Pierre Litt­barski, wann reifte in Ihnen der Plan, mit Fuß­ball spielen Geld zu ver­dienen?
Sehr spät. Mein Vater war Finanzrat und wollte, dass ich in seine Fuß­stapfen trete. Ich über­re­dete meinen Kumpel Stefan Müller und begann zusammen mit ihm die Aus­bil­dung zum Finanz­be­amten. Stefan hat mir das bis heute nicht ver­ziehen (lacht). Gut, dachte ich mir, mach was Solides und spiel nebenbei ein wenig Fuß­ball.

Bis der Anruf vom 1. FC Köln kam.
Im Sommer 1978 traten wir mit Hertha Zehlen­dorf bei den Deut­schen A‑Jugendmeisterschaften an, auf dem Weg ins Finale schmissen wir den FC aus dem Wett­be­werb. Weil ich in beiden Spielen über­zeugt hatte, bekam ich plötz­lich ein Angebot von Kölns Manager Karl-Heinz Thielen. Thielen hatte zuvor bei Trainer Hennes Weis­weiler durch­ge­klin­gelt, der nur mäßig begeis­tert gewesen war. Er fragte: Is ett wenigs­tens ´ne Stürmer?“ Thielen setzte sich für mich ein und über­re­dete den Chef.

Schon nach wenigen Spielen der Saison 1978/79 wurden Sie von der Kölner Presse in den Himmel gelobt. Wie sind Sie damit umge­gangen?
Meine Mit­spieler sorgten dafür, dass ich mir darauf nicht viel ein­bil­dete. Roger van Gool, der erste Mil­lionen-Mann der Bun­des­liga, saß wegen mir plötz­lich auf der Bank. Vor meinem Debüt kam er in die Kabine, schaute mich an und sagte: Heute machst Du Dein letztes Spiel!“

Mussten Sie die obli­ga­to­ri­schen Grät­schen im Trai­ning ertragen?
Natür­lich. Mit meiner Spiel­weise war ich die per­fekte Ziel­scheibe. Im Laufe der Zeit lernte ich dann, mich zu wehren. Ich erin­nere mich an ein Test­spiel gegen einen Kreis­liga-Verein. Nach einem rüden Foul gegen mich griff sich Paul Steiner, selbst kein Kind von Trau­rig­keit, den Treter: Junge, warte mal ab.“ Der lachte nur und drehte sich weg. Ich bin nicht stolz darauf, aber wenige Minuten später legte ich mir absicht­lich den Ball zu weit vor und sprang dem Kerl ordent­lich in die Beine.

Sie konnten auch anders.
Ich musste anders. Nicht immer blieb das fol­genlos. Vor der WM 1986 trafen wir im UEFA-Cup-Finale auf Real Madrid. Bei Real spielte der Mexi­kaner Hugo San­chez, der viel­leicht unfairste Fuß­baller, den ich je erlebt habe. Kein Witz: Der trug vorne und hinten Schien­bein­schoner! Ich erwischte ihn trotzdem so, dass er aus­ge­wech­selt werden musste. Kurz darauf trafen wir bei der WM in Mexiko ein. Noch am Flug­hafen wurde ich von den Medien in die Mangel genommen. Tenor: Sie haben unser Idol kaputt­ge­treten!

Hatten Sie als gebür­tiger Ber­liner im fernen Köln nicht Heimweh?
Meine neuen Nach­barn sorgten dafür, dass ich mich bald hei­misch fühlte. Im ersten Jahr wohnte ich mit meiner spä­teren Frau in einem 32-qm-Apar­te­ment im Uni-Center. Links wohnten Zuhälter, rechts Damen aus dem Gewerbe. Die schlossen mich gleich in ihr Herz. Am ersten Tag stand ich mit meinem Müll­beutel im Haus­flur, als eine Frau im Bade­mantel und tiefem Dekol­leté auf­tauchte, mich an die Hand nahm und mir den Müll­schacht zeigte. Wenn ich mit meiner Sport­ta­sche über der Schulter auf meinem Moped zum Trai­ning fuhr, winkte mir das halbe Rot­licht­viertel zu. Och, schau mal, der Kleene, ist der süß!“, hörte ich es aus den Fens­tern rufen.

Haben Sie wirk­lich nichts ver­misst?
Doch, die Ber­liner Cur­ry­wurst! Für 1000 Mark kaufte ich Toni Schu­ma­cher seinen alten VW-Käfer ab und gon­delte regel­mäßig die sieben Stunden quer durch die Zone nach Berlin. Bei jedem Hei­mat­be­such nahm ich einen kleinen Vorrat vom Ver­käufer meines Ver­trauens am Ku´damm mit nach Köln.

Pierre Litt­barski

Wurde am 16. April 1960 in Berlin geboren. Zwi­schen 1978 und 1993 stand er 406 Mal für den 1. FC Köln auf dem Platz, 1983 schoss er seinen Klub im Finale gegen For­tuna Köln zum DFB-Pokal-Tri­umph. Nach zwei Vize­ti­teln 1982 und 1986 wurde »Litti« 1990 Welt­meister. 1997 been­dete er seine Spie­ler­kar­riere in Japan und wurde Trainer. Nach Sta­tionen in Yoko­hama, Lever­kusen, Duis­burg, Sydney, Fukuoka, Teheran und Vaduz lan­dete er schließ­lich 2010 beim VfL Wolfs­burg, für den er heute zunächst als Co-Trainer anfing, dann Chef­scout wurde und nun im Mar­ke­ting arbeitet.

In der Medi­en­stadt Köln reiften Sie bald zum natio­nalen Star. Fotos aus der Zeit zeigen Sie als Sun­nyboy mit Gold­kett­chen und blonden Strähn­chen in den Haaren. Wollten Sie sich bewusst vom eher bie­deren Stil Ihrer Kol­legen absetzen?
Dazu passt die Begeg­nung, die ich vor einigen Jahren mit dem bra­si­lia­ni­schen Natio­nal­trainer Felipe Sco­lari hatte. Der sagte mir zur Begrü­ßung: Du bist kein Deut­scher. Du bist ein Bra­si­lianer. Schau Dir nur an, wie Du Fuß­ball gespielt hast!“ Das heißt, mein Spiel­stil war schon einmal alles andere als deutsch. Und zu den Haaren: Schon zu meiner Schul­zeit bewun­derte ich die Mähne meines Mit­schü­lers und spä­teren Hertha-Spie­lers Robert Jüttner. Der kam eines Tages mit einer wasch­echten David-Bowie-Frisur in die Klasse und konnte an keinem Spiegel mehr vor­bei­gehen. In Köln bin ich dann irgend­wann zu einem Sze­ne­fri­seur, um mir auch eine spek­ta­ku­läre Mähne machen zu lassen. Nach dem ersten Färben war die Hälfte meiner Haare blond wie Stroh. Ich saß bis acht Uhr abends in diesem Laden, um die Frisur noch halb­wegs zu retten – zwecklos. Natür­lich haben sich meine Mit­spieler kaputt­ge­lacht. Da sagte ich mir: Jetzt lässt du die Haare erst recht so.

Nicht die ein­zige modi­sche Extra­va­ganz.
Ich habe alles aus­pro­biert. In einem Trai­nings­lager ließ ich mir mit Frank Orde­ne­witz jeweils einen halben Bart stehen. Er die rechte Gesichts­hälfte behaart, ich die linke. Sah über­ra­gend aus.

Haben Sie sich jemals als Pop­star gefühlt?
Eigent­lich nicht. Wobei die Inhalte der Fan­post spä­tes­tens nach meiner ersten WM 1982 immer kurioser wurden. Nicht selten schrieben mir junge Frauen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte, dass Sie ein Kind von mir erwarten würden. Mit dem Zusatz: Es könnte aber auch von Thomas Kroth oder Ste­phan Engels sein, da bin ich mir nicht so sicher.“

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