Oft wurde in den ver­gan­genen Wochen die Frage gestellt, ob der FIFA mit ihrem ver­trackten System aus Kor­rup­tion, Gier und Selbst­ver­liebt­heit über­haupt noch zu helfen sei. Die WM-Ver­gabe nach Katar, die gesell­schafts­po­li­ti­schen Begleit­um­stände und das offen­kun­dige Des­in­ter­esse der Ver­ant­wort­li­chen, sich über­haupt mal näher mit Fragen zu Men­schen­rechten, Arbeits­mi­granten und Ver­ga­be­me­thoden aus­ein­an­der­zu­setzen, hin­ter­ließen in der Öffent­lich­keit den Ein­druck, dass vielen Funk­tio­nären des Welt­ver­bands – allen voran Boss Gianni Infan­tino – alles schnurz­piepe sei und sich auch nach Katar wenig ändern würde.

Boy­kott­auf­rufe ver­hallten im Nichts. Obwohl die Kritik der mit­tel­eu­ro­päi­schen Medien im WM-Vor­feld stetig zunahm, perlte sie scheinbar völlig umstandslos an Infan­tino ab, der einen Neben­wohn­sitz in Katar hat und der gerade in den letzten Tagen mit seinen Ver­laut­ba­rungen die Dreis­tig­keit noch an die Grenzen der Erträg­lich­keit aus­baute.

Infan­tinos Wie­der­wahl gilt als sicher

In einem Brief rief er die Teil­neh­mer­länder auf, es in den Tur­nier­tur­nier­tagen mit poli­ti­schen Themen doch end­lich mal gut sein zu lassen. Sein Appell an die Völker der Welt, zumin­dest für die WM-Tage Frieden zu halten, schien für viele ein end­gül­tiger Beweis seiner Ent­rückt­heit.

Es gilt als sicher, dass Infan­tino als FIFA-Prä­si­dent in Kürze wie­der­ge­wählt wird. Nie­mand konnte also ernst­haft annehmen, dass sich der Mann mit den Belangen des nie­deren Fan-Volks oder am Ende sogar mit Fragen zu Men­schen­rechten befasst.

Heute fühle ich mich homo­se­xuell. Heute fühle ich mich behin­dert, heute fühle ich mich als Arbeits­mi­grant“

Gianni Infantino

Nun kam es bei der Pres­se­kon­fe­renz vor dem Eröff­nungs­spiel zu einem wei­teren bizarren Auf­tritt des FIFA-Chefs. In einem fast ein­stün­digen Grund­satz­mo­nolog kan­zelte er alle Kritik am Gast­ge­ber­land und den Begleit­um­ständen des Tur­niers in einer Weise ab, dass sich anwe­sende Jour­na­listen pein­lich berührt am Kopf kratzten. Mit dem Pathos eines wirren Sek­ten­füh­rers apo­stro­phierte er die Kritik west­li­cher Nationen als Dop­pel­moral“ und über­zeich­nete diese mit den Eröff­nungs­worten: Heute fühle ich sehr starke Gefühle, heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afri­ka­nisch.“ Und weiter: Heute fühle ich mich homo­se­xuell. Heute fühle ich mich behin­dert, heute fühle ich mich als Arbeits­mi­grant.“ Als später ein bri­ti­scher Jour­na­list nach­fragte, warum er sich nicht als Frau fühle, nahm er auch diesen Punkt auf, brei­tete jesus­artig die Arme aus und sagte, man solle ihn für diese WM doch ein­fach ans Kreuz nageln.

Ange­spro­chen auf die vielen in Katar wohn­haften Fans, die gegen­wärtig in Tri­kots der unter­schied­li­chen Teil­neh­mer­länder durch Doha fla­nieren, wütete er: Wenn einer aus­sieht wie ein Inder, darf er nicht für Eng­land oder Spa­nien jubeln? Das ist Ras­sismus!“

_