Per­so­na­li­sierte Sta­di­on­ti­ckets? Alter Hut. Rei­se­ver­bote? Alles schon erlebt. Nur beim Thema Pyro­technik wird Palum­mella hell­hörig. »In Deutsch­land haben sich acht Fans mit Ben­galos ver­brannt?«, fragt der Mann, der 30 Jahre lang Chef der Ultras des SSC Neapel war und bis heute in der Curva B im Stadio San Paolo steht.



Zwei Wörter – Ben­ga­li­sches Feuer – rei­chen, um Erin­ne­rungen an die 70er und 80er Jahre hoch­steigen zu lassen, an UEFA-Cup-Reisen nach Deutsch­land. »Damals haben die deut­schen Fans alle Feu­er­werk abge­brannt, wir kannten das gar nicht«, sagt Palum­mella, der eigent­lich Gen­naro Mon­tuori heißt, aber so nennt ihn in Neapel keiner. »Da wart ihr uns voraus. Als wir das aus­pro­biert haben, wurden wir gleich fest­ge­nommen, auf die Wache geführt und kamen nur gegen Kau­tion raus«, erin­nert sich Palum­mella.

Ita­lie­ni­sche Ver­hält­nisse bald auch in Deutsch­land?

Die Ben­ga­li­schen Feuer waren jedoch das Ein­zige, in dem Deutsch­lands Kurven den ita­lie­ni­schen Fans voraus waren. Denn in Ita­lien hatten sich schon in den 50er und 60er Jahren die ersten Ultra-Bewe­gungen for­miert, bevor sie Jahr­zehnte später auf andere Länder über­sprangen. Und wäh­rend in Deutsch­land nach den acht ver­letzten Fans beim Nürn­berger Aus­wärts­spiel in Bochum über Repres­sa­lien wie per­so­na­li­sierte Tickets, Verbot von Fanu­ten­si­lien und Rei­se­ver­bote für Aus­wärts­fans dis­ku­tiert wird, ist das in Ita­lien schon seit Jahren Rea­lität.

Deut­sche Fans, die vor leeren Kurven bangen, müssen sich fragen: Sind die ita­lie­ni­schen Ver­hält­nisse unsere Zukunft?

Wer in Ita­lien von außer­halb kommt oder sich spontan ein paar Stunden vor Spiel­be­ginn ent­schließt, ins Sta­dion zu gehen, hat oft Pech gehabt. Tickets muss man lange im Voraus kaufen und per Internet oder Vor­ver­kaufs­stelle Name, Adresse, Aus­weis- und sogar Steu­er­nummer angeben, die aus­län­di­sche Fans natür­lich nicht haben. Ver­eine wie der AS Rom haben mitt­ler­weile die Kas­sen­häus­chen am Sta­dion kom­plett abge­baut.

Und die Strafen sind nach den Aus­schrei­tungen der letzten Jahre härter geworden, das Innen­mi­nis­te­rium greift durch. Gerade sind drei Juve-Fans zu Haft­strafen zwi­schen zwei und sieben Monaten ver­ur­teilt worden, weil sie unweit des Sta­dions in Flo­renz mit Knall­kör­pern warfen. Beim Aus­wärts­spiel vor drei Wochen in Bologna wurde ein Rei­se­verbot gegen die Juve-Fans ver­hängt, nachdem ein Poli­zist bei Aus­schrei­tungen ver­letzt wurde. Und Ita­liens Innen­mi­nister Roberto Maroni erwog kürz­lich ein kom­plettes Rei­se­verbot für Fans des SSC Neapel bis zum Sai­son­ende.

»Rei­se­ver­bote sind eine häss­liche Sache«, sagt Napoli-Ultra Palum­mella, »aber Gewalt ist auch eine häss­liche Sache.« Was ihn stört, ist die Tat­sache, dass durch die all­ge­meinen Strafen alle Fans getroffen werden, auch die fried­li­chen. »Wenn ich Mist baue, dann sollen sie mich und meine Gruppe bestrafen, aber doch nicht gleich alle Fans.« Ein Sta­dion ohne Aus­wärts­fans – das sei nicht mehr das­selbe für ihn.

Doch abge­sehen von den Rei­se­ver­boten haben sich die Fans mit den Repres­sa­lien arran­giert. »Es ist doch eine Ehre, eine Aus­zeich­nung, wenn dein Name auf deinem Ticket steht«, sagt Palum­mella, der auch Ver­ständnis für die Maß­nahmen hat. »Im Sta­dion muss wieder eine Zivil­kultur ein­kehren, da sind Kon­trollen not­wendig.« Wer nichts zu ver­ste­cken habe, der sollte doch kein Pro­blem damit haben. Beim Auto­fahren müsse man doch schließ­lich auch den Füh­rer­schein dabei haben. Und die Vor­be­stel­lung der Tickets sei eine reine Orga­ni­sa­ti­ons­frage – für echte Fans kein Pro­blem.

Preise für die beste Cho­reo­grafie

Gene­rell begut­achte Palum­mella, seit 1972 beim »Com­mando Ultrà Curva B«, die moderne Kur­ven­kultur kri­tisch. »Da geht es zu viel um Selbst­dar­stel­lerei, da wollen tau­send Leute ein Monopol auf das Sta­dion«, sagt der Ultra. Viel­mehr als die Repres­sa­lien halte dieses Ver­halten, zusammen mit der gestie­genen Zahl an TV-Über­tra­gungen, viele ein­fache Fans vom Sta­di­on­be­such ab. Im Schnitt wollen der­zeit nur noch 24.408 Zuschauer die Serie-A-Spiele im Sta­dion ver­folgen, 1991/92 waren es noch 34.205 Fans pro Partie, 1984/85 sogar 40.000. Einen Gegen­vor­schlag, die Fan­kurven wieder in fried­liche Bahnen zu lenken, hat Palum­mella aber bereits: »Man könnte Preise für die beste Cho­reo­grafie ver­geben«, schlägt er vor, um neue Moti­va­ti­ons­punkte zu setzen.

Damit es in Deutsch­land nicht so weit kommt, wie es in Ita­lien gekommen ist. »Für euch wären Repres­sa­lien gegen Fans viel schlimmer als für uns, denn ihr nehmt das viel ernster«, sagt Palum­mella. »In Ita­lien führt man schnell ein Verbot ein, und kurze Zeit später ist alles wieder wie vorher, weil sich keiner dran hält.«