Seite 2: Gespielte Verwirrung

Sechs Stunden, nachdem sein Kon­kur­rent Pep Guar­diola zwei Punkte bei einem Auf­steiger abge­geben hat, sitzt Jürgen Klopp auf einem Tisch in einem kleinen Raum in den Kata­komben des Sta­dions. Er bau­melt mit den Beinen, lässt eine Fla­sche Mine­ral­wasser durch die Finger gleiten und denkt dar­über nach, ob aus ihm wirk­lich ein buddhis­tischer Mönch geworden ist. Einen sol­chen hat man ihn näm­lich gerade genannt, jeden­falls ver­gli­chen mit seiner Zeit in Dort­mund, als er an der Sei­ten­linie Veits­tänze voll­führte.

Schließ­lich sagt Klopp: Um ehr­lich zu sein, fand ich nicht, dass ich heute die Ruhe selbst war. Ich habe schon einiges rein­ge­rufen. Wir haben jetzt, zu Sai­son­be­ginn, relativ viel Zeit, um an Dingen zu arbeiten, aber wenn die Jungs ins Spielen kommen, ver­lieren sie zuerst die Orga­ni­sa­tion. Da muss man noch ziem­lich intensiv auf sie ein­wirken, das habe ich heute gemacht.“ Er nimmt einen Schluck aus der Fla­sche und grinst sein Klopp-Grinsen. Aber ich bin wirk­lich ruhiger. Die ganz wilden Zeiten sind vorbei. Ich bin ein­fach älter und tat­säch­lich so etwas Ähn­li­ches wie erwachsen geworden, auch wenn ich länger gebraucht habe.“

Man kann hören, was die Fans denken und doch nicht sagen

Dabei hatte Klopp an diesem Nach­mittag reich­lich Gele­gen­heit, in seinen alten Der­wisch­modus zu ver­fallen. Gegen den Außen­seiter Brighton & Hove Albion beginnt seine Elf furios und geht ver­dient in Füh­rung, natür­lich durch Mo Salah. Doch nach der Pause ver­liert die Heimelf den Faden, und die Men­schen im Sta­dion beschleicht das Gefühl, ein Spiel wie dieses schon viel zu oft gesehen zu haben. Schließ­lich stol­perte Liver­pool früher gerne mal über die soge­nannten Kleinen.

Und tat­säch­lich – in der 88. Minute steht Brigh­tons deut­scher Spiel­ma­cher Pascal Groß plötz­lich völlig frei vor dem Tor und köpft den Ball in den Winkel. Das heißt, dort wäre er gelandet. Doch mit einem Reflex dreht Alisson Becker, Liver­pools 62,5 Mil­lionen Euro teurer Tor­wart, das Leder gerade noch um den Pfosten. Das ist der zweite Moment dieses Tages, an dem man gera­dezu hören kann, was die Fans denken und doch nicht sagen: Das kann unser Jahr werden.

Die eng­li­sche Presse liegt Klopp zu Füßen

Auch wenn Klopp in seinen knapp drei Sai­sons beim FC Liver­pool ruhiger und viel­leicht sogar erwachsen geworden ist, so bleibt es doch erstaun­lich, dass er sich in Eng­land ganz genauso bewegt und ver­hält und wahr­ge­nommen wird wie einst in Deutsch­land. Als auf der Pres­se­kon­fe­renz jemand fragt, ob ihn die sieg­ret­tende Parade von Becker beson­ders gefreut habe, weil es doch Kritik an dem teuren Transfer gab, run­zelt er in gespielter Ver­wir­rung die Stirn.

Gab es Kritik?“, fragt er zurück. Hier? In Eng­land?“ Die ersten Reporter lachen schon, da fügt Klopp hinzu: In diesem Land wird man doch immer gelobt, wenn man viel Geld aus­gibt, oder?“ Und zur Vor­stel­lung seiner Mann­schaft meint er: Wir haben nach der Pause nichts von dem gemacht, was wir in der Kabine bespro­chen hatten. Es muss an meinem Eng­lisch liegen.“ So etwas käme Guar­diola nicht über die Lippen, geschweige denn dem gries­grä­migen José Mour­inho. Briten wissen Witze auf eigene Kosten beson­ders zu schätzen, auch des­halb liegt die kom­plette eng­li­sche Presse Klopp so zu Füßen, wie es früher die deut­sche tat. 

It’s all good“

Natür­lich war das ein Scherz“, sagt Klopp etwas später, als die Jour­na­listen auf dem Weg in ihre Redak­tionen sind und die Fans schon beim dritten Sieges-Pint im Pub. Für das biss­chen Fuß­ball ist mein Eng­lisch inzwi­schen absolut gut genug. Die Jungs haben sich daran gewöhnt, wie ich spreche. Sie ver­stehen mich ver­mut­lich besser, als sie meine Vor­gänger ver­standen haben. Die kamen aus Nord­ir­land und Schott­land und hatten einen richtig starken Akzent. Ich habe ja viele aus­län­di­sche Spieler im Team. Die kommen mit meinem Eng­lisch besser klar als mit dem von einem Native speaker.“

Auch seine aller­wich­tigste Rede­wen­dung – das abschlie­ßende, beru­hi­gende Alles gut“ – hat Klopp sauber nach Liver­pool trans­por­tiert bekommen. Als man ihn fragt, ob er mit dem Tag zufrieden ist, zählt er auf: kein Gegentor, ein Sieg, drei Punkte, die Tabel­len­füh­rung. Also: It’s all good.“