Es sind noch mehr als drei Stunden bis zum Beginn des Spiels, doch The Park“ ist bereits gut gefüllt. Der Pub bezeichnet sich selbst als world famous, und da ist durchaus was dran. Wenn man aus der Ein­gangstür tritt und die Straße über­quert, steht man direkt vor dem Kop, der mythen­um­rankten Fan­tri­büne des Sta­dions an der Anfield Road in Liver­pool. Des­wegen trinken sich hier vor allem – aber nicht nur – Fans warm, die von weither kommen und den ganzen Tag in Sta­di­onnähe ver­bringen wollen. Man hört neben Scouse, dem berüch­tigten lokalen Dia­lekt, auch deut­sche, däni­sche oder nor­we­gi­sche Stimmen. 

Jetzt aber nicht mehr, denn jetzt hat Leroy Sané den Ball. Im Mit­tags­spiel zwi­schen Neu­ling Wol­ver­hampton Wan­de­rers und Meister Man­chester City steht es 1:1, als der deut­sche Natio­nal­spieler in der 95. Minute zum Dribb­ling ansetzt. In The Park“ erstirbt jedes Gespräch, alle Augen­paare ruhen auf den vielen Bild­schirmen, die hier hängen. Sané zieht von außen in die Mitte und geht an einem Gegner vorbei. Dann am zweiten. Dann am dritten, vierten, fünften. Der Ball kommt 17 Meter vor dem Tor zu Sergio Agüero. Foul, Pfiff, Frei­stoß. Stöhnen klingt in jeder Sprache gleich, wes­halb jetzt ein ein­ziger kol­lek­tiver Laut der Ent­täu­schung The Park“ erfüllt.

Das kann unser Jahr werden“

Jeder Fan hier weiß, was nun pas­siert. In Eng­land haben Tore tief in der Nach­spiel­zeit Tra­di­tion, und natür­lich fallen sie stets für die Groß­klubs und gegen die tap­feren Außen­seiter. Agüero läuft an. Er dreht den Ball über die Mauer. Der Tor­wart hat das geahnt, trotzdem schafft er es nicht mehr, recht­zeitig ins bedrohte Eck zu kommen. Der Ball prallt an die Latte. 

Man sollte meinen, dass die Men­schen jetzt jubeln würden, schließ­lich lässt gerade der große Favorit auf den Titel in der Pre­mier League uner­wartet zwei Punkte liegen. Doch nie­mand schreit, nie­mand umarmt den Nach­barn. Die Fans in den roten Tri­kots ballen die Faust oder nicken ent­schlossen, dann wird die nächste Runde bestellt. Fast kann man den Satz, der in der Luft liegt, mit Händen greifen. Man lauscht in den Pub, doch man hört ihn nicht, weder auf Scouse noch auf Deutsch oder Dänisch oder Nor­we­gisch. Der Satz lautet: Das kann unser Jahr werden. 

Es reicht jetzt“

Jeder in dieser Stadt denkt das, aber nie­mand wird es laut aus­spre­chen“, sagt Ste­phanie Jones. Sie ist in einem Haus neben dem Sta­dion auf­ge­wachsen und reist zu jedem Heim­spiel aus London an. Sie war in Dort­mund, als Liver­pool 2001 den UEFA-Pokal gewann. Sie war in Istanbul, als der Klub vier Jahre später die Cham­pions League holte. Und natür­lich war sie auch in Car­diff, als Liver­pool 2006 den FA-Cup errang. Das waren tolle Momente, unver­gess­liche Spiele, doch es war nicht der Hei­lige Gral. Wir warten seit fast dreißig Jahren auf die Meis­ter­schaft“, sagt sie. Es reicht jetzt.“ 

Der Mann, dem sie hier zutrauen, dass er das Warten end­lich beendet, ist ein mitt­ler­weile 51-jäh­riger bär­tiger und all­ge­gen­wär­tiger Schwabe. Im Pub hängt ein Schal mit seinem Kon­terfei über dem Tresen, im Bier­garten begegnet er einem als Gemälde auf Holz mit dem Zusatz Y.N.W.A.“, ein Stück die Straße hinab steht er als lebens­großer Papp­auf­steller vor einem Fast-Food-Stand und infor­miert die Pas­santen, dass das kuli­na­ri­sche Angebot Klopp Dogs“ umfasst.

Unten in der Stadt ist gerade Inter­na­tional Beat­le­week“; im Cavern Club treten rund um die Uhr Beatles-Cover­bands auf, und vor dem berühmten Adelphi Hotel stehen die Leute Schlange, um eine Beatles-Con­ven­tion zu besu­chen. Doch hier an der Anfield Road spielen die Fab Four nur die zweite Gitarre. Hier herrscht Klopp­mania. 

Sechs Stunden, nachdem sein Kon­kur­rent Pep Guar­diola zwei Punkte bei einem Auf­steiger abge­geben hat, sitzt Jürgen Klopp auf einem Tisch in einem kleinen Raum in den Kata­komben des Sta­dions. Er bau­melt mit den Beinen, lässt eine Fla­sche Mine­ral­wasser durch die Finger gleiten und denkt dar­über nach, ob aus ihm wirk­lich ein buddhis­tischer Mönch geworden ist. Einen sol­chen hat man ihn näm­lich gerade genannt, jeden­falls ver­gli­chen mit seiner Zeit in Dort­mund, als er an der Sei­ten­linie Veits­tänze voll­führte.

Schließ­lich sagt Klopp: Um ehr­lich zu sein, fand ich nicht, dass ich heute die Ruhe selbst war. Ich habe schon einiges rein­ge­rufen. Wir haben jetzt, zu Sai­son­be­ginn, relativ viel Zeit, um an Dingen zu arbeiten, aber wenn die Jungs ins Spielen kommen, ver­lieren sie zuerst die Orga­ni­sa­tion. Da muss man noch ziem­lich intensiv auf sie ein­wirken, das habe ich heute gemacht.“ Er nimmt einen Schluck aus der Fla­sche und grinst sein Klopp-Grinsen. Aber ich bin wirk­lich ruhiger. Die ganz wilden Zeiten sind vorbei. Ich bin ein­fach älter und tat­säch­lich so etwas Ähn­li­ches wie erwachsen geworden, auch wenn ich länger gebraucht habe.“

Man kann hören, was die Fans denken und doch nicht sagen

Dabei hatte Klopp an diesem Nach­mittag reich­lich Gele­gen­heit, in seinen alten Der­wisch­modus zu ver­fallen. Gegen den Außen­seiter Brighton & Hove Albion beginnt seine Elf furios und geht ver­dient in Füh­rung, natür­lich durch Mo Salah. Doch nach der Pause ver­liert die Heimelf den Faden, und die Men­schen im Sta­dion beschleicht das Gefühl, ein Spiel wie dieses schon viel zu oft gesehen zu haben. Schließ­lich stol­perte Liver­pool früher gerne mal über die soge­nannten Kleinen.

Und tat­säch­lich – in der 88. Minute steht Brigh­tons deut­scher Spiel­ma­cher Pascal Groß plötz­lich völlig frei vor dem Tor und köpft den Ball in den Winkel. Das heißt, dort wäre er gelandet. Doch mit einem Reflex dreht Alisson Becker, Liver­pools 62,5 Mil­lionen Euro teurer Tor­wart, das Leder gerade noch um den Pfosten. Das ist der zweite Moment dieses Tages, an dem man gera­dezu hören kann, was die Fans denken und doch nicht sagen: Das kann unser Jahr werden.

Die eng­li­sche Presse liegt Klopp zu Füßen

Auch wenn Klopp in seinen knapp drei Sai­sons beim FC Liver­pool ruhiger und viel­leicht sogar erwachsen geworden ist, so bleibt es doch erstaun­lich, dass er sich in Eng­land ganz genauso bewegt und ver­hält und wahr­ge­nommen wird wie einst in Deutsch­land. Als auf der Pres­se­kon­fe­renz jemand fragt, ob ihn die sieg­ret­tende Parade von Becker beson­ders gefreut habe, weil es doch Kritik an dem teuren Transfer gab, run­zelt er in gespielter Ver­wir­rung die Stirn.

Gab es Kritik?“, fragt er zurück. Hier? In Eng­land?“ Die ersten Reporter lachen schon, da fügt Klopp hinzu: In diesem Land wird man doch immer gelobt, wenn man viel Geld aus­gibt, oder?“ Und zur Vor­stel­lung seiner Mann­schaft meint er: Wir haben nach der Pause nichts von dem gemacht, was wir in der Kabine bespro­chen hatten. Es muss an meinem Eng­lisch liegen.“ So etwas käme Guar­diola nicht über die Lippen, geschweige denn dem gries­grä­migen José Mour­inho. Briten wissen Witze auf eigene Kosten beson­ders zu schätzen, auch des­halb liegt die kom­plette eng­li­sche Presse Klopp so zu Füßen, wie es früher die deut­sche tat. 

It’s all good“

Natür­lich war das ein Scherz“, sagt Klopp etwas später, als die Jour­na­listen auf dem Weg in ihre Redak­tionen sind und die Fans schon beim dritten Sieges-Pint im Pub. Für das biss­chen Fuß­ball ist mein Eng­lisch inzwi­schen absolut gut genug. Die Jungs haben sich daran gewöhnt, wie ich spreche. Sie ver­stehen mich ver­mut­lich besser, als sie meine Vor­gänger ver­standen haben. Die kamen aus Nord­ir­land und Schott­land und hatten einen richtig starken Akzent. Ich habe ja viele aus­län­di­sche Spieler im Team. Die kommen mit meinem Eng­lisch besser klar als mit dem von einem Native speaker.“

Auch seine aller­wich­tigste Rede­wen­dung – das abschlie­ßende, beru­hi­gende Alles gut“ – hat Klopp sauber nach Liver­pool trans­por­tiert bekommen. Als man ihn fragt, ob er mit dem Tag zufrieden ist, zählt er auf: kein Gegentor, ein Sieg, drei Punkte, die Tabel­len­füh­rung. Also: It’s all good.“ 

Welch hohes Ansehen Klopp in Liver­pool genießt, sieht man viel­leicht am besten daran, dass es kein Lied über ihn gibt. Als Salah gegen Brighton trifft, schmet­tern die Fans auf dem Kop ihren Song über den ägyp­ti­schen König, der den Flügel ent­lang­stürmt. Auch das Lied, in dem neben Salah noch seine Angriffs­partner Sadio Mané und Roberto Fir­mino gewür­digt werden, schallt durch Anfield. Doch als Klopp nach dem Spiel den Fans applau­diert, klat­schen sie nur zurück. Froh, aber stumm.

Natür­lich gab es hier mal einen Klopp-Song. Er basierte auf einem der übelsten Hits aller Zeiten, Live is Life“ von Opus. Zwar hat Klopp bei seiner Ankunft in Liver­pool in einem Inter­view erzählt, dass er die Beatles und Genesis mag und einst Kiss-Fan war, aber er trat bis­lang nicht als Experte für Pop­kultur in Erschei­nung. Es hatte also keine ästhe­ti­schen Gründe, als er bei einem Spiel die Fans ein­dring­lich und ges­ten­reich auf­for­derte, den Gesang doch bitte ein­zu­stellen.

Die Fans werden unruhig

Seither werden nur seine Spieler besungen, nicht der Trainer. Kurz vorher hatte sich Klopp übri­gens beklagt, dass viele Zuschauer schon vor dem Abpfiff gehen. Auch das tun sie nicht mehr. Kein Zweifel: Im roten Teil von Liver­pool wird das gemacht, was Jürgen Klopp will. 

Zur Wahr­heit gehört aller­dings auch, dass die Klopp­mania in Liver­pool nicht immer so intensiv gelebt wurde wie in diesen Wochen und Monaten. Seine Bemer­kung über das Geld­aus­geben in Eng­land war mehr als nur ein Witz. In der Tat werden die Fans hier äußerst unruhig, wenn man sich auf dem Trans­fer­markt zurück­hält. Beson­ders dann, wenn die Rivalen – allen voran die beiden Klubs aus Man­chester – mit Kohle nur so um sich werfen, wäh­rend man selbst einen Star wie Phil­ippe Cou­t­inho nach Bar­ce­lona ziehen lassen muss.

Die Erfah­rung mit den Bayern nagt an Klopp

Doch seit Jah­res­be­ginn hat sich die Lage gründ­lich ver­än­dert. Inzwi­schen ist es der FC Liver­pool, der tief in die Tasche greift. Erst im Januar zahlte man die Phan­ta­sie­summe von 84,5 Mil­lionen Euro für einen Ver­tei­diger, Virgil van Dijk. Und im Sommer gab Klopp für Alisson, Naby Keita und Fabinho noch mal 167,5 Mil­lionen aus, mehr als Guar­diola und Mour­inho zusammen.

Klopp hat mir mal gesagt, dass es 2013 jemanden gab, der nicht wollte, dass sein Team den nächsten Schritt macht“, erin­nert sich der Jour­na­list Neil Jones, der lange beim Liver­pool Echo“ gear­beitet hat und jetzt für Goal​.com über den Verein schreibt. Damit meinte er natür­lich die Bayern, die ihm damals die besten Spieler weg­ge­kauft haben. Ich glaube, er will um jeden Preis ver­hin­dern, dass ihm das noch mal pas­siert. Des­wegen macht er von dem Geld Gebrauch, das ihm hier zur Ver­fü­gung steht.“

Kon­kur­renz mit Ver­einen, die ganzen Län­dern gehören

Jürgen Klopp strahlt nicht gerade vor Ver­gnügen, wenn man das Thema Finanzen anspricht. Er hat sich im Sommer eine Menge Spott von Anhän­gern von Man­chester United anhören müssen, weil er vor zwei Jahren einige kri­ti­sche Sprüche über den sünd­haft teuren Transfer von Paul Pogba abließ, nun aber selbst in den Dimen­sionen ein­kaufen geht, die er gegei­ßelt hat. Wir haben kein Füll­horn, aus dem man sich ständig bedienen kann, das wird falsch gesehen“, sagt er und stellt die Was­ser­fla­sche auf dem Tisch ab.

Selbst die ist gebrandet: Auf ihrem Eti­kett prangt das Liver­pool-Logo. Man muss immer die Umstände bedenken. Ja, wir haben viel Geld. Aber da die anderen Klubs in Eng­land genauso viel haben, ist das über­haupt kein Wett­be­werbs­vor­teil für uns. Wir müssen nicht drum herum­reden: Wir kon­kur­rieren inzwi­schen ja mit Ver­einen, die ganzen Län­dern gehören.“ 

Liver­pool gehört seit acht Jahren der Fenway Sports Group (FSG) aus Boston. Auch wenn Klopp nicht müde wird zu beteuern, dass alles fast so wie früher ist („Von der Inten­sität und den Leuten her ist das hier Dort­mund sehr ähn­lich und sogar Mainz, obwohl Mainz natür­lich viel kleiner ist“), muss es doch eine Umstel­lung für ihn gewesen sein, nicht mehr im klas­si­schen deut­schen Ver­eins­mo­dell zu arbeiten? Für mich ist der Unter­schied nicht groß“, ant­wortet er.

In Mainz habe ich mit Chris­tian Heidel gespro­chen, in Dort­mund mit Michael Zorc und Aki Watzke und Rein­hard Rau­ball, hier sind es Mike Gordon (Prä­si­dent der FSG, d. Red.) und Sport­di­rektor Michael Edwards. Mike Gordon hat viele Anteile an Liver­pool und FSG, aber mit Tom Werner und John Henry (die FSG-Gründer, d. Red.) habe ich im Tages­ge­schäft nichts zu tun. So gesehen sind es die glei­chen Struk­turen. Wenn ich in Dort­mund einen Spieler haben wollte, habe ich Aki gefragt: Können wir das machen?‘ Dann hat Aki gesagt: Lass mich mal kurz nach­sehen. Nö.‘ Damit war alles klar. So ist das hier mit Mike Gordon auch.“ Klopp weiß natür­lich, was seinem Gegen­über jetzt gerade auf der Zunge liegt, des­wegen schiebt er schnell nach: Denn auch Mike sagt nicht immer ja, auf gar keinen Fall.“

Die Fans halten es mit Klopp

Die großen Deals der letzten Zeit haben auch eine sym­bo­li­sche Wir­kung. Schon lange bevor Loris Karius im Finale der Cham­pions League seinen unglück­li­chen Auf­tritt hatte, fragten sich die Fans des FC Liver­pool, ob Klopp bei seiner Kader­pla­nung wohl an dem­selben blinden Fleck“ leidet, den man lange Arsène Wenger nach­sagte: ein selt­sames Des­in­ter­esse, die Posi­tion des Tor­hü­ters über­durch­schnitt­lich gut zu besetzen.

Dass Klopp nun – tat­säch­lich oder auch nur ver­meint­lich – über seinen Schatten gesprungen ist und einen wei­teren Trans­fer­re­kord gebro­chen hat, um den hoch­ge­lobten bra­si­lia­ni­schen Natio­nal­keeper Alisson Becker zu bekommen, lässt die Men­schen an der Anfield Road hoff­nungs­voll in die Zukunft bli­cken. Da fällt es auch nicht ins Gewicht, dass Alisson eine Woche nach dem Brighton-Spiel in Lei­cester den Ball ver­tän­delt und damit einen (letzt­lich bedeu­tungs­losen) Treffer ver­schuldet. Die Fans halten es mit Klopp, der anschlie­ßend erklärt, dass dieses Gegentor sich als wich­tige Lehre für den Schluss­mann her­aus­stellen wird. 

Die Besitzer des Klubs sind rea­lis­tisch

Eigent­lich ist alles wun­derbar“, sagt Neil Jones. Die Besitzer ver­trauen Klopp, und die Fans – sogar die von anderen Klubs – lieben ihn. Unter ihm ist das Team jedes Jahr besser geworden und spielt attrak­tiven Fuß­ball. Er hat drei End­spiele erreicht: Liga­pokal, Europa League, Cham­pions League. Wie gesagt, eigent­lich ist alles prima.“ Der Reporter hält inne, und man weiß genau, mit wel­chem Wort sein nächster Satz beginnen wird. Aber bald muss er was gewinnen. Und er weiß das genau. Ihm ist bewusst, wie groß der Druck ist.“ 

Die Frage nach dem Druck, bald lie­fern zu müssen, gefällt Klopp noch weniger als das Thema Geld. Druck wird immer nur von außen gemacht, wir haben den ja gar nicht“, sagt er mit einem etwas grim­migen Gesichts­aus­druck. Intern nimmt mir jeder ab, dass ich so erfolg­reich sein möchte, wie es maximal mög­lich ist. Ich setze mir über­haupt keine Limits – aber ich kann doch nicht igno­rieren, dass andere auch kicken können. Konnte ich noch nie.“ Das sind keine Wort­hülsen.

Die Besitzer des Klubs sehen die Sache wirk­lich so rea­lis­tisch, schließ­lich sind sie Geschäfts­leute. Die machen Klopp keinen Druck, denn sie inter­es­sieren sich bloß fürs Geld“, sagt Ste­phanie Jones, die zu einer Fan­grup­pie­rung namens Spirit of Shankly“ gehört. Die Gruppe kämpft darum, dass die Anhänger mehr Ein­fluss beim Klub gewinnen und ihn eines Tages viel­leicht gar über­nehmen können. Die Besitzer müssen sogar dankbar sein, dass sie Klopp haben. Anfang 2016 herrschte großer Unmut unter den Fans, als die Ticket­preise erhöht wurden. Es gab Pro­teste und Boy­kott­auf­rufe, aber das ist jetzt alles ver­gessen. Jetzt hoffen alle, dass Klopp den Titel holt.“ 

Aber nicht irgend­einen Titel, son­dern aus­ge­rechnet den schwie­rigsten von allen. Dafür muss man sich vor Augen halten, wie absurd und uner­klär­lich es ist, dass Liver­pool schon so lange auf die Meis­ter­schaft wartet. Als der Klub im Jahre 1990 seinen 18. Titel fei­erte, war er mit so großem Vor­sprung eng­li­scher Rekord­meister, dass kein ein­ziger Fan sich auch nur vor­stellen konnte, diesen Ehren­namen jemals ablegen zu müssen. Schon gar nicht wegen eines Teams wie Man­chester United, das damals läp­pi­sche sieben Meis­ter­schaften auf dem Konto hatte.

Doch seither wurde Schei­tern in der Liga zur Liver­pooler Spe­zia­lität – man denke nur an Steven Ger­rard, der 2014 in der Nach­spiel­zeit gegen Chelsea aus­rutschte und damit die vor­ent­schei­dende Nie­der­lage ein­lei­tete. 

Wie soll man da rea­lis­tisch bleiben?

Des­wegen hat Klopp recht: Der Druck ent­steht im Außen. Er ent­steht durch die Hoff­nungen von Men­schen auf der ganzen Welt, für die der FC Liver­pool mehr ist als nur ein Verein. This means more“ – so lautet auch der Titel einer im Früh­ling gestar­teten Kam­pagne des Klubs. Beim Spiel gegen Brighton laufen Wörter über die Wer­be­banden, die durch­ge­stri­chen sind und durch stärke Begriffe ersetzt wurden.

In Liver­pool singt man kein Lied, liest man dort, son­dern eine Hymne. Die Anfield Road ist kein Sta­dion, son­dern eine Heimat. Und dann steht da, dass der Trainer kein Manager ist, son­dern ein Guar­dian – ein Wächter, Bewahrer, Hüter. Und da soll man keinen Druck haben? Da soll man rea­lis­tisch bleiben? An einem Ort, wo in erster Linie Träume ver­kauft werden? 

Größer als Jesus?

Natür­lich spürt man all das“, sagt Klopp. Aber Träume sind ja nicht an Zeit­fenster gebunden. Viel­leicht werden wir Meister. Viel­leicht auch nicht. Es geht darum, dass wir auf dem Weg zum maximal mög­li­chen Erfolg eine gute Zeit zusammen haben. Und die haben wir. Ob ich dann am Ende mal irgendwas anfassen darf oder nicht, das wird man sehen. Wenn nicht, dann wird es diesen Verein nicht umbringen. Ver­spre­chen kann ich nur das: Wir werden alles dafür tun, alles aus dieser Saison raus­zu­quet­schen.“ Er greift nach der Fla­sche und nimmt einen letzten Schluck, bevor ein langer Tag für den Hüter des FC Liver­pool zu Ende geht. Er sagt: Und nächste Saison dann wieder.“

Damit hüpft er vom Tisch, öffnet die Tür und ver­schwindet irgendwo in dem Sta­dion, das so viele Men­schen als Heimat betrachten. Draußen ist der Papp­auf­steller ver­schwunden, offen­sicht­lich sind alle Klopp Dogs“ an den Fan gebracht. Im Erd­ge­schoss eines Pubs mit Namen The Twelfth Man“ spielt ein Gitar­rist eine alte Beatles-Nummer. Eine Etage höher stößt Ste­phanie Jones mit ein paar Freunden auf den Sieg an. Keiner von ihnen spricht aus, dass dies Liver­pools Jahr werden kann. Aber wenn es das wirk­lich sein sollte, dann werden sie hier viel­leicht bald sagen, dass Klopp jetzt größer ist als Jesus. Oder ein­fach: It’s all good.