lich oder auch nur ver­meint­lich – über seinen Schatten gesprungen ist und einen wei­teren Trans­fer­re­kord gebro­chen hat, um den hoch­ge­lobten bra­si­lia­ni­schen Natio­nal­keeper Alisson Becker zu bekommen, lässt die Men­schen an der Anfield Road hoff­nungs­voll in die Zukunft bli­cken. Da fällt es auch nicht ins Gewicht, dass Alisson eine Woche nach dem Brighton-Spiel in Lei­cester den Ball ver­tän­delt und damit einen (letzt­lich bedeu­tungs­losen) Treffer ver­schuldet. Die Fans halten es mit Klopp, der anschlie­ßend erklärt, dass dieses Gegentor sich als wich­tige Lehre für den Schluss­mann her­aus­stellen wird. 

Die Besitzer des Klubs sind rea­lis­tisch

Eigent­lich ist alles wun­derbar“, sagt Neil Jones. Die Besitzer ver­trauen Klopp, und die Fans – sogar die von anderen Klubs – lieben ihn. Unter ihm ist das Team jedes Jahr besser geworden und spielt attrak­tiven Fuß­ball. Er hat drei End­spiele erreicht: Liga­pokal, Europa League, Cham­pions League. Wie gesagt, eigent­lich ist alles prima.“ Der Reporter hält inne, und man weiß genau, mit wel­chem Wort sein nächster Satz beginnen wird. Aber bald muss er was gewinnen. Und er weiß das genau. Ihm ist bewusst, wie groß der Druck ist.“ 

Die Frage nach dem Druck, bald lie­fern zu müssen, gefällt Klopp noch weniger als das Thema Geld. Druck wird immer nur von außen gemacht, wir haben den ja gar nicht“, sagt er mit einem etwas grim­migen Gesichts­aus­druck. Intern nimmt mir jeder ab, dass ich so erfolg­reich sein möchte, wie es maximal mög­lich ist. Ich setze mir über­haupt keine Limits – aber ich kann doch nicht igno­rieren, dass andere auch kicken können. Konnte ich noch nie.“ Das sind keine Wort­hülsen.

Die Besitzer des Klubs sehen die Sache wirk­lich so rea­lis­tisch, schließ­lich sind sie Geschäfts­leute. Die machen Klopp keinen Druck, denn sie inter­es­sieren sich bloß fürs Geld“, sagt Ste­phanie Jones, die zu einer Fan­grup­pie­rung namens Spirit of Shankly“ gehört. Die Gruppe kämpft darum, dass die Anhänger mehr Ein­fluss beim Klub gewinnen und ihn eines Tages viel­leicht gar über­nehmen können. Die Besitzer müssen sogar dankbar sein, dass sie Klopp haben. Anfang 2016 herrschte großer Unmut unter den Fans, als die Ticket­preise erhöht wurden. Es gab Pro­teste und Boy­kott­auf­rufe, aber das ist jetzt alles ver­gessen. Jetzt hoffen alle, dass Klopp den Titel holt.“