Seite 4: „Ich habe ein größeres Problem mit deutschen Politikern als mit deutschen Fußballern.“

Karl Heinz Rum­me­nigge, fehlt Ihnen Michel Pla­tini in der Spitze der UEFA?

Rum­me­nigge: Wir hatten auf und abseits des Rasens stets ein gutes Ver­hältnis. Und ich stimme mit Michel überein, dass wir Ent­schei­dungen stets im Sinne des Fuß­balls getroffen haben.

Pla­tini: Wir haben getan, was wir tun mussten. Kalle war stets ein guter Partner. Nun müssen andere Leute die Ent­schei­dungen treffen – und Lösungen finden.

Fällt es Ihnen wirk­lich leicht los­zu­lassen, Michel Pla­tini?

Pla­tini: Ich bin kein Jour­na­list. Ich spreche nicht über Dinge, die aus meiner Sicht getan werden sollten, son­dern über Dinge, die ich tun kann. Als ich Prä­si­dent war, habe ich Dinge ent­schieden, die ich für richtig hielt, denn ich war der Boss. Nun bin ich nicht mehr in der Situa­tion zu ent­scheiden, also ist es besser, nicht dar­über zu spre­chen, was ich täte, wenn ich es könnte.

Zurück zum Fuß­ball: Sind die Deut­schen der Schatten, der über Ihrer aktiven Lauf­bahn liegt? Sie ver­loren zwei WM-Halb­fi­nals gegen die DFB-Elf und 1983 mit Juve auch das Lan­des­meis­tercup-End­spiel gegen den HSV.

Pla­tini:
Aber ich habe das EM-Finale 1984 gegen Spa­nien gewonnen und ein Jahr später gegen Liver­pool den Euro­pa­pokal. Und wir haben den HSV mit St. Eti­enne im Volks­park­sta­dion 1980 mit 5:0 besiegt.

Punkt für Sie.

Pla­tini: Ver­loren habe ich nicht gegen die Deut­schen, son­dern gegen sehr gute Mann­schaften. Und ich habe ein wesent­lich grö­ßeres Pro­blem mit deut­schen Poli­ti­kern als mit deut­schen Fuß­bal­lern. Denn deut­sche Poli­tiker haben dafür gesorgt, dass ich aktuell nicht im Fuß­ball sein darf. (Lacht.)

Den­noch tut die Halb­fi­nal­nie­der­lage bei der WM 1986 bis heute weh.

Pla­tini: Wenn sie ein Spiel ver­lieren, das sie nicht ver­lieren müssen, ist oft der Schieds­richter Schuld. So war es 1986.

Bei dieser WM hatten wir es ver­dient, ins Finale zu kommen. Wir hatten Ita­lien und Bra­si­lien besiegt, aber im Halb­fi­nale hatten wir einen schlechten Tag.

Franz hätte uns klein­reden sollen, dann wären wir viel­leicht Welt­meister geworden.“

Schicksal.

Pla­tini: Wir Fran­zosen konnten damals ein Spiel nur gewinnen, wenn wir wirk­lich, wirk­lich gut spielten. Die Deut­schen mussten nicht zwin­gend gut sein, um am Ende zu gewinnen. Das war das Pro­blem meiner Genera­tion.

Sie hadern schon ein biss­chen.

Pla­tini: Bei Tur­nieren geht es nur um den Pokal. Es sind Zufälle, die ent­scheiden. Wenn der Referée 1982 Schu­ma­cher vom Platz gestellt hätte, wäre das Spiel anders ver­laufen. Und 1986 habe ich ein Tor zum Aus­gleich geschossen, aber der öster­rei­chi­sche Lini­en­richter – kein Deut­scher, aber ein halber – ent­schied auf Abseits. Das sind Momente, die bei Spielen zwi­schen großen Teams ent­scheiden.

Kurz bevor das Halb­fi­nale 1986 endet, kommen Sie einen Augen­blick zu spät, um vor Schu­ma­cher den Ball ins Tor zu schieben. Als er vor Ihnen am Boden liegt, deuten Sie mit dem Fuß an, dass Sie ihm am liebsten treten würden.

Pla­tini: Ich erin­nere mich. Ein dumme Aktion! Aber ich war so ent­täuscht. Einer dieser Momente, in dem einem bewusst wird: Es war alles umsonst, weil sich alles gegen uns ver­schworen hat. Gegen Deutsch­land hatte ich dieses Gefühl leider oft.

Dabei beteu­erte Team­chef Franz Becken­bauer mehr­fach, dass er gar nicht ver­stehen könne, wie der DFB-Kader 1986 soweit kommen konnte.

Rum­me­nigge: Franz war wirk­lich lustig. Ich war damals Kapitän und er kam abends öfter zum Reden auf mein Zimmer. Vor dem Vier­tel­fi­nale gegen Mexiko sagte er: Wenn wir uns da gut ver­kaufen und aus­scheiden – kein Pro­blem.“ Und wir besiegten Mexiko in einem schwa­chen Spiel im Elf­me­ter­schießen. Vor dem Match gegen Frank­reich sagte er: Mit der Mann­schaft ins Halb­fi­nale – mehr geht nicht! Unter nor­malen Umständen haben wir gegen die Fran­zosen keine Chance!“ Aber das Spiel lief von Beginn an in unsere Rich­tung.

Und Sie erreichten das Finale, wo Sie knapp mit 2:3 gegen Argen­ti­nien unter­lagen.

Rum­me­nigge: Das Pro­blem war, dass Franz nach dem Halb­fi­nale auf­hörte, uns klein zu reden. Nach dem Halb­fi­nal­sieg hatten plötz­lich alle das Gefühl, dass wir auch Argen­ti­nien schlagen können. Er hätte uns ruhig weiter klein­reden sollen, dann wären wir viel­leicht Welt­meister geworden. (Lacht.)

Karl Heinz Rum­me­nigge, Michel Pla­tini, waren die Fran­zosen im WM-Halb­fi­nale 2018 gegen Bel­gien so etwas wie die Deut­schen der Acht­ziger?

Rum­me­nigge: Was meinen Sie?

Häss­liche Gewinner?

Rum­me­nigge: Es gibt keine häss­li­chen Sieger. Wer gewinnt, hat es auch ver­dient zu gewinnen.

Pla­tini: Unsere heu­tige Mann­schaft ist sehr kom­plett. Auch eine Folge der Ent­wick­lung, die wir in den Acht­zi­gern ange­stoßen haben. In Bel­gien sind sie noch nicht so weit.

Rum­me­nigge: Bel­gien war gut, aber Frank­reich war besser. Wenn Sie jeden ein­zelnen Spieler ver­glei­chen, hatte Frank­reich die Nase um fünf Pro­zent vorn. Und das macht in diesen Spielen den Unter­schied.

Pla­tini: Deutsch­land ist seit 1954 in der Lage, auf der großen Bühne Spiele für sich zu ent­scheiden. Frank­reich seit 1982. Und Bel­gien eben erst seit acht oder zehn Jahren.

Letzte Frage: Inwie­weit erkennen Sie noch den aktiven Spieler wieder, wenn Sie sich jetzt gegen­über sitzen?

Pla­tini: Wir haben unter­schied­liche Wege ein­ge­schlagen. Ich wollte nach meiner Zeit als Natio­nal­trainer nicht mehr in einem Klub arbeiten, ich wollte den poli­ti­schen Weg ein­schlagen und Fuß­ball auf anderer Ebene prägen. Das bedeutet, dass ich sams­tags und sonn­tags andere Dinge mache als Kalle. Als Bayern gegen Chelsea 2012 das Cham­pions-League-Final verlor, spielte das Geschehen auf dem Rasen für mich eine unter­ge­ord­nete Rolle. Ich hoffte, dass die Ver­an­stal­tung gut läuft und sich 80 000 Fans im Sta­dion wohl fühlen. Es war keine Frage von Gewinnen oder Ver­lieren mehr.

Rum­me­nigge: Aber im Fuß­ball ist auch nicht immer ent­schei­dend, dass man gewinnt.

Son­dern?

Rum­me­nigge: Dass den Men­schen im Gedächtnis bleibt, wie ein Spiel gelaufen ist.

Pla­tini: Und dass wir uns auch in Zukunft fragen, wer den Rasen am Ende als Sieger ver­lässt.