Thomas Linke, mit wel­chem Ziel sind Sie im November 2011 als Sport­di­rektor beim FC Ingol­stadt 04 ange­treten?
Kurz­fristig ging es darum, die Mann­schaft vorm Absturz in die dritte Liga zu bewahren, lang­fristig geht es weiter darum, das Pro­fi­team jedes Jahr ein biss­chen wei­ter­zu­ent­wi­ckeln und sport­lich besser abzu­schneiden.

Was bis jetzt ja ganz gut klappt.
Von der Anzahl der Punkte, die wir geholt haben, ist uns das gelungen.

Aber hätten Sie damit gerechnet, dass die Mann­schaft nach einem zehnten Platz in der ver­gan­genen Spiel­zeit, diese Saison auf einmal Herbst­meister wird?
Die Art, wie wir Fuß­ball spielen, hat sich ver­än­dert. Lange Zeit haben wir hier gegen den Abstieg gespielt. In sol­chen Phasen ent­wi­ckelt ein Team kaum Selbst­ver­trauen. Aber seit Ralph Hasen­hüttl hier das Sagen hat, haben viele Spieler deut­lich an Selbst­be­wusst­sein hin­zu­ge­wonnen, was eine uner­war­tete Dynamik zur Folge hatte.

Von wem spre­chen Sie?
Marvin Matip ist voll und ganz in die Kapi­täns­rolle hin­ein­ge­wachsen. Danny Da Costa zeigt, was für eine Ent­wick­lung ein junger Spieler hier machen kann. Ramazan Özcan, Andre Mija­tovic, Marvin Matip oder Roger sind Spieler, die dem jungen Kader als Kor­sett­stangen dienen. Cha­rak­tere, an die sich die Jungen auch mal anlehnen können. So hat sich ein phan­tas­ti­scher Team­spirit ent­wi­ckelt.

Als Sie 2011 als Sport­di­rektor anfingen, mussten Sie gleich einmal einen neuen Trainer mit­bringen.
Der Karren war tief im Dreck, wir hatten nach 14 Spiel­tagen neun Punkte und waren Letzter. Da habe ich intern nur eine Frage gestellt.

Näm­lich?
Ob man sich hier vor­stellen könne, mit Benno Möhl­mann die Klasse zu halten. Ich selbst konnte es nicht ein­schätzen, ich war gerade erst ange­kommen. Als ich meine Ant­worten bekommen hatte, war klar, dass es einen rich­tigen Neu­an­fang geben sollte. Ganz ehr­lich, es gibt nichts Schlim­meres für einen Sport­di­rektor, als in der ersten Woche den Trainer zu ent­lassen.

Weil es nicht gut für die Außen­wir­kung ist?
Weil es nie schön ist, jemanden zu kün­digen. Vor allem aber soll ein neuer Sport­di­rektor auch die Stim­mung auf­hellen, ein Effekt, der bei einer sofor­tigen Trai­ner­ent­las­sung natür­lich schnell ver­pufft.

Als Möhl­manns Nach­folger brachten Sie daher Tomas Oral mit, den Sie aus Ihrer Zeit als Sport­di­rektor bei RB Leipzig kannten. Er soll mit dem Umfeld ziem­liche Pro­bleme gehabt haben.
Das sehe ich anders. Ich weiß nicht, ob es ein anderer Trainer geschafft hätte, in dieser Situa­tion die Mann­schaft in der Liga zu halten. Wir waren schon relativ weit abge­schlagen Tabel­len­letzter. Tommy Oral war bis zur Tren­nung der Trainer, der in der FCI-Zweit­li­ga­his­torie am längsten in der Pro­fi­ab­tei­lung gear­beitet hat.

Den­noch haben Sie sich nach Ende der Saison 2012/13 getrennt.
Weil wir uns ent­schieden hatten, einen anderen Fuß­ball zu spielen. Einen mit mehr Ball­be­sitz und mehr Domi­nanz. Also haben wir uns ein­ver­nehm­lich getrennt.

Sie ver­pflich­teten Marco Kurz als Nach­folger, der schon nach neun Spiel­tagen wieder seinen Hut nehmen musste.
Marco kannte ich schon länger, wir haben in Schalke zusammen gespielt. Er stand für alles, was sich der Verein in dem Moment gewünscht hat. Er will domi­nanten Fuß­ball spielen und ist ein akri­bi­scher, kri­ti­scher Trainer. Im Nach­hinein bleibt mir natür­lich nichts anderes, als zu sagen: Seine Ver­pflich­tung war eine Fehl­ent­schei­dung.

Woran ist er geschei­tert?
Die Mann­schaft war noch nicht so weit, dass sie dem Gegner zu 100 Pro­zent ihren Stempel auf­drü­cken konnte. Ihr fehlte in dieser Zeit der nötige Glauben an einen domi­nanten Fuß­ball­stil. Und ihr fehlte auch die Zeit, sich dahin zu ent­wi­ckeln. Zuvor hatten wir gegen den Abstieg gespielt. Jetzt sollte die Mann­schaft plötz­lich spielen wie das Bayern Mün­chen der zweiten Liga. Damit war die Truppe zu diesem Zeit­punkt über­for­dert. Da die vielen 50:50-Spiele“ leider gegen uns liefen, war die Kurz-Ära eine Epi­sode, die sehr weh tat und vor­zeitig beendet werden musste.

Hatten Sie in dieser Phase auch Angst um Ihren Job?
Wenn es sport­lich nicht läuft, ist es immer unruhig. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass ich zit­tern musste. Keine Ahnung, wie andere das gesehen haben. Wissen Sie, ich habe den Vor­teil, dass ich mir über meine beruf­liche Zukunft keine Sorgen machen muss.

Weil Sie wirt­schaft­lich unab­hängig sind?
Wenn Sie so wollen. Im Nach­hinein glaube ich, dass uns diese schwie­rige Zeit jetzt zugute kommt, weil es immer das Zusam­men­ge­hö­rig­keits­emp­finden stärkt, wenn man schwie­rige Situa­tionen gemeinsam meis­tert.

Ähn­lich wie ihr vor­he­riger Arbeit­geber RB Leipzig wird der FC Ingol­stadt gerne als Pro­totyp des neu­ar­tigen Fuß­ball­klubs gesehen, der unter Pro­tek­tion eines Kon­zerns steht. Sie waren vorher Sport­di­rektor in Leipzig, worin besteht der Unter­schied?
Ein Unter­schied besteht darin, dass Audi sich als regio­naler Sponsor enga­giert. Red Bull ist zwar auch Sponsor in Leipzig, aber nur, weil eine andere Kon­stel­la­tion in Deutsch­land nicht erlaubt ist. In Salz­burg, New York und Bra­si­lien ist das Unter­nehmen Eigen­tümer von Klubs. Red Bull ver­folgt mit seinem Enga­ge­ment im Fuß­ball also ganz klar eine glo­bale Stra­tegie. Der alles ent­schei­dende Unter­schied dar­über hinaus ist: Bei Red Bull hat das Manage­ment finan­ziell ganz andere Mög­lich­keiten und muss nur einer Person Rechen­schaft ablegen: Diet­rich Mate­schitz. Das kann ein Vor­teil sein, aber auch ein Nach­teil.

Viele Spieler sehen den FC Ingol­stadt 04 als Sprung­brett, um sich für höhere Auf­gaben zu qua­li­fi­zieren. Wie ist das bei Ihnen?
So weit habe ich bei meiner Ankunft nicht gedacht. Damals brauchte ich alle Kraft, um die Liga zu halten. Ich habe hier unter­schrieben, weil es ein junger Verein mit Visionen ist. Wenn ich mich für so einen Klub ent­scheide, über­lege ich nicht, was in drei oder vier Jahren ist.