Was soll denn das werden?“, fragt Kol­lege Nuss­dorfer. So eine Art Selbst­ver­such? Wie schlimm das ist, mor­gens Fuß­ball zu schauen?“ Ich höre ein ner­vöses Lachen, bin etwas erstaunt, dass es aus meinem eigenen Mund kommt, und ant­worte zu schnell. Ja, klar! Es geht darum, wie bescheuert es ist, um 9 Uhr mor­gens eine Liga zu gucken, von der man nichts weiß. Und wie ver­zwei­felt Sky sein muss, dass sie obskure Inhalte von Sport­di­gital über­nehmen, nur damit sie end­lich wieder Live-Fuß­ball zeigen können.“

Natür­lich sage ich Nussi nicht, dass ich nach zehn Tagen Home-Office selbst ver­zwei­felt bin. Wir sollen jetzt alle daheim bleiben und die Zeit mit Fern­sehen tot­schlagen, höre ich immer. Das ist ja schön und gut, aber was soll ich mir denn ansehen? Früher, als man noch raus­ging und gefähr­liche Dinge tat, habe ich manchmal mit den Kol­legen Jür­gens und Kir­schneck beim Ita­liener um die Ecke gegessen. Nach spä­tes­tens fünf Minuten fingen die beiden an, sich über die Serien zu unter­halten, die sie gerade schauen. (Immer als Staffel natür­lich. Und im Ori­gi­nalton, denn anders geht das ja gar nicht!) Ich saß nur da und sto­cherte schwei­gend in der Pasta rum.

Keine Ahnung, wer diese Men­schen sind

Bay­blon Berlin? Zwei Folgen gesehen. Game of Thrones? Eine Folge. Brea­king Bad? Keine Minute. Cher­nobyl? Haus des Geldes? The Wal­king Dead? Fago? Fago, das klingt wie ein bra­si­lia­ni­scher …“ Nein, nicht Fago. Fargo!“ Oh. Tja, ich bin raus. Eigent­lich gucke ich immer nur Fuß­ball. Oder Base­ball. Zum Ent­spannen sogar gerne Golf, weil die Kom­men­ta­toren so etwas Beru­hi­gendes haben. Aber meis­tens Fuß­ball. Meiner Frau gefällt ein Satz sehr gut, den vor einiger Zeit eine Lei­dens­ge­nossin geprägt hat: Haupt­sache, das Bild ist grün.“

Aber unser Bild war schon lange nicht mehr grün, da kam mir eine dürre Pres­se­mit­tei­lung wie gerufen. Sie lau­tete: Am kom­menden Montag wird Sky zwei Begeg­nungen der aus­tra­li­schen A‑League live zeigen. Ermög­licht wird die Live-Über­tra­gung durch eine Koope­ra­tion mit Sky Part­ner­sender Sport­di­gital Fuß­ball.“ Weiter hieß es: Ab 9.00 Uhr wird zunächst die Partie der New­castle Jets gegen den Tabel­len­zweiten Mel­bourne City FC live über­tragen. Perth Glory gegen Wes­tern United steht dann direkt im Anschluss um 11.30 Uhr auf dem Pro­gramm. Kom­men­tiert werden die beiden Begeg­nungen von Karsten Linke und Flo­rian Obst, Uli Pingel führt als Mode­rator im Studio durch den Fuß­ball­vor­mittag.“

Ich hatte keine Ahnung, wer diese Men­schen sind – zuerst dachte ich, Sky hätte sich ver­schrieben und meint Carsten Linke, doch es geht um einen ehe­ma­ligen Ten­nis­kom­men­tator von Euro­sport –, aber das störte mich nicht. Selbst die Tat­sache, dass die A‑League ohne Zuschauer spielt, war mir nach zehn Tagen Entzug egal. Nicht mal die Uhr­zeiten konnten mich schre­cken. Ich habe mal an einem Dienstag um 11 Uhr ein Welt­po­kal­fi­nale gesehen, und die gesamte WM 2002 lief ja mor­gens und vor­mit­tags ab. (Ich sage nur: Eng­land gegen Schweden um 7.30 Uhr.)

Zu Beginn des Spiels ver­meldet Linke für Mel­bourne ein 4−2−3−1, wäh­rend New­castle ein 5−2−2−1, viel­leicht ein 5−4−1 … ist ja auch egal“. Kurz danach kommt die Ein­blen­dung, dass beim aus­tra­li­schen Sender, der die Bilder lie­fert, gleich drei Mann an den Mikros sitzen: Brenton Speed, Andy Harper und Adam Peacock. Speed ist eine Mode­ra­to­ren­le­gende, Harper ein Ex-Profi und Peacock der Autor eines Buches über den Abend, an dem sich Aus­tra­lien für die WM 2006 in Deutsch­land qua­li­fi­zierte. Natür­lich wusste ich das alles vorher nicht, son­dern kann es mir in aller Ruhe zusam­men­goo­geln, wäh­rend die Partie so vor sich hin­läuft.

Viel­leicht kann ich dem Ganzen etwas kon­zen­trierter folgen, indem ich meine Sym­pa­thien klar ver­teile? Das ist heute gar nicht schwierig, denn Mel­bourne City FC gehört zur City Foot­ball Group, was man auch dem Logo ansieht, das ent­fernte Ähn­lich­keit mit dem Wappen von Man­chester City hat. Als die Abu Dhabi United Group den Klub vor sechs Jahren über­nahm, ver­passte sie ihm ein neues Abzei­chen, eine Art heral­di­schen Rekord­ver­such, denn im neuen Logo sind neben dem Schiff aus dem eng­li­schen Mut­ter­wappen auch noch gleich drei ver­schie­dene Tiere zu sehen (ein Wal, ein Bulle und ein Schaf).

Fall­rück­zieher ohne Fans

Ich bin also für die New­castle Jets, die auch viel mehr Tra­di­tion haben, schließ­lich feiert der Klub im Sommer seinen 20. Geburtstag. Prompt haben die Flug­zeuge die beiden besten Aktionen des Spiels. In der 39. Minute ver­fehlt der Ire Roy O’Donovan den Kasten mit einem feinen Fall­rück­zieher nur knapp, in der Nach­spiel­zeit der ersten Hälfte bringt ein richtig schöner Spielzug die über­fäl­lige Füh­rung. Nach der Pause gleicht City völlig über­ra­schend aus, doch nur wenig später gelingt den Jets das 2:1‑Siegtor durch einen halt­baren Fern­schuss.

Als der Schluss­pfiff ertönt, schrecke ich gera­dezu hoch. Ich war in meine Mails ver­tieft und habe das Spiel völlig ver­gessen. Das muss an dieser ein­tö­nigen Geräusch­ku­lisse liegen, die Geis­ter­spiele so an sich haben. Nussi hatte recht, es war schlimm. Oder besser gesagt: völlig sinn­ent­leert. Ich erle­dige weiter meine Arbeit, wäh­rend im Hin­ter­grund Linke und Obst (oder Pingel?) das Geschehen ana­ly­sieren. Dann höre ich plötz­lich Publikum. Ich blicke auf. Man­chester City gegen Liver­pool vom November 2015. Habe ich was ver­passt? Ist das Pro­gramm geän­dert worden? Was ist mit Perth Glory gegen Wes­tern United? SKY, WAS IST MIT PERTH GLORY GEGEN WES­TERN UNITED?