Interview mit dem »Halt die Fresse«-Rufer aus Dortmund

»Ich fand das so unangemessen!«

Eigentlich wollte Jens nur einen schönen Abend beim Länderspiel verbringen. Doch als er »Halt die Fresse!« während der Schweigeminute rief, ging das durch die Republik. Und sorgte für Applaus. Wir haben mit ihm gesprochen.

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Jens*, du sagst, du seist der Mann, der am Mittwochabend beim Länderspiel »Halt die Fresse!« durch das Stadion rief.
Geplant war das nicht. Das Länderspiel war ja generell auf wenig Interesse gestoßen, die Karten wurden quasi verramscht. Wir haben jeweils zehn Euro für unser Ticket bezahlt.

Wie war die Stimmung, nur wenige Stunden nach dem Attentat in Halle?
Die aktuellen Ereignissen haben die Stimmung nicht großartig beeinflusst. Mir war nur aufgefallen, das so wenig Leute vor Ort waren. Normalerweise, wenn Borussia Dortmund spielt, ist ja viel mehr los. Die Mannschaften liefen ein, die Hymnen wurden gespielt, und dann erschien auf der Leinwand ein Hinweis zu der Schweigeminute. Alles war still…

… bis jemand die deutsche Nationalhymne anstimmte.
Es war wirklich totenstill und plötzlich singt da einer die Hymne. Ich fand das so unangemessen! Und da habe ich aus dem Bauch heraus gerufen: »Halt die Fresse!«. Ich war selbst überrascht, wie laut ich im Stadion zu hören war. Und im ersten Moment habe ich befürchtet, dass ich gerade richtig Mist gebaut habe.

Warum?
Na, weil ich ja die Schweigeminute gestört hatte! Das war mir unangenehm. Aber im nächsten Augenblick klatschten die Menschen um mich herum, das halbe Stadion, und da dachte ich mir: Hast wohl doch den Nagel auf den Kopf getroffen.

Hast du mitbekommen, dass sogar Serge Gnabry schmunzeln musste?
Nicht direkt. Für mich war das ja kein großes Thema, nur ein schönes Gefühl, dass so viele Menschen im Stadion der gleichen Meinung waren. Erst am nächsten Morgen schrieb mir ein Freund, ich solle mal »Halt die Fresse« googlen oder direkt den Fernseher anmachen.

Wie hast du die Reaktionen aufgenommen?
Ich habe bisher nur positive Resonanz erhalten. Gestern war ein trubeliger Tag, ich arbeite in einem Steuerbüro. Aber am Abend bin ich zum Training gegangen - ich bin Innenverteidiger beim VfR Sölde hier in Dortmund - und in der Kabine haben wir noch länger darüber gesprochen. Die Jungs meinten, der Ausspruch bräuchte ein Gesicht.

Hat sich deine Einstellung zu Länderspielen verändert?
Nicht direkt. Ich gehe zu Länderspielen eigentlich nur, wenn sie in Dortmund stattfinden. Es fällt schon auf, dass sich die Stimmung seit 2014 verändert hat. Die Begeisterung für »Die Mannschaft« ist kleiner geworden. Und klar, nach den rassistischen Äußerungen in Wolfsburg ist das jetzt schon der zweite Fall. Aber: In beiden Situationen haben sich Menschen dagegengestellt. Und das ist wichtig.

*Jens hat uns Fotos aus dem Stadion geschickt. Zwei weitere Stadiongänger haben uns zudem unabhängig voneinander bestätigt, dass es sich bei Jens um den Mann handelt, der »Halt die Fresse« rief. Auch in den sozialen Netzwerken ist Jens zu sehen.