Gleich im Ein­gangs­be­reich des Elek­tro­nik­groß­markts steht ein Tisch, auf dem das Fol­ter­werk­zeug feil­ge­boten wird, das der anstän­dige deut­sche Fan braucht. Es trägt unheil­ver­kün­dende Titel wie Feten­hits – Fuß­ball WM 2010“, WM Rock­party 2010“, Fuß­ball Hits – die Deut­schen“, Halb­zeit – WM Hits 2010„ oder auch Die ulti­ma­tive Chart Show – Die erfolg­reichsten Fuß­ball-Hits aller Zeiten“. Auch Listen Up! The Offi­cial 2010 FIFA World Cup Album“ ist sta­pel­weise prä­sent und mit Goleo Pres­ents His 2006 World Cup Hits“ wird, da Unter­schiede eh nicht aus­zu­ma­chen sind, auch schon Bewährtes auf­ge­wärmt. Die Cover ähneln sich, die Titel über­schneiden sich zuhauf, die Drei­erbox Foot­ball Anthems – 100 Hits“ nennt teil­weise gar keine Inter­pre­ten­namen. Hört sich ja sowieso alles gleich an. Genormter, zyni­scher­weise als Unter­hal­tung dekla­rierter Klang­müll. Erbar­mungslos wird eines der Mach­werke jetzt auch noch auf­ge­legt und sofort strömen Kauf­wil­lige herbei. Was man noch auf­schnappt, bevor man den Ort des Schre­ckens flucht­artig ver­lässt, hat mit unserem alten Schlager zu tun, mit Jahr­markt, Kirmes und Bier­zelt, mit den Nie­de­rungen des rhei­ni­schen Faschings, den Exzessen am Bal­ler­mann, auch mit Marsch­musik, am meisten, wie alles und nichts heut­zu­tage, aber mit dem, was aus der Pop­musik inzwi­schen geworden ist.



Pop & Fuß­ball: Was schon früher bes­ten­falls eine Liaison der Irri­ta­tion und Miss­ver­ständ­nisse gewesen ist, obwohl diese beiden, neben dem Kino, wohl gefühls­in­ten­sivsten Spiel­arten der popu­lären Mas­sen­kultur im Ide­al­fall eine Syn­these aus Kunst und Enter­tain­ment ein­gehen und eigent­lich alles bieten, was der Mensch an Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­boten braucht, ist ver­kommen zu einem schä­bigen Nut­ten­ge­schäft, bei dem schon gar keine Rolle mehr spielt, wer der Freier und wer der Zuhälter ist.

Fuß­ball sei längst schon Teil der Pop­kultur. So dozieren immer mal wieder kluge Leute und weniger kluge plap­pern es nach. Wenn alles, was in den Alltag der Men­schen hin­ein­wirkt und der breiten Masse ober­fläch­li­chen Spaß bereitet, der Pop­kultur zuge­hörig ist, dann ist dem sicher so. Aber man könnte auch fragen, ob es heute eigent­lich auch noch eine andere Kultur gibt. Denn Pop­kultur ist mitt­ler­weile doch alles, was mehr als eine Hand­voll Leute inter­es­siert. Wie also wurde der Fuß­ball, der vor einem halben Jahr­hun­dert defi­nitiv noch nicht zur Pop­kultur gehörte, in kon­zer­tierten Aktionen, die mal den Cha­rakter von hand­streich­ar­tigen Über­nahmen und mal den schlei­chender Unter­wan­de­rung hatten, von der Pop­kultur ver­ein­nahmt.

Das Som­mer­mär­chen – ein Ein­blick in die Vor­hölle

Sturm­reif geschossen wurde die nur noch wenig abwehr­be­reite Fes­tung Fuß­ball vor rund 25 Jahren, aber die Erstür­mung der Bas­tion hatte natür­lich eine län­gere Vor­ge­schichte. Die durch die Total­ver­mark­tung bedingten Exzesse, die heute die Form blanken Ter­rors ange­nommen haben, wären ohne die Ein­füh­rung des Pri­vat­fern­se­hens, dessen Sit­ten­ver­fall sich die öffent­lich-recht­li­chen Sen­de­an­stalten schnell anzu­passen wussten, undenkbar gewesen. Dar­über, dass das Fern­sehen in seiner Gesamt­wir­kung heute nur noch ein gigan­ti­scher Ver­blö­dungs­ap­parat ist, gibt es aus­ge­zeich­nete Fach­li­te­ratur. Man muss das an dieser Stelle nicht im Detail the­ma­ti­sierten, aber es ist die Kulisse, vor der gespielt wird.

Mitte der acht­ziger Jahre traten die Pri­vat­sender auf den Plan und begannen, sich den Fuß­ball zügig ein­zu­ver­leiben. 15 Jahre Auf­bau­ar­beit, in denen frei­lich die immer bou­le­var­desker betrie­bene Bericht­erstat­tung über die Bun­des­liga mehr und mehr mit pop­kul­tu­rellem Zierrat (Musik, Bild­äs­thetik und Mon­ta­ge­tempo der Video­clips) auf­ge­peppt wurde, genügten, bis jenes Gro­ße­vent der Geschmacks­ver­ir­rung insze­niert werden konnte, das manche euphe­mis­tisch Som­mer­mär­chen“ nannten, das in Wahr­heit aber ein Ein­blick in die Vor­hölle war.

Es galt mit­zu­ma­chen, wo alle mit­ma­chen; vor­zu­geben, man sei mächtig an Fuß­ball inter­es­siert, weil es eben alle anderen auch sind; in seltsam genormter Kos­tü­mie­rung zum Public Viewing zu rennen; die WM-Hymnen fünft­klas­siger Bands, die man in geschmacks­si­cheren Zeiten inner­halb von Minuten aus jedem Tanz­schuppen geprü­gelt hätte, mit­zu­grölen.


Für beson­ne­nere Gemüter hatte das etwas beängs­ti­gend Zwang­haftes, nicht weil es mit dem Her­zeigen natio­naler Sym­bole ein­her­ging, son­dern weil es so for­ciert, gelenkt und unecht wirkte. Und das gilt für die ver­zückt krei­schenden kleinen Mäd­chen, denen man auch hätte erzählen können, hier gehe es um Völ­ker­ball, ebenso wie für das geschlechts­lose, sich im eigenen Körper sicht­lich unwohl füh­lende Wesen, das damals wie heute das Kanz­leramt bewohnt und dem die Bera­ter­scharen ein­ge­trich­tert hatten, dass es sich unbe­dingt auch mal in einem WM-Sta­dion bli­cken lassen muss, weil man sonst in den Beliebt­heits­charts der Poli­tiker abkackt. Über­haupt die Poli­tiker, von denen sich längst keiner mehr traut, sich nicht an den Fuß­ball ran­zu­wanzen.

Gell, s Schweini ist süß?“


Das eigent­lich Erschre­ckende aber ist, dass wir, auch wenn wir es uns ein­reden, selbst nicht völlig immun sind gegen die Sedie­rung, die als never ending party daher­kommt, dass wir die ver­füh­re­ri­sche Sog­kraft spüren, die von dem Irr­sinn aus­geht. Warum nicht auch dazu­ge­hören (was ja ein zutiefst mensch­li­ches Ver­langen ist), das Hirn am Ein­gang der Fan­meile frei­willig abgeben und sich in die Heer­scharen der wil­len­losen Zom­bies ein­reihen – es tut bestimmt auch nicht weh. Und aller­spä­tes­tens als unser­eins zu dieser Zeit von der damals etwa zwölf­jäh­rigen Nach­bars­tochter mit der Frage Gell, s Schweini ist süß?“ behel­ligt wurde und ihr wei­teres Gestammel nur dahin­ge­hend zu ent­rät­seln war, dass sie nicht ihr neues Meer­schwein­chen meint, war klar, dass grund­sätz­lich etwas mit der Art und Weise im Argen liegt, wie den Men­schen Fuß­ball nahe gebracht wird.

Früher war bekannt­lich nicht nur alles besser, son­dern auch viel ein­fa­cher und über­sicht­li­cher. Da gab es Men­schen, sehr viele Men­schen sogar, die inter­es­sierten sich für Fuß­ball und es gab welche, auch nicht gerade wenige, denen war Fuß­ball ziem­lich egal. Beide Frak­tionen, die zusammen bestimmt 80% der Bevöl­ke­rung aus­machten, ließen sich gegen­seitig weit­ge­hend in Ruhe und ver­suchten nicht zu mis­sio­nieren. Pro­bleme machten ledig­lich zwei Min­der­heiten. Einer­seits jene kon­ser­va­tiven Spießer aus dem geho­benen Bil­dungs­bür­gertum, die Fuß­ball dün­kel­haft als Betä­ti­gungs­feld für unge­ho­belte Pro­leten abtaten.

Hierzu zählten bis in die sieb­ziger Jahre hinein weite Teile der Leh­rer­schaft, die an sport­li­cher Betä­ti­gung gerade das all­seits ver­hasste Gerä­te­turnen durch­gehen ließen und ansonsten zur Lek­türe eines guten Buches rieten. Und, zwei­tens, jene Linken, die unter dem Ein­fluss der Kul­tur­kritik der Frank­furter Schule meinten, sich dem Fuß­ball genau wie der Rock- und Pop­musik ver­wei­gern zu müssen. Weil beides ja nur zur ideo­lo­gi­schen Ver­blen­dung der Massen von den bösen Kräften des Spät­ka­pi­ta­lismus in die Welt gesetzt worden war.

Viele alt­linke Größen mimen heute den Edelfan

Kurz, es ist noch gar nicht so lange her, dass gegen den Fuß­ball und das Begeis­te­rungs­po­ten­tial seiner Anhänger von zwei Seiten gehörig gehetzt wurde. Der sei­ner­zeit in den ent­spre­chenden Kreisen extrem ange­sagte Polit­barde Franz Josef Degen­hardt brachte in seinem Lied Deut­scher Sonntag“ fol­gende Zeilen zu Gehör: Dann geht’s zu den Schlacht­feld­stätten, um im Geiste mit­zu­treten, mit­zu­schießen, mit­zu­ste­chen, sich für wochen­tags zu rächen; um im Chor Worte zu röhren, die beim Got­tes­dienst nur stören. Schin­ken­speck­ge­sichter lachen, treu­herzig, weil Kno­chen kra­chen …“ Der Sta­di­on­be­su­cher sah also nicht nur aus wie ein von Otto Dix gemaltes Zerr­bild deut­schen Klein­bür­ger­tums, er war auch sadis­tisch ver­an­lagt und ein ver­kappter Faschist. Min­des­tens. Die alten Bil­dungs­spießer sind inzwi­schen weg­ge­storben. Viele alt­linke Größen, die früher zu den vehe­men­testen Fuß­ball­ver­äch­tern zählten, haben im Lauf der acht­ziger und neun­ziger Jahre noch den Sprung aufs Tritt­brett des rasenden Zuges gewagt und mimen heute den Edelfan.

—-
Den voll­stän­digen Text könnt Ihr in der
aktu­ellen Aus­gabe von 11FREUNDE lesen. Jetzt im Handel!