Seite 2: „Er wusste genau, dass er eine Grenze überschritten hatte“

1982 fuhren Sie zu Ihrer ersten Welt­meis­ter­schaft. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an den Zusam­men­prall zwi­schen Toni Schu­ma­cher und Frank­reichs Patrick Bat­tiston im Halb­fi­nale?
Wie heftig das wirk­lich war, erkannte ich erst bei den Fern­seh­bil­dern. Ich glaube, Toni befand sich nach der Aktion in einer Art Schock­zu­stand. Er machte alles falsch, was man falsch machen konnte: Statt Mit­ge­fühl zu zeigen und sich um Bat­tiston zu küm­mern, stand er reglos in seinem Tor und wirkte dabei so auf­rei­zend unbe­tei­ligt.

Sie waren und sind mit Schu­ma­cher befreundet, er war sogar Ihr Trau­zeuge. Haben Sie mit ihm später über diese Szene gespro­chen?
Mehr als einmal. Auf mich wirkte er damals wie ein kleines Kind, dass sich die Finger ver­brannt hatte, das aber nicht zugeben wollte. Toni war einer der här­testen Typen im Fuß­ball und in diesem Moment stand er irgendwie zwi­schen den Stühlen: Er wollte gleich­zeitig weiter den harten Mann mimen und wusste doch ganz genau, dass er diesmal eine Grenze über­schritten hatte.

Haben Sie mit den hef­tigen Reak­tionen auf das Schu­ma­cher-Foul gerechnet?
Das hat uns alle über­for­dert. Noch auf dem Rückweg hielt man uns vier Stunden am Flug­hafen von Sevilla fest, die Flug­lotsen ver­zö­gerten die Abreise. Die Medi­en­be­richte haben wir natür­lich auch wahr­ge­nommen. Ich fand das alles extrem traurig, weil plötz­lich nie­mand mehr über unsere sport­li­chen Leis­tungen sprach.

Bei der WM 1986 wurden Sie nur als Joker ein­ge­setzt. Hand aufs Herz: Auf der Ersatz­bank saßen Sie mit geballten Fäusten in der Tasche.
Nein, da war ich doch selbst­kri­tisch genug, schließ­lich hatte ich mich kurz vor dem Tur­nier ver­letzt und war ein­fach nicht fit genug, um in jedem Spiel einen Stamm­platz zu for­dern.

In Ihrer Bio­grafie fassen Sie dieses Tur­nier kurz und knapp zusammen: Es war grausam.“ War es wirk­lich so schlimm?
1986 waren wir keine Mann­schaft. Beim Essen saßen Ham­burger, Kölner und Mün­chener an getrennten Tischen. Ich konnte als Ein­ziger mit allen drei Tischen, war mit vielen Ham­bur­gern und Mün­che­nern befreundet. Ich werde nicht ver­gessen, wie mich eines Tages Franz Becken­bauer und Egi­dius Braun zur Seite nahmen: Litti, Du bist unser Ver­mittler. Wir müssen die Mann­schaft an einen Tisch bekommen!“ Ich ant­wor­tete nur: Das ist euer Job!“ Ich war froh, als die WM vorbei war.

Nach der WM 1986 wech­selten Sie zu Racing Paris, kehrten aller­dings nach nur einer Saison zurück zum 1. FC Köln. Hatte man Ihnen das Halb­fi­nale 1982 noch nicht ver­ziehen?
Ich weiß nicht, ob das damit etwas zu tun hatte. Eines Tages prangte jeden­falls ein großes Haken­kreuz auf meinem Gar­ten­zaun, ver­mut­lich war das aber nur ein ein­zelner Fana­tiker. Dass ich nur ein Jahr in Paris blieb, hatte sport­liche Gründe. Ich fand in Frank­reich ein­fach nicht zu meiner Form.

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Ein ver­schenktes Jahr?
Ganz und gar nicht. Wenn ich mich damals nicht zu dem Wechsel nach Paris ent­schieden hätte, wäre ich ver­mut­lich nie nach Japan gegangen. Weil ich mich nicht getraut hätte. Das Jahr in Frank­reich hat mir gezeigt, dass man neue Kul­turen und neue Umge­bungen aktiv annehmen muss, wenn man die Welt ken­nen­lernen will. Stun­den­lang fuhr ich damals mit meinem Renault R5 durch die Straßen von Paris, um das Leben in dieser Stadt auf­zu­saugen. Und die Frus­tra­tion über die vielen Dinge, die im Verein schief liefen, hatten auch was Gutes: Ich lernte bei meiner Rück­kehr viele kleine Sachen zu schätzen, die ich vorher gar nicht wahr­ge­nommen hatte.

Zum Bei­spiel?
In Paris wurde mir vor der Saison Trikot, Hosen und Stutzen in die Hand gedrückt, waschen mussten wir die Kla­motten selber. In Köln hingen am ersten Tag meine Sachen ordent­lich im
Spind. Das war mir zuvor gar nicht auf­ge­fallen, jetzt fand ich das auf einmal ganz wun­derbar

1990 gelang Ihnen der ganz große Wurf. Wann wurde Ihnen bewusst, dass sie gut genug waren, um Welt­meister zu werden?
Gleich im ersten Grup­pen­spiel gegen Jugo­sla­wien. Lothar Mat­thäus war an diesem Tag ein­fach über­ra­gend, nach 70 Minuten stand es 4:1 für uns. Ich saß zu diesem Zeit­punkt auf der Bank, schaute nach rechts, schaute nach links, sah Andy Möller, Olaf Thon, Karl-Heinz Riedle, diese ganzen Gra­naten und dachte: Du kannst froh sein, wenn du bei diesem Kader auch mal spielen darfst.

Sie sollen extrem wütend gewesen sein, als Franz Becken­bauer Sie wäh­rend des Halb­final-Spiels gegen Eng­land nur auf der Bank ließ.
Wäh­rend des Vier­tel­fi­nals gegen Tsche­chien hatte mich Jozef Cho­vanec hart abge­grätscht, ich spürte gleich einen Schmerz im Knie. Ver­mut­lich war mein Kreuz­band da schon ange­rissen. Vor dem Halb­fi­nale konnte ich nur unter Schmerzen trai­nieren, Schüsse mit rechts gingen gar nicht. Becken­bauer blieb keine andere Wahl, als mich draußen zu lassen. Aber ich war fuchs­teu­fels­wild und musste in letzter Minute von unserem dama­ligen Pres­se­spre­cher Wolf­gang Niers­bach vor einer Dumm­heit bewahrt werden.