Halil Alt­intop, mit wel­chen Ambi­tionen sind Sie im Sommer 2013 nach Augs­burg gewech­selt?
In den Gesprä­chen mit Stefan Reuter wurde sofort klar, dass das Ziel des Ver­eins ist, so schnell wie mög­lich den Klas­sen­er­halt zu sichern. In Augs­burg setzt man sich rea­lis­ti­sche Ziele und bleibt jeder­zeit auf dem Tep­pich. Das habe ich vom ersten Tag an gemerkt. Ich habe ein­fach das Gefühl, dass ich hier sehr gut rein­passe. Ich bin fit und möchte noch ein paar Jahre auf diesem Niveau spielen.

Man mag meinen, dass einen erfah­renen Spieler die Aus­sicht auf den Abstiegs­kampf nicht son­der­lich reizt. Warum haben Sie trotzdem in Augs­burg unter­schrieben?
Ich bin nicht nur in die Bun­des­liga zurück­ge­kehrt, um zu zeigen, dass ich auf diesem Niveau mit­halten kann. Ich hatte auch das Gefühl, dass ich mit meinen Qua­li­täten der Mann­schaft wei­ter­helfen und in gewissen Situa­tionen den Unter­schied aus­ma­chen kann. Die Ver­ant­wort­li­chen haben mir das Ver­trauen geschenkt und mir gesagt, dass sie mich in der Zen­trale sehen. Auf dieser Posi­tion sehe ich mich auch am stärksten. Diese Klar­heit hat mir impo­niert. 

Was haben Sie erwartet?
Einen Klub mit fami­liärem Umfeld, eine Mann­schaft, die gemeinsam an einem Strang zieht und bei der keiner aus der Reihe tanzt. Mit­spieler, die ihre per­sön­li­chen Befind­lich­keiten hinten anstellen und das Kol­lektiv an erster Stelle stellen. Eine rea­lis­ti­sche Ein­schät­zung der eigenen Situa­tion: Wir sind ein Klub, der immer gegen den Abstieg kämpfen muss. Und ich wurde nicht ent­täuscht.

Momentan steht der FC Augs­burg auf Rang neun der Tabelle und damit weit über dem Soll. Können Sie den Erfolg erklären?
Wir haben das Glück, dass wir bisher ohne schwere Ver­let­zungen oder län­gere Aus­fälle der Leis­tungs­träger durch die Saison gekommen sind. So etwas hilft, um den Schwung, der eine Mann­schaft beflü­geln kann, von Woche zu Woche mit­zu­nehmen. Wir schaffen es, an nahezu jedem Spieltag die maxi­male Leis­tungs­fä­hig­keit abzu­rufen und werden dafür bisher belohnt.

Sie kamen von Trab­zon­spor. Wie groß ist der Unter­schied zwi­schen dem Fuß­ball­zirkus in der Türkei und den Zuständen in Augs­burg?
Der war natür­lich gewaltig. Trab­zon­spor gehört zu den vier großen Ver­einen in der Türkei. Dem­entspre­chend wird er auch medial behan­delt. Auch die Fans haben enorme Erwar­tungen, da ist man als Spieler natür­lich etwas mehr unter Zug­zwang. In der Türkei erlebt man die Liebe der Fans wesent­lich inten­siver. Es war fast nicht mög­lich ein nor­males Pri­vat­leben zu führen.

Wie sehr belastet es einen als Profi, wenn man nicht mal in Ruhe ein­kaufen gehen kann?
Jeder Mensch wünscht sich, dass er sich in seinem Leben jeder­zeit frei bewegen kann. Das war in der Türkei nicht immer der Fall. In Augs­burg hat man mehr Frei­heiten. Dafür bin ich sehr dankbar.

Vor allem der Team­geist des FC Augs­burg wird hoch­ge­lobt. Wie schafft man eigent­lich einen Spirit in der Mann­schaft?
Da muss man den Ver­ant­wort­li­chen ein großes Lob aus­spre­chen. Sie haben ein sehr gutes Gespür dafür, welche Spieler in dieses Gefüge passen. Dazu gehört auch Mut. Das beste Bei­spiel dafür, dass dieser Mut belohnt werden kann, haben wir in unserer Mann­schaft: Es ist André Hahn, der beweist, was inner­halb eines Jahres im Fuß­ball mög­lich ist.

Hahn kam aus der Dritten Liga nach Augs­burg und wurde jüngst in die Natio­nal­mann­schaft berufen. War seine Leis­tungs­ex­plo­sion abzu­sehen?
Sein unglaub­li­cher Wille ist jedem sofort auf­ge­fallen. Es ist ein­fach phä­no­menal, wie er sich in dieser kurzen Zeit ent­wi­ckelt hat. Er weiß aber auch, dass seine Leis­tung ohne eine intakte Mann­schaft kaum mög­lich gewesen wäre.

Auch Sie spielten 2005/06 in Diensten des 1. FC Kai­sers­lau­tern eine über­ra­gende Saison, erzielten 20 Tore und wurden überall in Europa gehan­delt. Im Ver­lauf Ihrer Kar­riere wurden Sie dann immer wieder an dieser Leis­tung gemessen. Haben diese Vor­schuss­lor­beeren Sie eigent­lich belastet?
Belastet ist das fal­sche Wort. Ich fand es unfair, weil meine Leis­tung etwas falsch ein­ge­ordnet wurde. Wir sind damals mit dem FCK abge­stiegen, mit meiner Tref­fer­quote stach ich natür­lich aus der Mann­schaft heraus. Ich war aber dann auch auf Schalke in den drei Jahren Leis­tungs­träger und Stamm­spieler. Aller­dings habe ich eine ganz andere Rolle gespielt als in Kai­sers­lau­tern oder jetzt beim FCA.

Droht André Hahn nun ein ähn­li­ches Sze­nario?
Es gibt einen gra­vie­renden Unter­schied: In diesem Jahr werden wir hof­fent­lich den Abstieg ver­meiden (lacht). André ist ein boden­stän­diger Junge, der genau weiß, was er kann und was er noch ver­bes­sern muss. Mir macht es ein­fach Spaß, seine Ent­wick­lung zu beob­achten.

Können Sie ihm auch ein paar Tipps geben?
Ich glaube nicht, dass er die nötig hat. Als ich zum FC Augs­burg kam, haben André und ich uns schnell besser ken­nen­ge­lernt. Ich habe zu ihm in der Vor­be­rei­tung gesagt, dass es im Fuß­ball manchmal sehr schnell gehen kann, und dass ich ihm durchaus zutraue, mehr als zehn Tore pro Saison zu schießen. Da hat er noch geschmun­zelt.

Und heute hält er Sie für einen Hell­seher.
Wir haben vor kurzem noch dar­über gescherzt. Er meinte, dass er mir damals tat­säch­lich nicht geglaubt hat, dass das mög­lich ist. Ein paar Tage später hat ihn Hansi Flick ange­rufen.

Wie hat die Mann­schaft seine Natio­nal­elf­no­mi­nie­rung auf­ge­nommen?
Der Trainer hat uns nach dem Abschluss­trai­ning am ver­gan­genen Freitag mit­ge­teilt, dass André Hahn zum Län­der­spiel fährt. Uns tut es gut zu erkennen, was man als Mann­schaft bewegen kann. Wir prä­sen­tieren uns als Kol­lektiv der­zeit so stark, da ist es eine Beloh­nung für alle, wenn einer von uns so einen Rie­sen­sprung schafft. Die ehr­liche Freude für André war für die ganze Mann­schaft ein unbe­schreib­li­ches Gefühl.

André Hahn, Tobias Werner und Sie stehen als Sym­bole für die bisher über­ra­gende Saison des FC Augs­burg. Gibt es eigent­lich auch stille Helden hinter diesem Mär­chen?
Für mich ist jeder Mit­ar­beiter des Klubs ein Held. Wenn man betrachtet, mit wel­chen Mit­teln der FC Augs­burg in der Bun­des­liga spielt, dann kann man nur den Hut ziehen. Vom Mas­seur bis zu den Jugend­spie­lern hängen sich hier alle tag­täg­lich für den Erfolg des Ver­eins rein. Erst dieses Gesamt­ge­füge macht den FC Augs­burg in seiner momen­tanen Ver­fas­sung mög­lich.

Vor dem FC Augs­burg liegt nun ein undank­bares Pro­gramm. In den kom­menden Wochen spielt der Klub gegen Glad­bach, Schalke, Bayern, Lever­kusen, Wolfs­burg und Mainz. Zeigt sich jetzt, wo der FC Augs­burg wirk­lich steht?
In der Hin­runde haben wir uns gegen diese Spit­zen­mann­schaften sehr schwer getan. Jetzt bricht für uns eine Phase an, in der wir zeigen können, wie weit unsere Ent­wick­lung fort­ge­schritten ist. Wir gehen in jedes Spiel mit der glei­chen Aus­rich­tung: Wir wollen die ver­meint­li­chen Top­klubs ärgern.

Wohin kann der Auf­schwung des FC Augs­burg über­haupt noch führen?
Ich hoffe, dass wir auch wei­terhin von Ver­let­zungen ver­schont bleiben, denn schwer­wie­gende Aus­fälle sind für uns kaum zu kom­pen­sieren. Wir müssen rea­lis­tisch bleiben und dürfen uns nicht vom momen­tanen Erfolg blenden lassen. Wir sind eine Mann­schaft, die in Zukunft wahr­schein­lich wieder gegen den Abstieg spielen muss. Wir können hier nicht die Rie­sen­sprünge machen, wenn uns zwei, drei Leis­tungs­träger ver­lassen sollten. Das darf hier keiner ver­gessen, sonst wird es eng.

Halil Alt­intop, Sie sind 31 Jahre alt und biegen auf die Ziel­ge­rade Ihrer Kar­riere ein. Wo soll Ihre Zukunft liegen?
So blöd es klingt, aber der Fuß­ball ist ein Tages­ge­schäft, der lang­fris­tige Pla­nungen unmög­lich macht. Wir können heute auch noch nicht mit Bestimmt­heit sagen, dass der FC Augs­burg in dieser Saison nichts mit dem Abstieg zu tun hat. Theo­re­tisch ist alles mög­lich.

Viele Profis wech­seln zum Kar­rie­re­aus­klang in die USA. Wäre das eine Option für Sie?
Ich bin momentan ein­fach glück­lich, mit dem FC Augs­burg in der Bun­des­liga zu spielen. Ich fühle mich sehr gut und bin sicher, dass ich noch ein paar Jahre auf diesem Niveau spielen kann. Des­wegen kann ich mit Gewiss­heit sagen: Für ein Aben­teuer in den USA ist es sicher­lich noch etwas zu früh. Aber im Laufe meiner Kar­riere habe ich auch gelernt, dass man nie­mals etwas aus­schließen sollte.