Seite 5: „Dafür ging meine erste Ehe in die Brüche“

Warum sind Sie 1993 nach Japan gegangen?
Schon 1992 bekam ich ein Angebot von den Urawa Red Dia­monts, aber das lehnte ich ab. Im Früh­jahr 1993 mel­dete sich dann mein ehe­ma­liger Mit­spieler Yasu­hiko Oku­dera bei mir, der beim Aufbau der neu­ge­grün­deten J‑League“ mit­half und mich zu JEF United Ichihara locken wollte. Ich sagte: Oki, was soll ich denn da? Ich mag keinen Fisch, ich mag keinen Salat – ich werde dort ver­hun­gern. Ich weiß noch nicht mal, wo Japan genau liegt!“ Er ant­wor­tete mir: Wenn du einmal hier bist, wirst du es lieben.“

Und Sie stiegen sofort ins nächste Flug­zeug?
Es dau­erte, bis er mich über­redet hatte. Schließ­lich sagte ich doch zu, auch, weil es mir in Köln nicht mehr gefiel. Fünf Monate waren zunächst abge­macht. Am 29. Spieltag sicherte ich mit zwei Toren gegen Nürn­berg den Klas­sen­er­halt und ver­ließ den FC noch vor dem Sai­son­ende. Mit zwei großen Kof­fern reiste ich nach Tokio, in einem waren Kla­motten, in dem anderen Lebens­mittel. Butter und Scho­ko­lade. Als ich ankam, waren es 40 Grad, meine Win­ter­jacke zog ich aus, die Butter war geschmolzen. Dafür war­teten 5000 Fans und Dut­zende Jour­na­listen auf mich. Ich war völlig geplättet, mit so einer Euphorie hatte ich nie im Leben gerechnet. Ich dachte nur: Woher kennen die dich?

Wann fassten Sie den Ent­schluss, in Japan zu bleiben?
Schon nach wenigen Tagen. Es war exakt so, wie es Oku­dera mir pro­phe­zeit hatte. Dafür ging meine erste Ehe in die Brüche. Meine Frau flog zurück nach Deutsch­land und blieb mit meinen Kin­dern dort. Es war eine harte Ent­schei­dung, aber ich blieb in Japan. Wenige Wochen später lernte ich meine heu­tige Frau kennen. Sie zeigte mir ihr Land und machte mir die Ein­ge­wöh­nung sehr leicht. Den Preis, den ich für dieses neue Leben zahlen musste, war hoch: Heute habe ich nur noch Kon­takt zu einer meiner Töchter aus erster Ehe.

Sie wurden mit einer unglaub­li­chen Begeis­te­rung emp­fangen. Welche Blüten trieb dieser Hype um Ihr Person?
Unser Haupt­sponsor, die japa­ni­sche Eisen­bahn-Gesell­schaft, ernannte mich für einen Tag zum Ehren­schaffner, ich durfte den Bahnhof durch den Ein­gang der kai­ser­li­chen Familie betreten und An- und Abfahrten leiten. Aus deut­scher Sicht klingt das kurios, in Japan ist das eine sehr große Ehre. Bald schon konnte ich nicht mehr ohne Tar­nung aus dem Haus gehen, mehr­fach musste die Polizei ein­greifen, um die Men­schen­massen auf­zu­lösen, wenn ich irgendwo einen Kaffee trinken wollte oder ein Fuß­ball­spiel besuchte.

Sie blieben acht Jahre in Japan, been­deten dort Ihre aktive Kar­riere, machten den Trai­ner­schein und grün­deten eine neue Familie – was fas­zi­nierte Sie an diesem Land?
Vor allem der Umgang mit­ein­ander, dieser Respekt, mit dem sich die Men­schen behan­deln. In Deutsch­land bildet man sich in Sekun­den­schnelle ein Urteil, häufig sogar ein Vor­ur­teil, ohne den Men­schen zu kennen. Die Japaner bilden sich ihr Urteil erst, wenn sie in Ruhe dar­über nach­ge­dacht haben. Ich sog die ganze Lebens­phi­lo­so­phie, das soziale und kul­tu­relle Mit­ein­ander in mich auf. Felipe Sco­lari hat gesagt, ich sei ein Bra­si­lianer. Aber er hatte Unrecht: Im Herzen bin ich scheinbar ein Japaner.

Wie hat Sie die Zeit in Japan ver­än­dert?
Ich bin dort neu geboren worden. Nicht, dass ich mit meinem bis­he­rigen Leben unzu­frieden gewesen wäre, aber in Japan fand ich neues Zuhause und eine innere Ruhe, die mich auch heute noch leitet und begleitet.

Wenn es so schön war in Japan, warum sind Sie dann 2001 als Co-Trainer von Berti Vogts bei Bayer Lever­kusen nach Deutsch­land zurück­ge­kehrt?
Alte Ver­pflich­tungen. Berti hatte mich als U‑21-Trainer einst zum A‑Nationalspieler geformt, jetzt bat er um eine kleine Gegen­leis­tung. Rainer Cal­mund rief mich an und sagte: Der Berti will nur Trainer werden, wenn du sein Assi wirst!“ Ich flog nach Lever­kusen, ließ mich von Calli bequat­schen und blieb da.

Schon nach einem halben Jahr war Ihre Zeit in Lever­kusen beendet, Ihr anschlie­ßender Job als Chef­trainer beim MSV Duis­burg war nach einem Jahr vorbei. Bereuen Sie Ihre Rück­kehr nach Deutsch­land?
Nein. Mit Lever­kusen hätten wir ein­fach Meister werden müssen, so ein­fach ist das. Die Mann­schaft war ja stark genug. Und Duis­burg war zwar von Beginn an eine Tod­ge­burt – der Verein war pleite – aber ich fand die Arbeit trotzdem sehr span­nend.

Gibt es eine japa­ni­sche Lebens­weis­heit, die Ihnen beson­ders zuspricht?
Viel­leicht diese hier: Die Leute ver­schwenden viel zu viel Zeit über Pro­bleme zu spre­chen, als die Zeit zu nutzen, um Pro­bleme zu lösen.“

Fällt Ihnen dazu ein kon­kretes Bei­spiel aus dem Alltag ein?
2011, nach dem ver­hee­renden Tsu­nami, flog ich nach Japan. Das Fern­sehen zeigte eine Frau, die auf einer Brücke stand und auf einen rie­sigen Schutt­haufen blickte, der einmal ein Dorf gewesen war. Warum stehen Sie hier?“, fragte der Jour­na­list. Da vorne war mein Haus“, ant­wor­tete sie. Und warum stehen sie dann hier?“ Meine beiden Brüder, meine Mutter und mein Vater sind hier gestorben.“ Warum sind sie dann noch hier?“ Und sie ant­wor­tete: Weil ich unser Haus wieder auf­bauen werde. Aus genau diesen Steinen.“