Die erste Kugel erwischte die Mep­pener nach 18 Minuten, und der Schütze war ein Zeit­rei­sender aus einer großen Ver­gan­gen­heit. Dieter Müller hieß der Mann, der zum 1:0 für Kickers Offen­bach traf. Jener Dieter Müller, der einst fünf Tore in einem ein­zigen Bun­des­li­ga­spiel geschossen und für Deutsch­land an der EM 1976 teil­ge­nommen hatte. Mitt­ler­weile war er 33 Jahre alt und zu seinen Offen­ba­cher Wur­zeln zurück­ge­kehrt. Sein Treffer eröff­nete ein Schüt­zen­fest bei Blitz und Donner, an dessen Ende die hei­mi­schen Kickers mit 3:0 gegen den SV Meppen gewonnen hatten – es hätte auch dop­pelt so hoch aus­gehen können. Oben auf der Tri­büne saß Gerd van Zoest, der Mep­pener Sport­di­rektor oder Fuß­ball­ob­mann, wie das damals hieß, und gru­selte sich. Später sagte er zu seiner Frau: Christel, diese Klasse ist zu hoch für uns!“

Noch einige Monate zuvor hatte wenig darauf hin­ge­deutet, dass der SV Meppen über­haupt in die Ver­le­gen­heit geraten würde, in einem Zweit­li­ga­spiel unter die Räder zu kommen. Der Verein aus dem Ems­land war über Jahre ein ehren­werter Ober­li­gist, nicht mehr und nicht weniger. Auf­fällig geworden war er allen­falls durch spek­ta­ku­läre Freund­schafts­spiele gegen Ajax Ams­terdam, Arsenal oder den FC Bar­ce­lona, dessen neuer argen­ti­ni­scher Super­star Diego Mara­dona 1982 seinen ersten Auf­tritt auf euro­päi­schem Boden in Meppen absol­vierte. Doch daran, irgend­wann selbst in den Pro­fi­fuß­ball beför­dert zu werden, hat in dem 30 000-Ein­wohner-Nest nie­mand geglaubt.

Alles passte zusammen

Des­halb hielt sich die Auf­re­gung zunächst in Grenzen, als der SV Meppen im Früh­jahr 1987 die Meis­ter­schaft in der Ober­liga Nord fei­erte und an der Auf­stiegs­runde zur zweiten Bun­des­liga teil­nehmen durfte. Fünf Mann­schaften traten in einer Dop­pel­runde gegen­ein­ander an, von denen zwei am Ende nach oben kommen würden. Ein Blick auf das Teil­neh­mer­feld zeigte den Mep­penern, dass ein Auf­stiegs­platz prak­tisch à priori ver­geben war: Hertha BSC, das klang ja fast wie ein Name, den Gerd van Zoest mal für eines seiner berühmten Freund­schafts­spiele buchen könnte! Von den übrigen Klubs wurden die beiden West­ver­treter Rem­scheid und Erken­schwick all­ge­mein stärker ein­ge­schätzt, einzig Arminia Han­nover, das der SV Meppen in der regu­lären Saison bereits hinter sich gelassen hatte, galt auf alle Fälle als schlagbar.

Die Mep­pener gingen die Sache rea­lis­tisch an: Die Auf­stiegs­runde sollte in erster Linie Geld bringen. Andert­halb Jahr­zehnte zuvor hatte ein Prä­si­dium das solide ems­län­di­sche Wirt­schaften vor­über­ge­hend aus den Augen ver­loren, die letzten Schulden aus jener Zeit sollten mit den Ein­nahmen aus den Auf­stiegs­spielen begli­chen werden. Wenn sich die Elf über­dies sport­lich achtbar aus der Affäre ziehen würde: umso besser.

Die Mann­schaft, die im Mai 1987 die Auf­gabe in Angriff nahm, war eine erwei­terte Regio­nal­aus­wahl. Von 22 Spie­lern im Kader kamen 19 aus der näheren Umge­bung. Nach dem finan­zi­ellen Bei­nahe-Crash hatte der Klub auf den eigenen Nach­wuchs gesetzt. Trainer Rainer Per­sike, seit vier Jahren im Amt, hatte zuvor lange die A‑Jugend gecoacht und kannte viele der aktu­ellen Leis­tungs­träger bereits als Teen­ager, etwa Tor­jäger Martin van der Pütten, Staub­sauger Rein­hold Tat­ter­musch oder den tech­nisch ver­sierten Innen­ver­tei­diger Eck­hard Vor­holt. Die Mann­schaft hatte sich über Jahre gefunden, das passte alles zusammen“, sagt Per­sike heute. Den­noch war das Mep­pener Team noch ein sehr junges. Jemand wie Regis­seur Josef Menke, der Ems­land-Netzer, war mit seinen gerade mal 27 Jahren bereits der Zweit­äl­teste.

In einer Hin­sicht erfüllten die Spieler die Erwar­tungen: Sie machten dem Klub die Kassen voll. Vor dem Match gegen Hertha musste gar eine Geld­zähl­ma­schine ange­schafft und zwi­schen­zeit­lich der Kar­ten­ver­kauf gestoppt werden, weil nie­mand so genau wusste, ob das Sta­dion schon aus­ver­kauft war. Die strö­menden Massen und die daraus resul­tie­rende Atmo­sphäre beflü­gelten die Mann­schaft. In der Ober­liga sind zwar auch Men­schen zum Zuschauen gekommen, aber es gab keine rich­tigen Fans“, erin­nert sich Josef Menke. Auf einmal jedoch war Fuß­ball in Meppen ein Spek­takel, und das wollten die Spieler bis zum Schluss aus­kosten. Einen ganzen Monat lang dau­erte die Auf­stiegs­runde und der Außen­seiter aus dem Ems­land ließ sich ein­fach nicht abschüt­teln. Schließ­lich kam es vor dem letzten Spiel in Erken­schwick im Hause Menke zu einem denk­wür­digen Dialog. Du, wie ist das denn, wenn ihr da heute gewinnt?“, fragte die Gattin. Dann sind wir auf­ge­stiegen“, ant­wor­tete der Spiel­ma­cher.

Es wäre zu viel gesagt, dass beim SV Meppen in dieser Phase Panik aus­brach, dazu neigt der Ems­länder nicht. Doch ein dezent gestei­gerter Puls­schlag war rund um das Ver­eins­heim zu spüren. Prä­si­dent Wolf­gang Gers­mann, der für die finan­zi­ellen Ange­le­gen­heiten ver­ant­wort­lich war, setzte vor­sorg­lich Lizenz­spie­ler­ver­träge auf. Manager Gerd van Zoest ver­suchte jede Ner­vo­sität im Keim zu ersti­cken und funk­tio­nierte die Fahrt nach Erken­schwick zu einer Art Betriebs­aus­flug um. Die Spieler fuhren im Dop­pel­de­ckerbus mit ihren Ehe­frauen ins Ruhr­ge­biet, zwi­schen­durch gab es ein Kaf­fee­trinken am See. Alle wirkten ent­spannt, nur bei Trainer Per­sike ver­fing diese Stra­tegie nicht: Ich dachte, jetzt muss es pas­sieren. Solch eine Chance kommt nie wieder!“ Kurz vor dem Ziel dann der Alp­traum: Der Bus passte nicht unter einer Brücke durch, es fehlten ein paar Zen­ti­meter. Mit der all­ge­meinen Gelas­sen­heit war es nun vorbei. Wir wussten nicht, was wir tun sollten“, erzählt Per­sike. Lassen wir Luft ab, aber wie kriegen wir die dann wieder drauf?“ Schließ­lich eskor­tierte die Polizei die Mep­pener Dele­ga­tion auf einer alter­na­tiven Route zum Sta­dion, wo sie gerade mal vierzig Minuten vor dem Anpfiff ein­traf.

Ver­trags­un­ter­schriften auf der Hoch­zeit

Zwei­ein­halb Stunden später war der Auf­stieg per­fekt. 4:2 hatte der SV Meppen gewonnen, da spielte es gar keine Rolle mehr, dass sich Top­fa­vorit Hertha mit einem 1:3 gegen Rem­scheid um alle Chancen gebracht hatte. Es wurde eine denk­wür­dige Nacht. 2000 Mep­pener hatten das Team nach Erken­schwick begleitet und gleich an Ort und Stelle gefeiert. Als dann der Mann­schaftsbus gegen Mit­ter­nacht auf dem Ver­eins­ge­lände ein­traf, war dort alles voll mit Men­schen. Die Spieler mussten sich durch den Hin­ter­ein­gang in die Klub­gast­stätte kämpfen, so über­füllt war der Laden. In die aus­ge­las­sene Stim­mung mischte sich eine gewisse Geschäf­tig­keit. Vier Spieler, die am nächsten Morgen bereits in den Urlaub fliegen wollten, mussten drin­gend noch Pro­fi­ver­träge abschließen. Die waren schon selig ange­haucht und haben fast blanko unter­schrieben“, meint Gerd van Zoest. Die meisten anderen Kicker unter­zeich­neten ihre Arbeits­pa­piere am fol­genden Wochen­ende auf der Hoch­zeit von Angreifer Dietmar Sul­mann.

1100 Mark Grund­ge­halt im Monat zahlte der SV Meppen im ersten Pro­fi­jahr, hinzu kamen Punkt­prä­mien. Da war klar, dass die Spieler ihre bür­ger­li­chen Berufe nicht auf­geben konnten. Die Arbeit­geber in Meppen waren sehr kulant“, sagt Per­sike, der selbst bei der Wehr­tech­ni­schen Dienst­stelle, einer zivilen Bun­des­wehr­be­hörde, auf eine halbe Stelle umstellte. Nichts­des­to­trotz galt beim SV bis weit in die Pro­fi­zeit hinein: Trai­niert wird erst nach­mit­tags ab vier. Auch was die Trai­nings­in­halte und ‑umfänge anging, war Per­sike unsi­cher, schließ­lich hatte er noch nie auf diesem Niveau gear­beitet. Also rief er seinen Bekannten Willi Rei­mann an, der damals den FC St. Pauli coachte, und holte sich ein paar Tipps. Der begna­dete Tech­niker Josef Menke lief den ganzen Sommer über, weil er Sorge hatte, den kör­per­li­chen Anfor­de­rungen der zweiten Liga nicht zu genügen. Und Manager Gerd van Zoest

hatte damit zu tun, die zahl­losen Medi­en­an­fragen an den Sen­sa­ti­ons­auf­steiger zu bear­beiten. Den­noch freute sich ganz Meppen auf die schöne neue Fuß­ball­welt, bis das 0:3 von Offen­bach im Auf­takt­spiel die ganze Euphorie auf einen Schlag eli­mi­nierte. Ein hes­si­scher Radio­re­porter kom­men­tierte das Geschehen scho­nungslos: Ich habe heute den ersten Absteiger gesehen!“

Warum die Geschichte dann doch noch gut aus­ging, ist nicht leicht zu erklären. Eine Theorie ist, dass es den Mep­penern gleich im nächsten Spiel gelang, ihre nach dem Offen­bach-Match auf­ge­kom­menen Ängste und Unsi­cher­heiten zu besiegen. Zwölf Minuten waren im ersten Heim­spiel gegen For­tuna Köln absol­viert, da stand es 2:0 für den Gegner. Als die Partie abge­pfiffen wurde, hatte der SV Meppen 3:2 gewonnen, nicht zuletzt mit Hilfe der stimm­ge­wal­tigen Kulisse. Anfangs konnten wir bei den Zuschauern nichts falsch machen, denn es gab null Erwar­tungs­hal­tung“, sagt Menke. Ein anderer Erfolgs­ga­rant in jener Saison war gerade mal 1,61 Meter groß und kam aus Nord­finn­land. Anfang Oktober 1987 flogen Van Zoest, Per­sike und Vize­prä­si­dent Josef Nie­mann nach Hel­sinki und von dort mit einer Pro­pel­ler­ma­schine nach Tam­pere, wo sie von Ver­ant­wort­li­chen des Ver­eins Haka Val­kea­koski abge­holt wurde. Zurück in Meppen hatten sie Marko Myyry im Gepäck, einen wuse­ligen Dribbler, der mit Menke ein Traum­paar im Mit­tel­feld bil­dete und rasch zum Publi­kums­lieb­ling wurde. Mit ihm und dem eben­falls nach Sai­son­start vom HSV gekom­menen Ame­ri­kaner Paul Cali­giuri war der Kader end­gültig stark genug, um in der zweiten Liga zu bestehen. Der SV Meppen geriet in der gesamten Pre­mie­ren­spiel­zeit nie wirk­lich in Abstiegs­ge­fahr und lan­dete schließ­lich auf Platz 14.

Auch in den Jahren danach waren die auf­müp­figen Pro­vinzler nicht klein­zu­kriegen und wurden zu einem Schreck­ge­spenst für vom Abstieg bedrohte Mit­glieder des Fuß­ball-Ober­hauses. Unver­gessen der Aus­spruch des ehe­ma­ligen Natio­nal­kee­pers Toni Schu­ma­cher, der im Spät­herbst seiner Kar­riere mit Schalke 04 um den Klas­sen­er­halt bangte und rief: Ich spiel doch nicht in Meppen!“ Worauf der dort ansäs­sige Spe­di­teur Többe einen Sat­tel­schlepper vor Schu­ma­chers Haus parkte, auf dem mit großen Let­tern geschrieben stand: Das Fuß­bal­l­er­lebnis SV Meppen 2. Bun­des­liga“.

Das gal­li­sche Dorf

Über­haupt pflegten die Mep­pener das Selbst­bild des gal­li­schen Dorfes, dass es furchtlos mit den Eta­blierten auf­nimmt. Das Ems­land stand immer im Ruf, ein biss­chen hin­terher zu sein“, sagt der Jour­na­list Uli Men­trup, der den SVM lange begleitet hat. Und plötz­lich stand man mitten im Leben.“ Dem­ge­gen­über stand die Igno­ranz man­cher Medien und Gegner, die mit der Gum­mi­stie­fel­truppe“ aus dem Gemein­wesen irgendwo bei Hol­land zunächst wenig anfangen konnten. Aus diesem Span­nungs­feld gewannen die Mep­pener einen Kampf­geist, der sie elf Jahre lang durch die zweite Liga trug, bis es den strikt ehren­amt­lich geführten Verein 1998 dann doch erwischte.

Was bleibt, sind tau­send Anek­doten – wie etwa die über jene Horde von Fans der Münchner Löwen, die bereits früh­mor­gens in Meppen ein­fielen und den Käse­stand auf dem Wochen­markt leer kauften, so dass der Betreiber nach einer halben Stunde nach Hol­land zurück­fahren konnte. Was eben­falls bleibt, ist die süße, sen­ti­men­tale Erin­ne­rung an eine unwie­der­bring­liche Zeit. Das waren“, sagt Wolf­gang Gers­mann und er sagt es mit ruhiger Stimme und wenig Pathos, denn auch dazu neigt der Ems­länder nicht, die schönsten Jahre meines Lebens.“