Seite 3: „Ich wollte Beckenbauer an die Wand nageln“

Was war Ihr Plan?
Gemeinsam mit Uwe Bein wollte ich vor die Presse treten und Franz Becken­bauer an die Wand nageln.

Der ließ Sie im Finale wieder spielen. Sie wurden Welt­meister.
Und eigent­lich hätte ich auch in diesem Spiel nicht auf dem Platz stehen dürfen. Mein Knie tat immer noch weh. Aber ich sagte zu unseren Phy­sio­the­ra­peuten Adolf Kat­zen­meier und Hans Montag: Wenn ihr dem Franz was sagt, dann seid ihr für mich gestorben!“ Sie behan­delten mich die ganze Nacht lang, hielten den Mund und ich spielte.

Auf den Jubel­fotos sieht man Sie stets in der vor­dersten Reihe. Haben Sie den Pokal mit ins Bett genommen?
Ers­tens haben wir in dieser Nacht nicht geschlafen und zwei­tens war ich daran nicht unbe­tei­ligt: Schon 1982 hatte ich zwei rie­sige Koffer dabei – einen mit Kla­motten, einen mit meiner Sound­an­lage und meinem Amiga 500 mit dem Klas­siker Space Inva­ders“. Das wurde näch­te­lang gezockt. Und 1990 küm­merte ich mich als DJ um unser musi­ka­li­sches Wohl­ergehen. Die Nacht nach dem Titel­ge­winn fei­erten wir durch und ich brachte einen Hit nach dem anderen. The Sweet“ und Queen“ standen ganz hoch im Kurs! Bis auf Lothar Mat­thäus, der sich nach jedem Glas immer schnel­lere Musik wünschte, gab es keine Klagen.

Nach der WM kam es zum Skandal. Sie brachten ein Foto-Tage­buch auf den Markt und mussten sich von Lothar Mat­thäus den Vor­wurf gefallen lassen, auf Kosten der Mann­schaft den großen Rei­bach zu machen.
Eine lächer­liche Sache. Ein Kölner Foto­graf hatte mir vor dem Tur­nier eine Kamera in die Hand gedrückt, die Idee war fol­gende: Ich schieße ein paar Fotos, wir lassen das dru­cken und ver­kaufen das Buch für den guten Zweck. Mein Fehler war nur, dass ich meine Mit­spieler nicht um Erlaubnis gefragt hatte. Nach einem Tele­fonat mit Lothar war die Geschichte wieder aus der Welt.

Wenige Wochen nach der WM ließen Sie sich am Kreuz­band ope­rieren und fielen für sechs Monate aus. Im April 1991 fei­erten Sie im Pokal-Vier­tel­fi­nale gegen den VfB Stutt­gart und Ihren ehe­ma­ligen Trainer Chris­toph Daum das Come­back.
Das war das emo­tio­nalste Spiel meine Kar­riere. Gemeinsam mit Trainer Erich Rutem­öller tricksten wir die Stutt­garter aus: In meinem aller­ersten Trai­ning mit der Mann­schaft kurz vor der Partie hum­pelte ich mit schmerz­ver­zerrter Miene in die Kabine. Fans und Jour­na­listen klopften mir mit­füh­lend auf die Schul­tern. Aber ich hatte nur geblufft. Als die Auf­stel­lung im Mün­gers­dorfer Sta­dion bekannt gegeben wurde, fehlte hinter der 10“ mein Name. Das Raunen der Zuschauer hörte ich bis in die Kabine. Und kurz bevor wir auf den Rasen liefen, leuch­tete hinter der Nummer plötz­lich Pierre Litt­barski“ auf. Die Leute flippten aus. Ich gab die Vor­lage zum ent­schei­denden 1:0 in der Ver­län­ge­rung. Schö­nere 120 Minuten habe ich als Fuß­baller nie erlebt.

Sie gelten als einer der größten Spaß­vögel der Bun­des­li­ga­ge­schichte – welche Rolle spielte Humor in Ihrem Dasein als Fuß­baller?
Die kleinen Gags waren zunächst einmal wesent­li­cher Bestand­teil der psy­cho­lo­gi­schen Kriegs­füh­rung. Heute würde man das Trash­talk“ nennen. In dieser Dis­zi­plin gab es rich­tige Könner, die sich in der Woche vor dem Spiel durch sämt­liche Klatsch­blätter lasen und am Spieltag dann mit pikanten Details aus dem Pri­vat­leben des Gegen­spie­lers punkten konnten. Ich machte mich eben über die langen Beine von Guido Buch­wald lustig.

Ihr gelun­genster Trash­talk“?
Die Bayern reizten wir mal vor dem Anpfiff so vehe­ment, dass mein Natio­nal­mann­schafts­kumpel Andy Brehme zu mir kam und sagte: Litti, lass mich doch heute raus aus der Scheiße. Ich will ein­fach nur dieses Spiel über­stehen.“ Da wusste ich: Wir hatten ihn!

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