Seite 2: „Toni war an diesem Abend komisch drauf“

Aber Sie waren sich bewusst, dass Sie nach einer durch­wach­senen WM 1978 mit einem großen Team zur WM 1982 in Spa­nien reisen?

Pla­tini:
Nein. Wir hatten in den Monaten vor der Welt­meis­ter­schaft keinen ein­zigen Sieg ein­ge­fahren. Dann ver­loren wir zum Auf­takt gegen Eng­land, gewannen gegen Kuwait, Nord­ir­land und Öster­reich und spielten unent­schieden gegen die Tsche­chen. Keine außer­ge­wöhn­liche Bilanz, oder? Ins Halb­fi­nale zu kommen, war wie ein Wunder.

Schaut man sich den Tur­nier­ver­lauf in Spa­nien an, war es auch für die DFB-Elf ein Wunder, dorthin zu gelangen.

Rum­me­nigge: Wir hatten uns im Ver­lauf des Tur­niers gestei­gert, aber natür­lich war uns bewusst, dass Frank­reich ein harter Bro­cken wird.

Das Halb­fi­nale 1982 wurde über­schattet von Toni Schu­ma­chers Foul an Patrick Bat­tiston. Die Medien erkannten in der Aktion des Kee­pers den häss­li­chen, bru­talen Deut­schen wieder. Ein Motiv aus längst ver­gan­genen Zeiten.

Pla­tini: Es liegt in der Natur von Jour­na­listen, solche Ver­gleiche anzu­stellen. Wir Spieler haben nie so gedacht. Natür­lich war es über­haupt nicht gut, wie sich Schu­ma­cher an diesem Abend ver­hielt. Weder in dem Moment, als er Bat­tiston ver­letzte, als auch nach Ende des Spiels. Er kam nicht vorbei, um sich zu ent­schul­digen. Er ging mit der Situa­tion sehr arro­gant um. Das macht dieses Spiel so pro­ble­ma­tisch. Sonst wäre es ein­fach als groß­ar­tiges WM-Match in die Geschichte ein­ge­gangen.

Haben Sie eine Erklä­rung für Schu­ma­chers Ver­halten?

Pla­tini: Es lag in seiner Spiel­weise, den Gegner sehr kör­per­be­tont und aggressiv anzu­gehen.

Rum­me­nigge: Toni war komisch drauf an diesem Abend. Ich erin­nere mich, wie wir nach dem Spiel in der Kabine fei­erten. Er saß ganz allein in der Ecke. Ich sagte zu ihm: Komm, Toni, wir gehen rüber und ent­schul­digen uns. Wir müssen doch wissen, was mit dem Spieler los ist.“ Es schien mir eine wich­tige Geste zu sein.

Aber?
Rum­me­nigge: Toni war an diesem Abend in seiner eigenen Welt. Er ant­wor­tete: Es geht nicht, ich kann das nicht tun.“

Ich habe Schu­ma­chers Buch nie gelesen“

In seinem Buch Anpfiff“ begründet er seine Aggres­sionen auch damit, dass er mit Ephe­drin gedopt war.

Rum­me­nigge: Ich habe sein Buch nie gelesen, aber Toni war ein spe­zi­eller Typ. In den Liga­spielen gegen den 1.FC Köln bin ich Zwei­kämpfen mit ihm auch stets aus dem Weg gegangen.

Sie kamen in Sevilla erst in der siebten Minute der Ver­län­ge­rung ins Spiel.

Rum­me­nigge: Ich hatte eine Mus­kel­ver­här­tung im Ober­schenkel. Als Michels Team immer stärker wurde, bat ich unseren Mas­seur Erich Deuser mir Eis zu geben. Vom Ersatz­keeper lieh ich mir einen Hand­schuh, wickelte das Eis darin ein und begann, den Ober­schenkel zu mas­sieren. Dann fiel in der Ver­län­ge­rung das 2:1 und Trainer Der­wall fragte, ob ich spielen könne. Ich sagte: Ich weiß nicht, ob es schlau ist, aber das müssen Sie ent­scheiden!“ Da fiel das 3:1 für die Fran­zosen. Und ich dachte: Viel­leicht ist es besser, wenn ich mich wieder hin­setze…“

Pla­tini: …das wäre defi­nitiv besser gewesen. (Beide lachen.)

Rum­me­nigge:
Aber Der­wall wech­selte mich ein – und mir gelang post­wen­dend der Anschluss­treffer. Und als ich zurück zum Anstoß­kreis lief, sah ich in den Gesich­tern der Fran­zosen, dass sich etwas ver­än­dert hatte. Da war etwas wie … Angst.

Pla­tini: Wir hatten keine Angst. Aber machen Sie sich die Situa­tion klar. Wir konnten nicht mehr aus­wech­seln. Wir hatten Geng­heni gegen Bat­tiston aus­ge­tauscht und der lag nun im Kran­ken­haus. Und die Deut­schen brachten erst spät im Spiel Hru­besch und schließ­lich Kalle aufs Feld – die beiden besten Stürmer in Europa zu dieser Zeit. Und die preschten jetzt auf uns zu, gemeinsam mit Litt­barski und Fischer. Und Sie wissen, was pas­sierte, wenn Briegel Fahrt auf­nahm? Bei uns standen diesen Spie­lern Tigana und Giresse gegen­über, die 60 Kilo wogen. Ich beor­derte Jan­vion zu Hru­besch und Lopez zu Rum­me­nigge. Aber es half nichts. Uns fehlte die Erfah­rung, um tak­tisch klug mit dieser Situa­tion umzu­gehen.

Mon dieu, Rum­me­nigge“.

Rum­me­nigge: Angeb­lich soll Prä­si­dent Mit­te­rand das gerufen haben, als er hörte, dass ich ein­ge­wech­selt werde. Ich weiß nicht, ob es stimmt.

Pla­tini: Das Foto, auf dem sich Mit­te­rand und Kohl auf den Schlacht­fel­dern von Verdun die Hände rei­chen, war sehr wichtig für das Ver­hältnis unserer Länder.

Rum­me­nigge: Viel wich­tiger, als alle Fuß­ball­spiele zwi­schen unseren Teams.

Auf dem Champs-Elysée riefen die Pas­santen: Quatre vingt-deux!“

Es gibt Phi­lo­so­phen, die glauben, Fuß­ball sei heute die Fort­füh­rung krie­ge­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zung mit anderen Mit­teln.

Pla­tini: Fuß­ball als Krieg? Das ist Unsinn.

Rum­me­nigge: Abso­luter Unsinn. Wir dürfen Fuß­ball nicht so auf­laden. Es ist und bleibt ein Spiel – das Spiel, das wir als Kinder auf dem Bolz­platz gespielt haben. Die heu­tigen Profis sind doch keine Feinde, die kennen sich alle sehr gut, sind teil­weise befreundet, weil sie sich in der Cham­pions League ständig treffen.

Pla­tini: Im Übrigen sind für uns Fran­zosen tra­di­tio­nell die Eng­länder die viel grö­ßeren Rivalen auf dem Rasen, so wie für Euch lange Zeit die Nie­der­länder die größten fuß­bal­le­ri­schen Wider­sa­cher waren.

Rum­me­nigge: Den­noch muss Euch Sevilla lange im Gedächtnis geblieben sein: Als ich Jahre später mal einen Spa­zier­gang am Champs-Elysée machte, erkannten mich einige Pas­santen. Und weißt Du, was Sie riefen?

Pla­tini: Na?

Rum­me­nigge: Nicht etwa meinen Namen, sie sagten nur: Quatre vingt-deux!

Pla­tini: So alt siehst du gar nicht aus. (Lacht.)

Michel Pla­tini, Sie haben mal gesagt, dass es kein Spiel in Ihrem Leben gibt, das Ihnen emo­tional mehr gegeben habe als Sevilla 1982.

Pla­tini: Weil die Band­breite der Emp­fin­dungen so groß war. Als Fuß­baller erleben Sie Siege und Nie­der­lagen, aber 120 Minuten und ein Elf­me­ter­schießen, das Sie durch so unter­schied­liche Gefühls­welten trägt, erlebt ein Spieler nur sehr selten. Natür­lich war Sevilla für Mil­lionen Fran­zosen ein Trauma – für mich aber war es eine unver­gess­liche Nacht, an deren Ende der Glück­li­chere den Platz als Sieger ver­ließ. Für mich brachte das Spiel auch die Erkenntnis, dass wir end­lich eine große Mann­schaft haben. Ein Erwe­ckungs­er­lebnis des fran­zö­si­schen Fuß­balls. Ohne dieses Spiel wären wir zwei Jahre später nicht Euro­pa­meister geworden und es hätte bei uns nie einen Fuß­ball-Boom gegeben, der sich bis in die Gegen­wart aus­wirkt.

Wel­chen Platz nimmt das Spiel in Ihrer Kar­riere ein, Karl Heinz Rum­me­nigge?

Rum­me­nigge: Viel­leicht waren es die besten 23 Minuten, die ich in meiner Lauf­bahn gespielt habe. Und: Es war ein Wen­de­punkt! Danach führte die FIFA flä­chen­de­ckend eine K.O.-Runde bei der WM ein, es war das Ende der zweiten Grup­pen­phase. Die Welt­meis­ter­schaft in Spa­nien war bis dato nicht beson­ders hoch­klassig, aber nach dem Match sagte jeder: Das wollen wir sehen. Ein his­to­ri­sches Spiel, so wie das Jahr­hun­dert­spiel“ 1970 zwi­schen Deutsch­land und Ita­lien. Jeder Profi möchte in seiner Kar­riere Teil eines sol­chen Matches sein.

Pla­tini: Ich sprach mit Franz Becken­bauer über das Halb­fi­nale von 1970. Er sagte, bis auf die Ver­län­ge­rung war es ein lang­wei­liges Spiel. Sevilla aber war in jeder Hin­sicht ein großes Duell.