Neu­lich gab Franz Becken­bauer ein Inter­view. Er kai­serte dort wie eh und je zu allen mög­li­chen Themen, und natür­lich konnte man sich an einigen Stellen herz­lich amü­sieren. Zum Bei­spiel bei seiner Ant­wort auf die Frage, ob Mario Man­dzukic nun ange­sichts Lewan­dow­skis Ver­pflich­tung seine Koffer packen könne. Joa, eigent­lich scho“, sagte er.
 
Zunächst wun­derte man sich auch, schließ­lich herrscht im Fuß­ball in Sachen Per­so­nal­po­litik immer höchste Dis­kre­tion. Es wird für gewöhn­lich ver­klau­su­liert und geflos­kelt.

Nach maximal drei Jahren ist Schluss
 
Tat­säch­lich weiß jeder Fuß­ballfan, dass es genau so kommen wird, wie Becken­bauer es pro­phe­zeit, schließ­lich lief es nie anders beim FC Bayern. Wenn ein Stürmer ver­pflichtet wird, muss ein anderer Stürmer gehen. Dabei ging es nie nur um all die Schlaud­raffs, Has­h­emians oder McI­nallys, son­dern vor allem um Tor­ma­schinen, Bomber, Angreifer, die mit­unter auf dem Höhe­punkt ihres Schaf­fens waren. Es ist ein unge­schrie­benes Bayern-Gesetz: Nach maximal drei Jahren ist Schluss an der Säbener Straße.
 
Es gibt dafür zahl­reiche Gründe. Einer­seits wirken die Bayern-Groß­kop­ferten wie Muse­ums­wärter, die tagein tagaus neben einem Ori­ginal von Jan Ver­meer oder Vin­cent van Gogh stehen, doch nach ein paar Jahren wird die Kunst, so epo­chal sie sein mag, eben ein biss­chen lang­weilig. Ande­rer­seits machte es manchmal auch den Anschein, als trauten die Chefs der Qua­lität ihrer Angreifer nicht – Tor­quote hin oder her. Wenn ein Stürmer am Fließ­band traf, suchten sie nicht selten nega­tive Aspekte im Defen­siv­spiel, wenn er zu wenig traf, dann fragten sie, warum er nicht mal ego­is­ti­scher spiele. Zuletzt war da auch stets die bay­ri­sche Angst vor Zufrie­den­heit mit dem, was man hat. Denn Zufrie­den­heit heißt im Bayern-Kosmos vor allem eines: Sta­gna­tion.
 
Bestes Bei­spiel: Mario Gomez. Der klas­si­sche Straf­raum­bomber und eigent­lich über jeden Zweifel erhaben. In 115 Spielen erzielte er sen­sa­tio­nelle 75 Tore. Selbst in der Saison 2012/13, als er von Ver­let­zungs­sorgen geplagt war und nur neun Mal in der Startelf stand, traf er elf Mal. Im DFB-Pokal-Halb­fi­nale, im April 2013, kam er erst in der 77. Minute und machte trotzdem noch einen Hat­trick. Trotzdem war nach der Saison für den 27-Jäh­rigen Schluss. Es hieß, er passe nicht in das Kon­zept von Pep Guar­diola, der sich eher mit einem spie­lenden Mit­tel­stürmer wie Mario Man­dzukic anfreunden könne.

Roy Makaay und Luca Toni
 
Roy Makaay ist ein anderes Bei­spiel. Seine Quote liest sich ähn­lich beein­dru­ckend: 129 Spiele, 78 Tore. Im März 2007 sagte er noch: Ich kann mir vor­stellen, beim FC Bayern meine Kar­riere zu beenden.“ Zwei Monate später war klar, dass er gehen muss. Es war ein­fach kein Platz mehr im Kader für den besten Bayern-Stürmer seit Gerd Müller, denn der Rekord­meister hatte mit Miroslav Klose und Luca Toni bereits zwei neue Stürmer gekauft. Makaay ver­ließ Mün­chen in Rich­tung Rot­terdam.
 
Und fortan bombte Toni. Auch seine Quote reicht locker, um in der Gat­tung Tor­ma­schine zu fir­mieren: 38 Buden in 60 Spielen. In seiner ersten Saison wurde er mit 24 Tref­fern Tor­schüt­zen­könig, zudem war er 26 Mal in seinen 46 Pflicht­spielen am 1:0 betei­ligt. In der zweiten Saison labo­rierte er lange an einer Achil­les­seh­nen­ver­let­zung, trotzdem gelangen ihm 14 Tore in 25 Spielen. Dann war Schluss, auch weil er sich mit Trainer Louis van Gaal über­worfen hatte.

Sogar Gio­vane Elber ging auf dem Höhe­punkt seiner Kar­riere. Er schoss 92 Tore in 169 Spielen. Trotzdem warf Uli Hoeneß ihm im Winter 2002 vor, dass er aus­wärts nichts bringe. Frus­triert ver­kün­dete Gio­vane Elber seinen Abschied, doch Karl-Heinz Rum­me­nigge inter­ve­nierte. Am Ende der Saison 2002/03 wurde Elber mit 21 Tref­fern Tor­schüt­zen­könig. Trotzdem musste er gehen. Ich habe weder vom Trainer noch vom Verein die nötige Rücken­de­ckung bekommen“, sagte er später. Ich bin Tor­schüt­zen­könig geworden, habe geholfen, dass der FC Bayern Deut­scher Meister und Pokal­sieger wird – und zwei Monate später bin ich auf einmal nicht mehr gut genug. Das kann ich bis heute nicht begreifen.“ Elber sprach davon, dass Fuß­baller gut bezahlte moderne Sklaven“ seien. Immerhin: Er hatte es auf sechs Jahre beim FC Bayern geschafft, länger als jeder andere Top­stürmer nach ihm.
 
Mit Mario Man­dzukic ver­hält es sich nun etwas anders, denn er ist kein klas­si­scher Mit­tel­stürmer, der nur den Fuß hin­hält. Er ist ein spie­lender Stürmer, der Räume schafft, und der all die Arbeit erle­digt, für die sich reine Straf­raum­an­greifer zu schade sind. Und trotzdem traf er mehr als pas­sabel. In der Liga machte Man­dzukic bis­lang 25 Tore in 40 Spielen. Und eigent­lich war er bis­lang ganz gut gelitten beim FC Bayern.

Über­ra­gend, über­ra­gend.“

Hasan Sali­ha­midzic hatte Uli Hoeneß den Tipp gegeben: Den kannst du blind kaufen, der wird immer hart arbeiten.“ Jupp Heynckes urteilte einmal, dass Man­dzukic feder­füh­rend für die kämp­fe­ri­sche Note der gesamten Mann­schaft“ sei, und weil er in der Cham­pions League gegen Juventus Turin so mann­schafts­dien­lich arbei­tete, schwärmte Ver­tei­diger Daniel van Buyten nach dem Spiel: Über­ra­gend, über­ra­gend“, und die Süd­deut­sche Zei­tung“ sprach davon, dass er das Solo­pres­sing zu Kunst­form“ erhebe.
 
Am Samstag stand der ehedem Über­ra­gende nicht mal im Kader. Er soll nicht gut trai­niert haben. Das sagte jeden­falls Sport­di­rektor Mat­thias Sammer. Viel­leicht war dies sein kleiner Pro­test. Er weiß: Der Stürmer hat seine Schul­dig­keit getan. Er darf weiter. Die nächste Gra­nate steht bereit. Eine, die auch Mit­tel­stürmer ist, dazu arbeitet, arbeitet, arbeitet, und zudem noch Spiel­ge­stalter und Sechser ist. Robert Lewan­dowski ist noch ein wenig all­roun­diger. Und er ist in aller Munde, fast mehr als jeder andere Stürmer Europas. Er ist einer, der ver­dammte vier Tore gegen Real Madrid schoss.

Wo ist der heiße Scheiß?
 
Denn auch das spielt in den Stürmer-Tausch rein: die Gier nach dem aktu­ellen hei­ßesten Scheiß. Elber mochte zwar Tor­schüt­zen­könig gewesen sein, den klang­vol­leren Namen hatte den­noch Makaay, der mit Depor­tivo La Coruna die spa­ni­sche Meis­ter­schaft gewonnen hatte und irgend­wann von allen großen Klubs Europas umgarnt wurde. Ebenso war es mit Toni. Der hatte immerhin sen­sa­tio­nelle 31 Toren in einer Serie-A-Saison geschossen.
 
Am Montag hat sich auch Oliver Kahn zu der Stürmer-The­matik beim FC Bayern geäu­ßert. Im Kicker“ sagte er: Man­dzukic will den Kampf annehmen. Aber Stürmer bei Bayern zu sein, nein, danke, diese Kar­riere hätte ich nicht machen wollen. Selbst wenn du gut bist, wird ein Lewan­dowski geholt.“ Und wenn du sehr gut bist, erst recht. Lewan­dowski wird es auch erfahren. Spä­tes­tens in drei Jahren.