Seite 4: „Das ging mir irgendwann auf den Keks“

Zeigten die Sprüche der Kol­legen bei Ihnen Wir­kung?
Erst später, am Ende meiner Lauf­bahn, als sich mein Alter und die Ver­let­zungen bemerkbar machten. Wenn dann einer sti­chelte: Na, Litti, du bist aber auch nicht mehr der Alte“, dann traf mich das, weil es stimmte. Die Gags über meine Kör­per­größe oder die O‑Beine, durch die man angeb­lich ganze Rin­der­herden schi­cken konnte, hatten sich dagegen sehr bald abge­nutzt.

Hatten Sie jemals das Gefühl, dass Sie Ihre phy­si­sche Erschei­nung irgendwie kom­pen­sieren mussten?
Als junger Mann ganz bestimmt. Die Deut­schen wollen Mit­men­schen, die Erfolg haben, min­des­tens einmal so richtig im Dreck liegen sehen.

Wie sind Sie früher damit umge­gangen? Brauchten Sie auch mal eine starke Schulter?
Sich bei anderen aus­heulen war nie mein Ding. Der Fuß­ball war meine The­rapie. Des­halb war es manchmal auch so schwer, mich vom Platz zu kriegen. Unzäh­lige Stunden bolzte ich nach noch dem Trai­ning weiter, bis mich die Trainer regel­recht in die Kabine zerren mussten.

Hatten Sie ein Pro­blem damit, dass man Sie, einen Welt­meister und ver­dienten Bun­des­li­ga­spieler, noch Anfang der Neun­ziger in Zei­tungs­be­richten als Kobold mit den krummen Beinen“ bezeich­nete?
Absolut, das ging mir irgend­wann auf den Keks.

Warum insze­nierten Sie sich dann bei der legen­dären Dingsda“-Parodie wäh­rend der WM 1990 mit Thomas Häsßer oder bei Gast­auf­tritten als Her­bert-Feu­er­stein-Double in der Sen­dung Schmidtein­ander“ 1992 als lus­tigen Fuß­ball-Clown?
Weil ich Spaß daran hatte. Dingsda“ war spon­tane Stand-up-Comedy, Schmidtein­ander“ war pro­fes­sio­nelle Komik und die gefiel mir. Was mich störte war, dass die Medien immer nur eine Facette meiner Person zeigten: die des Clowns. Meine sport­li­chen Leis­tungen wurden eher am Rande erwähnt.

Viel­leicht haben Sie mit Ihren lus­tigen Auf­tritten diese Wahr­neh­mung aber nur ver­stärkt.
Ich habe nie nach Kalkül gehan­delt, son­dern ein­fach drauf los gelebt. Mat­thias Sammer ist da zum Bei­spiel anders, der ver­sucht mit jeder Geste und jeder Aus­sage eine bestimmte Wir­kung zu erzielen. Nur wenige wissen wahr­schein­lich, wie akri­bisch ich in meinen letzten Jahren beim FC auch abseits des Platzes gear­beitet habe. Da war der lus­tige Litti ganz weit weg.

Was meinen Sie?
Zur Vor­be­rei­tung auf kom­mende Spiele schnitt ich mit meiner VHS-Anlage Sequenzen zurecht, heu­tigen Scou­ting­be­richten nicht unähn­lich. Eine sehr auf­wän­dige Arbeit. Ich erstellte Sta­tis­tiken von den geg­ne­ri­schen Mann­schaften, druckte sie aus und gab sie meinen Mit­spie­lern. Oder die Geschichte mit den an die Wand gena­gelte 20.000 DM Meis­ter­schafts­prämie vor einem Spiel gegen Werder Bremen – das war meine Idee! Ich sagte Chris­toph Daum: Besorg die Kohle, besser können wir die Jungs nicht moti­vieren!“ Bis heute kam noch nicht heraus, dass das eigent­lich meine Idee war. Solche Geschichten machte ich damals nicht publik, ärgerte mich aber trotzdem über die ver­zerrte Wahr­neh­mung.

Glauben Sie, man hätte Sie anders behan­delt, wenn Sie ein 1,90 Meter großer Spaß­vogel gewesen wären?
Ich denke schon. Die Statur und Größe spielt in Deutsch­land bei der Bewer­tung eines Men­schen eine große Rolle.

Haben Sie Ihren Humor als eine Art Schutz­weste genutzt?
In der Schule schon. Als Fuß­baller hatte ich meine Titel und Erfolge, die mir einen gewissen Panzer ver­liehen. Meinen Humor habe da wirk­lich nur benutzt, um Spaß zu haben und Spaß zu ver­breiten.