Der Juli in Ita­liens Groß­städten kann trist sein. Klar, eine Alt­stadt ist schöner als die andere und die pasta al ragù schmeckt besser als in unseren Träumen, doch die meisten Ita­liener sind zu der Jah­res­zeit aus­ge­flogen. In einem all­jähr­li­chen Ritual über­lässt ein Groß­teil der Bevöl­ke­rung ihre Orte den Tou­risten und flieht ans Meer. Zu heiß ist es vielen Ita­lie­nern in der Stadt. Mitte August sieht das dann schon etwas anders aus. Die Tem­pe­ra­turen sind meist noch ähn­lich, doch viele kommen für die Arbeit zurück ins Urbane. Die Stim­mung in den Bars und Cafés steigt jedoch jedes Jahr erst an einem bestimmten Wochen­ende sprung­haft an.

Wo jeder Tou­rist noch wenige Wochen zuvor aller­höchs­tens geduldet wird, bietet sich bei den Ein­hei­mi­schen plötz­lich ein neuer Gesprächs-Ein­stieg. Schon mit dem lei­sesten Inter­esse am Volks­sport Fuß­ball ver­läuft die Inte­gra­tion auf einmal wie von alleine. Jedem Schalker wird berichtet, wie sich Weston McKennie schlägt; der gefühlt schon ein­ge­bür­gerte Robin Gosens erhitzt die Gemüter in Ber­gamo und in Flo­renz schwärmen die Fans der Viola von Felix Magath, weil der 1983 für den HSV das Euro­pacup-Siegtor gegen den ver­hassten Rivalen Juventus Turin schoss. Solche Szenen sind nun end­lich wieder mög­lich, denn die Serie A feiert am Samstag ihr Come­back. Und auch in diesem Jahr bahnt sich ein packendes Rennen um den Titel an. Hier kommen die fünf hei­ßesten Kan­di­daten auf den Scu­detto im Schnell­durch­lauf.

AC Mai­land: Der Meister als Underdog?

Die Rosso­neri werden als Titel­ver­tei­diger alles daran setzen, die Form aus dem Vor­jahr zu bestä­tigen. Mit Franck Kessié musste der Verein aber einen Schlüs­sel­spieler ablö­se­frei ziehen lassen. Die ganz großen Trans­fers lan­dete der Sport­di­rektor Fredric Mas­sara nicht. Mit dem jungen Charles de Ketelaere vom Club Brügge und dem Cham­pions-League-erfah­renen Divock Origi ver­stärkte er jedoch die Offen­sive in der Breite.

Der Groß­teil der Mann­schaft ist geblieben, wodurch die AC ähn­lich spielen wird wie im Meis­ter­jahr. Ent­schei­dend wird sein, inwie­fern Ismael Ben­nacer im Zen­trum Kessié ersetzen kann. Im Sturm hängt viel an der Form von Oli­vier Giroud, doch mit Origi und Ante Rebic gibt es hier Optionen. Die indi­vi­du­elle Qua­lität im Kader von Ste­fano Pioli kommt nicht ganz an die der Kon­kur­renz ran. Das hieß es aller­dings auch vor einem Jahr.

Juventus Turin: Die Alte Dame“ rap­pelt sich auf

Nach zwei ent­täu­schenden Jahren (Plat­zie­rungen) wird der Rekord­meister den Anspruch haben, wieder um den Titel mit­zu­spielen. Der dies­jäh­rige Kader ist jedoch schwer ein­zu­schätzen. Giorgio Chiel­lini, Mat­thias de Ligt und Paulo Dybala haben den Verein ver­lassen, dafür sind Stars wie Angel di Maria, Paul Pogba und der viel­ver­spre­chende Innen­ver­tei­diger Gleison Bremer gekommen.

Zu Beginn der Saison fehlen mit Pogba (Knie­ver­let­zung), Weston McKennie (Schul­ter­ver­let­zung) und Federico Chiesa (Auf­bau­trai­ning) jedoch gleich meh­rere Startelf­kan­di­daten. Sollten in der Offen­sive alle fit werden und Dusan Vla­hovic seine Leis­tung aus der Rück­runde stei­gern, zählt Juventus zu den Favo­riten auf den Titel. Der zum Null­tarif gekom­mene Di Maria spielte in der Vor­be­rei­tung groß auf und könnte zum Schnäpp­chen der Saison werden. In Turin wird es die größte Her­aus­for­de­rung sein, mit den stets hohen Erwar­tungen umzu­gehen.

Inter Mai­land: Big Rom“ kehrt zurück

Bei Milans Stadt­ri­valen Inter­na­tio­nale eupho­ri­siert die Wie­der­ver­ei­ni­gung des Sturm-Duos aus der Meis­ter­saison die Anhänger. Sollte Romelu Lukaku sich von seiner Chelsea-Zeit unbe­ein­druckt und ähn­lich tor­ge­fähr­lich wie in der Saison 2020/21 zeigen, muss sich die gene­ri­sche Defen­sive auf einiges gefasst machen. Zudem mit seinem Partner Lau­taro Mar­tinez, Joa­quin Correa und Edin Dzeko drei wei­tere Top­stürmer zur Ver­fü­gung stehen.

Sollte es der Klub­füh­rung gelingen, Abwehr­chef Milan Skri­niar zu halten, spielt Inter mit der womög­lich stärksten Elf der Liga. Span­nend wird sein, ob Robin Gosens nach seiner Ver­let­zung an seine starken Leis­tungen für Ata­lanta anknüpfen kann. Das Selbst­ver­ständnis im Verein hat sich seit der Meis­ter­schaft 2021 ver­än­dert. Nachdem die Mann­schaft den erneuten Titel mit nur zwei Punkten Rück­stand ver­passte, wird der Titel­hunger in diesem Jahr umso größer sein.

SSC Neapel: Post-Mer­tens-Depres­sion

Die SSC Neapel steht vor einem bedeu­tenden Umbruch. Mit Dries Mer­tens und Lorenzo Insigne haben zwei iden­ti­täts­stif­tende Spieler den Verein nach neun bzw. Zehn Jahren ver­lassen. Der FC Chelsea warb zudem Abwehr­chef Kal­idou Kouli­baly ab, sodass sich die Mann­schaft offensiv wie defensiv neu sor­tieren muss. Mit Victor Osmihen, Irving Lozano und Matteo Poli­tano sind die Süd­ita­liener vorne den­noch wei­terhin gut auf­ge­stellt. Zumal der 21-jäh­rige geor­gi­sche Neu­zu­gang Khvicha Kva­rats­k­helia in der Vor­be­rei­tung eben­falls Viel­ver­spre­chendes zeigte und der Verein Berichten zufolge kurz vor der Ver­pflich­tung von Serie A‑Dauerläufer Gio­vanni Simeone steht.

Nichts­des­to­trotz wird Luciano Spal­letti die Abgänge der drei Lang­zeit-Nea­po­li­taner kom­pen­sieren müssen. Der Trainer dämpfte in der Vor­be­rei­tung schonmal die Erwar­tungen. Jeder erwartet, dass die Leis­tungen der ver­gan­genen Saison wie­der­holt werden, aber das ist nicht ein­fach. Erneut unter die ersten vier zu kommen wird sehr schwierig sein“, so Spal­letti.

AS Rom: Der Mour­inho-Hype beflü­gelt die Haupt­stadt

Die Roma ist die womög­lich span­nendste Mann­schaft der neuen Serie-A-Saison. José Mour­inho hat die Stadt schon in der ver­gan­genen Saison mit dem Sieg der UEFA Con­fe­rence League in Ekstase ver­setzt. Nun wird das Ziel sein, einen der vier Cham­pions League-Plätze zu ergat­tern. Und dafür wurde ordent­lich ein­ge­kauft. Die Fans brannten kurz nach dem Titel­ge­winn im Mai erneut ein Feu­er­werk ab, als der Verein ihnen den ehe­ma­lige Juve-Star Paulo Dyballa prä­sen­tierte.

Mit Geor­ginio Wij­naldum lotse Mour­inho einen wei­teren Spieler mit Top-Niveau in die Haupt­stadt, sein Schütz­ling Nemanja Matic fand eben­falls den Weg nach Rom. Die Hand­schrift des Star-Trai­ners ist immer mehr zu erkennen. Die Anhänger der Roma befinden sich gefühlt seit Mai in einem Rausch, der durchaus gefähr­lich sein kann. Viel dürfte davon abhängen, inwie­fern Dybala, Nicolò Zaniolo und Co. ihr immenses Poten­zial zeigen können. Denn Mour­inho lässt bekannt­lich trotz geballter Offen­siv­power einen eher zurück­hal­tenden Fuß­ball spielen.

Die Pro­gnose

Momentan ist es schwer vor­stellbar, dass eine Mann­schaft außer­halb dieser fünf um den Titel mit­spielen kann. Die eng getak­teten Monate vor der Welt­meis­ter­schaft werden aus­schlag­ge­bend für den Titel­kampf sein. Die AC Mai­land wird den Erfolg des Vor­jahres nicht wie­der­holen können. Die Mann­schaft von Ste­fano Pioli spielt eine ordent­liche Saison, lässt gegen die großen Ver­eine jedoch zu oft Punkte liegen. Juventus Turin hin­gegen wird einige Wochen brau­chen, um in Fahrt zu kommen, doch dann spielt das Offen­siv­trio Chiesa-Di Maria-Vla­hovic furios auf. Die Turiner spielen bis zum Ende der Saison um den Titel mit.

Der geht aber schluss­end­lich zum dritten Mal in Folge nach Mai­land. Die Ner­ra­zurri, allen voran Romelu Lukaku, werden in dieser Saison unhaltbar sein: Simone Inz­aghi führt das Team in seinem zweiten Jahr zum Titel. Napoli wird Schwie­rig­keiten haben, den Umbruch zu ver­kraften und fliegt aus den Top vier. Die Roma führt ihren Höhen­flug weiter und wird dritter, Milan landet auf Platz vier. So oder auch voll­kommen anders wird es kommen. Eines ist klar: in Ita­lien kehrt am Samstag das wahre Leben zurück.