Vor einigen Jahren unter­hielten wir uns mit dem Musiker und Schrift­steller Sven Regener über Fuß­ball­musik. Regener ist Werder-Fan, daher ging es in dem Inter­view auch um Künstler wie die Mimmi’s („Deut­scher Meister wird der SVW“) und Klaus und Klaus („Denn bei Werder Bremen, da wackelt die Wand“). Regener resü­mierte: Bremen ist ja eine Fun-Punk-Hoch­burg, und in gewisser Weise sind auch Klaus und Klaus dieser Sparte zuzu­ordnen.“

Eine gewagte These, könnte man meinen, viel­leicht ein biss­chen iro­nisch gemeint. Bei genauerer Betrach­tung muss man aber sagen: Regener hatte Recht. Denn zur Erklä­rung des Genres Fun-Punk braucht man keine Songs, keine Text-Ana­lysen, keine schlauen Sätze von Kul­tur­wis­sen­schaft­lern, man braucht nur ein Bild aus dem Jahr 1992. Es zeigt Klaus Baum­gart von der Band Klaus und Klaus vor dem viel­leicht wich­tigsten Spiel in der Geschichte des VfB Olden­burg. Es geht um den Auf­stieg in die Bun­des­liga. Mehr Fun-Punk war nie davor und nie mehr danach. Aber dazu gleich noch.

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NDR

Seit einigen Jahren pro­du­zieren Strea­ming­an­bieter wie Amazon Prime oder Net­flix epi­sche Fuß­ball­se­rien. HD-Filme über HD-Spieler oder HD-Klubs mit HD-Storys. Wir sehen die hel­den­haften Ikonen der Gegen­wart, wie sie weich­ge­zeichnet und in Slowmo­tion an unserem Auge vor­bei­ziehen, wäh­rend wir Musik hören, die man sonst aus Wer­be­clips für Luxus-Autos kennt. Ein Streich­quar­tett im Royal Opera House statt Fun-Punk am Sta­dion Don­ner­schwee.

Der NDR pro­du­ziert seit einiger Zeit Doku­men­ta­tionen über Fuß­ball­klubs, für die sich kaum noch jemand inter­es­siert. Filme über die Glanz­zeiten von Barmbek-Uhlen­horst und Göt­tingen 05 oder über Dynamo Schwe­rins Sen­sa­tion im DDR-Pokal 1990/91. Es sind fas­zi­nie­rende Geschichten aus einem Land vor unserer Zeit. Kleine Oden an einen Fuß­ball, der noch unper­fekt war. Hom­magen an Glücks­ritter und Aben­teurer. An Typen, die aus­sahen, als seien sie auf dem Weg zum Cas­ting von Bang Boom Bang“ ein­fach mal kurz beim ört­li­chen Fuß­ball­klub abge­bogen.

Am Sonntag zeigt der NDR einen Film der Autorin Inka Blu­men­saat über die gol­dene Ära des VfB Olden­burg, und er ist der beste aus der Reihe. Auch wegen des bereits erwähnten Klaus Baum­gart.

In den Acht­zi­gern schun­kelt sich dieser an der Seite eines anderen Klaus („der dünne Klaus“) mit Feten­kra­chern wie An der Nord­see­küste“ oder Da steht ein Pferd auf dem Flur“ durch die Bier­zelte der alten BRD. Nach der Wende wird Baum­gart Vize­prä­si­dent des dama­ligen Ober­li­gisten VfB Olden­burg, 1990 steigen seine Teil­zeit­profis mit nur einer Nie­der­lage sen­sa­tio­nell in die Zweite Liga auf, 1992 ver­passen sie den Auf­stieg in die Bun­des­liga um einen Punkt.

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Die alte Gang: Vize-Prä­si­dent Klaus Baum­gart, Trainer Wolf­gang Sidka, Prä­si­dent Klaus Berster und Manager Rudi Assauer und der Mara­dona des Ostens“.

Legenden einer frü­heren Fuß­ball­hoch­burg“, so der Titel der Doku, ist eine klas­si­sche Auf­stieg-und-Fall-Story. Ein Sommer, der drei Jahre andau­erte. Eine end­lose Klas­sen­fahrt, immer der Sonne ent­gegen, bis das Gewitter kam. Solche Geschichten kennt man, aber die Olden­burger Jahre von 1989 bis 1992 erzählen noch mehr. Etwa von einer Wende wäh­rend der Wende. Über den Auf­bruch in den modernen Fuß­ball. Über die letzten Atem­zügen des Don­ner­schwee-Sta­dions, der Hölle des Nor­dens. Über die Ent­de­ckung der Farben. 

Es liegt ein Grau­schleier über der Stadt“, sang die Band Fehl­farben in den Acht­zi­gern. Im Olden­burg der frühen Neun­ziger kann man gut sehen, wie die Men­schen beginnen, ihr Leben in Neon zu tün­chen. Bacardi-Fee­ling, Fun-Punk, alles so schön bunt hier, alles ist mög­lich, und damit man in diesem bild­ge­wal­tigen Film keinen Zucker­schock bekommt, hören wir im Hin­ter­grund gele­gent­lich die melan­cho­li­schen Lieder von The Cure.