Fuß­ball­fans sagen nach einem gewon­nenen Spiel: Wir haben gewonnen.“ Das führt dazu, dass fuß­ball­fremde Gesprächs­partner dann etwas belus­tigt erwi­dern: Wir? Hast du mit­ge­spielt?“ Es gibt keine ratio­nalen Belege dafür, dass die Fans tat­säch­lich mit­ge­spielt haben, dass sie mit der Kraft ihrer Stimme und ihres Mit­fie­berns, ihres Schreiens und ihrer dezenten Anwei­sungen („Spiel ab, ver­dammte Scheiße!“) aus 40 Meter Ent­fer­nung ihren Bei­trag zu den drei Punkten gelie­fert haben. Aber es ist so. Punkt. Wer etwas anderes behauptet, war halt nie da.

Im Sep­tember aller­dings gab es end­lich diesen Beleg. In Car­diff wurde bewiesen, dass Fans den Ball für ihre Mann­schaft ein­fach ins Tor singen können. Im wich­tigen WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel zwi­schen Wales und Öster­reich stimmten die Waliser kurz vor dem Ende ihre Natio­nal­hymne an. Das kom­plette Sta­dion sang wie mit einer Stimme. Es war kein Kra­keelen, kein Grölen, kein Dahin­ge­träller, es hatte etwas Wei­he­volles und gleich­zeitig Urge­wal­tiges. Wer bei der ver­gan­genen Euro­pa­meis­ter­schaft die wali­si­schen Fans in Bor­deaux, Lens oder Tou­louse erlebt hat, wird wissen: Dieser Chor ent­wi­ckelt eine Energie, die Lieder wirken wie Flieh­kräfte, sie drü­cken auf das Ohr, sie packen einen an den Hüften und heben einen Meter über den Boden, sodass man selbst Kopf­ball­du­elle gegen Jaap Stam mühelos gewinnen könnte.

Wie muss sich das erst anfühlen, wenn man die Lieder der Fans auf dem Platz wahr­nimmt? Ben Woodburn, dieser schmäch­tige Teen­ager vom Liver­pool FC, war­tete, bis er die Energie von den Rängen in seine Beine fließen ließ. Exakt zwei Sekunden nachdem die Fans ihre Hymne beendet hatten und gerade losklat­schen wollten, fiel ihm der Ball vor die Füße. Es stand noch 0:0. Wales musste unbe­dingt gewinnen. Was macht dieser Kerl? Er nimmt diesen Ball mit dem Fuß so herr­lich aus der Luft, mit einer Non­cha­lance, wie andere diesen Ball nicht mal mit beiden Händen fangen könnten. 20 Meter vor dem Tor. Und er legt ihn sich zurecht, mit der Fuß­spitze. Nor­ma­ler­weise machen Spieler das mit der Seite, damit der Ball nicht zu weit weg­springt. Aber nicht Woodburn, nicht in diesem Moment.

Dann holt er aus, trifft den Ball per­fekt mit dem Spann, etwas Unter­schnitt, er fliegt schnell und prä­zise, er fliegt direkt ins Glück, direkt neben den Pfosten zum 1:0 ins Tor. Woodburn rennt mit aus­ge­brei­teten Armen los, er rutscht, er springt, er klopft auf die Wer­be­bande vor der aus­ras­tenden Menge. Jaaaaaaaaaa – ein Tor­schrei aus dem tiefsten Innern. Der wohl schönste Abbinder, ein Cre­scendo nach Kon­zer­tende.

Die Waliser wären nicht die Waliser, wenn sie diesem auf­stre­benden Jungen nicht auch danach auf ihre ganz beson­dere Art hul­digen würden: There’s a starman, playing on the right, his name is Benny Woodburn and he’s fucking dyna­mite“, singen sie ihm zu Ehren. Selten genug kann man hier­zu­lande krea­tive Songs für einen Spieler bestaunen. Aber wie groß­artig ist es denn bitte, dass sie einen Bowie-Song für einen Spieler umdichten?! Wer mit Bowie geehrt wird, muss ein­fach ein Genie werden. Woodburn hat noch viel vor sich. Die Fans können dann stolz von ihm spre­chen, als wäre er der kleine Neffe, den sie schon früher zu Höchst­leis­tungen ange­sta­chelt haben. Indem sie alle zusammen ein Tor schossen.