Seite 2: Ist das wirklich Luxemburg?

Schlimmer noch als die stän­dige Angst vor der nächsten Bla­mage war die Emo­ti­ons­lo­sig­keit, mit der auch ich das Trau­er­spiel mitt­ler­weile ver­folgte. Das hei­mi­sche, her­un­ter­ge­kom­mene Josy-Barthel-Sta­dion spie­gelte die Tris­tesse und die Hoff­nungs­lo­sig­keit wieder. Stim­mung kam nur noch sehr selten auf. Einzig und alleine der M‑Block“, eine Ansamm­lung von sym­pa­thi­schen und trink­festen Ultras“ (eine Mischung aus Fami­li­en­vä­tern, jungen Wilden und ehe­ma­ligen Kickern, die sich selbst nicht zu Ernst nehmen und gerne Fuß­ball zusammen anschauen), war bei jedem Heim­spiel voll. Kinder, die im Trikot des eigenen Teams rum­liefen, sah man so gut wie nie. Die meisten Leute hätten eh nicht gewusst, wo es die Tri­kots zu kaufen gab. Wer will es ihnen ver­übeln? Schließ­lich drib­belte ja auch kaum ein Kind mit dem Wunsch durchs Leben, irgend­wann mal so kicken zu können wie Jeff Strasser. 

So schauten wir alle immer weniger auf Luxem­burg und immer mehr über die Grenzen hinweg. Und in der Hoff­nung, Emo­tionen auf­zu­bauen, begann vor jedem großen Tur­nier die Suche nach einem Ersatz­team“, das sich mit gutem Gewissen anfeuern ließ. Eine Art Reise nach Jeru­salem“ des Fan-Seins. Mal fällte ich die Ent­schei­dungen tri­vial, etwa weil eine Nation beson­ders schöne Tri­kots hatte, mal erhoffte ich mir, durch eine beson­ders cle­vere Wahl end­lich einen Erfolg, auch wenn er nicht der eigene war, feiern zu können. Die zahl­rei­chen por­tu­gie­si­schen oder ita­lie­ni­schen Freunde und Bekannte wurden eifer­süchtig beäugt. Denn, auch das stellte sich zuver­lässig bei jedem Tur­nier heraus: Gefühle lassen sich nicht künst­lich herauf beschwören. Die authen­ti­sche Freude anderer Fans rief einem das immer wieder in Erin­ne­rung. So ver­gingen mehr als 20 Jahre. Ein ganzes Fuß­ball­land auf der Suche nach Emo­tionen.

Aus Tris­tesse wird Hoff­nung

Bis 2017. Von der alten Mann­schaft war nichts mehr übrig, selbst Jeff Strasser hatte mitt­ler­weile auf­ge­hört und war jetzt als Trainer aktiv. Der Kader der roten Löwen“ war kaum wieder zu erkennen. Ein Team, das zehn Jahren zuvor nur zwei bis drei Profis vor­zu­weisen hatte, war mitt­ler­weile gespickt mit im Aus­land kickenden Talenten. Spieler wie Leandro Bar­reiro (Mainz 05), Lau­rent Jans (damals SC Pader­born, jetzt Ver­tei­diger bei Stan­dart Lüt­tich) oder auch Chris­to­pher Kiki“ Mar­tins (Cham­pions-League-Teil­nehmer mit YB Bern) hatten dabei geholfen, eine neue, erfolg­rei­chere luxem­bur­gi­sche Iden­tität zu erschaffen. Ein Fuß­ball­zwerg, der plötz­lich wuchs. Längst wurde nicht nur gegen die ver­meint­lich kleinen Gegner wie Lich­ten­stein oder Malta auf einen Sieg gehofft. Denn da war wieder dieses Gefühl wie in den Neun­zi­gern, diese Ahnung, auch große Gegner ärgern zu können.

Doch all diese Gefühle und auch die Mann­schaft selbst waren damals noch furchtbar fragil. Das zeigte sich spä­tes­tens in der Qua­li­fi­ka­tion zur Welt­meis­ter­schaft 2018 in Russ­land. Am 3. Sep­tember 2017 war die Mann­schaft von Trainer Luc Holtz, der das Team 2010 über­nommen hatte, bei den Nach­barn aus Frank­reich zu Gast. Dem spä­teren Welt­meister konnte ein sen­sa­tio­nelles 0:0 abge­rungen werden. Einen Monat später ging die von Lob nur so über­schüt­tete Truppe mit 0:8 (!) und mit wehenden Fahnen in Schweden unter. Wie schnell Euphorie in den jah­re­lang übli­chen Zynismus umschlagen konnte, ließ sich dar­aufhin wun­derbar in der luxem­bur­gi­schen Medi­en­welt beob­achten („Schweden führt Luxem­burg vor“). Zwar erzielte die Mann­schaft immer öfter gute Resul­tate, doch so ganz ver­gaßen die Luxem­burger nie, dass die Ent­täu­schung, die auf einem Anflug von Euphorie folgt, die schlimmste ist. Aber: Die posi­tive Ent­wick­lung setzte sich fort. Alleine im Jahr 2020 konnten vier der zehn Län­der­spiele gewonnen werden. Vier von zehn! Auch ich staunte. Auch bei mir war plötz­lich die Hoff­nung zurück.

Alte Gefühle und neue Hoff­nung

Ver­gan­gener Samstag. Es läuft die 85. Minute. Rein objektiv betrachtet sieht Irland wie der klare Favorit aus, doch das Spiel hat sich bis jetzt als aus­ge­gli­chene Ange­le­gen­heit erwiesen. Gut, die Iren haben mehr Ball­be­sitz, aber Luxem­burg ver­steckt sich nicht und taucht immer wieder vor dem iri­schen Tor auf. Ein Punkt in Irland wäre auf jeden Fall ein Erfolg. Was dann folgt, ver­wan­delt mich inner­halb von Sekunden in mein vier­jäh­riges Ich.

Ein langer Ball aus der starken luxem­bur­gi­schen Ver­tei­di­gung landet über Umwege in den Füßen von Gerson Rodri­gues. Eine kurze Annahme, eine schnelle Dre­hung und ein beherzter Antritt rei­chen, um sich der iri­schen Ver­tei­diger zu ent­le­digen. Er wird doch nicht? Doch, wird er! Ein beherzter Schuss aus 30 Metern, unhaltbar für den iri­schen Tor­wart. 1:0! Für Luxem­burg!! Es bleibt bei diesem einen Tor. Ein Tor, das nicht nur den Sieg bedeutet, son­dern den Luxem­bur­gern im heu­tigen Spiel gegen Por­tugal die Mög­lich­keit gibt, die Tabel­len­füh­rung zu über­nehmen. Ein Tor, das mir gezeigt hat, wie schnell ich mich wieder wie ein kind­lich-naiver Fuß­ballfan fühlen kann. Die Emo­tionen sind wieder da. End­lich. Oder um es im zyni­schen Sound eines Luxem­bur­gers zu sagen: Hat ja auch nur knapp 26 Jahre gedauert.

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