Der Sommer des Mil­le­ni­um­jahres war harte Arbeit. Die anderen ver­frei­ba­deten ihre Ferien, ich fuhr in der Ham­burger Hitze ver­schrei­bungs­pflich­tige Medi­ka­mente aus. Mit dem schmalen Salär der Apo­theke und dem üppigen Trink­geld rei­cher Als­ter­witwen wollte ich mir den Traum vom eigenen Trikot erfüllen. Natür­lich, ich war schon im Besitz zweier Hemden des FC St. Pauli, nur waren beide eben Geschenke gewesen, schick zwar, aber nicht selbst­ge­wählt. Ich wollte meiner Spiel­tags­klei­dung end­lich eigener Herr sein. Es kam der Tag, da keine Münzen mehr in mein Spar­schwein, das eigent­lich ein Ele­fant war, passten. Auf heißen Sohlen eilte ich in den Fan­shop und griff mir das neue Jersey, ein längs­ge­streiftes Schmuck­stück mit Toten­kopf im V‑Ausschnitt, Kappa auf der Brust, kurzen Ärmeln und langem Kragen. Meggle“ prangte es nebst der 10 über die Rück­seite. Alles war gut.

Bis, ja, bis im April 2001 Wahr­heit wurde, was in den Wochen zuvor schon als Gerücht über den Äther gespru­delt war: World of Internet“, der Haupt- und Brust­sponsor, war pleite, mit­tellos, tot, aus, am Ende. Beschämt schielte ich auf mein Trikot mit der Saturn­re­mi­nis­zenz der halb­garen Akti­en­ge­sell­schaft. Auch das Trikot war damit tot, aus, am Ende, das ahnte ich. Die Frage allein, wie es sich gegen den Nach­folger würde behaupten können. Die Ant­wort: gar nicht. Nur wenige Tage nach dem Schock prä­sen­tierte der Kiez­club Astra“ als spon­tanen Sponsor. Astra“, die Stadt­teil­brauerei. Der jah­re­lange Sta­di­on­bier­spender. Das Lokal­ge­bräu, das auch von jenen getrunken wurde, denen es nicht schmeckte, weil es zu St. Pauli gehörte wie das Mill­erntor. Die Fans jubelten, ich wütete. Sie erkauften sich meinen Neid, ich bekam ihr Mit­leid geschenkt. Wie konnten sie mir das antun? Wie konnte sie mir mein erstes eigenes Trikot derart obsolet machen, noch dazu vor Sai­son­ende? Das war wider den natür­li­chen Lauf der Dinge, wider meinen Ver­stand, wider mein Ver­ständnis. 

Schlechte Laune, kaum noch Trink­geld

In den letzten sieben Spielen fuhr die Mann­schaft von Dietmar Demuth satte 14 Punkte ein. Es war das Inte­rims­trikot, das dem Ulmer Nebel trotzte, es war das Trikot, in dem Marcel Rath daheim gegen Rot-Weiß Ober­hausen ein­netzte, drei­fach, ein Tor schöner als das andere. Das neue Jersey beflü­gelte Hen­ning Bürger zu seinem ersten und ein­zigen Sai­son­treffer beim 1:0 über Ale­mannia Aachen. Das Trikot wurde Zeuge der Auf­hol­jagd gegen Han­nover 96 (2:2 nach 0:2) und es klebte Deniz Baris am Körper, als der in der 76. Minute des 34. Spiel­tags mit Lockendschungel zum 2:1 in Nürn­berg ein­schä­delte. Das Trikot wurde trotz kurzer Halb­werts­zeit zum Symbol des sen­sa­tio­nellen Auf­stiegs, zum Symbol für die Kame­rad­schaft, Kum­pelei, kleinen Bröt­chen und Fan­nähe jener Saison. Mein Trikot war nur noch Symbol für eine dubiose Inter­net­firma, die sich ver­kal­ku­liert hatte. Ich fühlte mich elend und von der Euphorie, deren Teil­haber ich bis zum Tri­kot­wechsel gewesen war, aus­ge­grenzt. Auch die rei­chen Witwen gaben mir kaum noch Trink­geld, wohl wegen meiner schlechten Laune. Das Astra“-Trikot war Lieb­lings­ob­jekt, weil ich es haben wollte, und Hass­ob­jekt, weil ich es nicht haben konnte.

St.Pauli-Trikot World of Internet“ – Start­preis: 1 Euro

Heute, ein Jahr­zehnt später, habe ich meinen Frieden mit dem Stück­chen Stoff gemacht. Ich habe sogar ver­sucht, den nun­mehr fast schon selten gewor­denen Zwirn bei Ebay zu erstei­gern, wurde aber aus­ge­sto­chen. In letzter Sekunde. Das Auk­ti­ons­haus gab sich alle Mühe, mich zu trösten. Das könnte Ihnen viel­leicht auch gefallen, hieß es über einer Liste mit anderen Tri­kots. Ganz oben: Meine Nemesis mit World of Internet“ auf der Brust. Start­preis 1 Euro. Ich habe nicht geboten.