Seite 2: Vorbild Island

Doch Markku Kanerva lässt sich nicht auf diese etwas simple Taktik redu­zieren. Er hat es geschafft, aus Spie­lern der unter­schied­lichsten Ver­eine eine Mann­schaft zu formen“, sagt René Schwarz. Der selbst­stän­dige Texter und Autor hat eine fin­ni­sche Mutter und befasst sich in seinem FinnTouch“-Blog mit dem Land ganz im Norden Europas. Auch den dor­tigen Fuß­ball ver­folgt er seit seiner Kind­heit. 

Im November 2016 ver­fasste er einen Artikel mit der Frage: Ist der fin­ni­sche Fuß­ball am Ende?“ Aus­löser war der größte Skandal der lan­des­ei­genen Fuß­ball­ge­schichte: Roman Ere­menko, der damals wohl beste Fuß­baller des Landes, wurde bei einer Doping­probe des Koka­in­kon­sums über­führt – und anschlie­ßend für zwei Jahre gesperrt. Hinzu kamen mas­sive struk­tu­relle wie finan­zi­elle Pro­bleme im Ver­band und in der Liga. Doch wie so oft war dieses dro­hende Ende auch ein Anfang. 

Vom Grund­schul­lehrer zum Pro­fessor

Und zwar jener von Markku Kanerva. Der hatte die Natio­nal­mann­schaft zwar schon zweimal inte­rims­weise betreut, doch erst im Dezember 2016 konnte sich der Ver­band dazu durch­ringen, ihn auch dau­er­haft anzu­stellen. Zuvor hatten die Ver­ant­wort­li­chen immer wieder auf aus­län­di­sche Trainer gesetzt. Doch weder Roy Hodgson noch sein Lands­mann Stuart Baxter oder der Schwede Hans Backe konnten den Traum von einem großen Tur­nier ver­wirk­li­chen.

Im Gegen­satz zu seinen Vor­gän­gern kommt Kanerva etwas bieder daher. Pro­fessor“ nennen ihn Fans und Medien. Statt mit inter­na­tio­naler Erfah­rung über­zeugt der ehe­ma­lige Grund­schul­lehrer mit nüch­ternem Ergeb­nis­fuß­ball. 

Men­ta­lität und Kampf­geist

Durch diesen hat er nun beste Chancen, den fin­ni­schen Neu­an­fang zu ver­edeln, auch weil der Grup­pen­sieg in der Nations League eine zusätz­liche Chance zur Qua­li­fi­ka­tion bietet. Dass die Mis­sion Euro 2020“ dabei Par­al­lelen zu einem anderen skan­di­na­vi­schen Fuß­ball-Mär­chen auf­weist, will Blogger Schwarz nicht ver­hehlen. Im Gegen­teil: Natür­lich ist Island ein Vor­bild. Sie haben es mit noch weniger Ein­woh­nern, dafür aber mit umso mehr Men­ta­lität und Kampf­geist geschafft, sich für zwei große Tur­niere hin­ter­ein­ander zu qua­li­fi­zieren.“ Das schürt die Hoff­nungen auf den eigenen Erfolg: Nie zuvor habe ich so sehr an die Qua­li­fi­ka­tion für ein großes Tur­nier geglaubt.“

Auch in Sachen Begeis­te­rung eifern die Finnen ihren skan­di­na­vi­schen Kol­legen nach. Bei den jüngsten Heim­spielen herrschte beste Stim­mung auf den Rängen. Hinter einer Flagge mit der Auf­schrift Poh­jois­ka­arre“ (dt. Nord­kurve“) ver­sam­melte sich eine ganze Reihe junger, san­ges­freu­diger Fans. Sogar einen Vor­sänger, Trom­meln und einen Fan­marsch inklu­sive Pyro­technik hatten sie im Gepäck – Stil­ele­mente wie bei Ultra­gruppen von Ver­eins­mann­schaften. 

All das in einem Land, in dem Fuß­ball bis­lang ein Schat­ten­da­sein fris­tete. Volks­sport ist Eis­ho­ckey. Kein Wunder, bei gefühlten elf Monaten Winter im Jahr. Doch mit den jüngsten Erfolgen wächst auch die Euphorie. So hat ein fin­ni­sches Fuß­ball­ma­gazin der­zeit eine ganze Menge Posi­tives zu berichten. Sein Name: EOM“. Sie machen Fort­schritte, die Finnen.