War das ein Schuss? Irgendwer hatte doch gerade geschossen? Und jetzt: Noch ein Schuss. Wer, zur Hölle, schießt an einem Sonn­tag­morgen durch Berlin-Dahlem? Ein dritter Schuss wird aus­bleiben. Es bleibt nur die Stille. Bis Her­mann Haber zwei Stunden später seine Mutter Clara im Garten der eigenen Villa finden wird. Die aner­kannte Che­mi­kerin hatte sich am Morgen des 2. Mai 1915 selbst erschossen.

Klatschrote Blüten

Ihr Mann, der berühmte Fritz Haber hatte sich hier am Vor­abend feiern lassen. Er hatte dem Deut­schen Kai­ser­reich gerade erst den ersten Gift­gas­an­griff der Kriegs­ge­schichte ermög­licht. Seine Frau erschoss sich aus Pro­test.

Einen Tag später, aber hun­derte Kilo­meter ent­fernt, blühte in Flan­dern der Mohn. Klatschrote Blüten auf einem dünnen Stängel. Inmitten der Gräber von aber­tau­senden Sol­daten, die in den Tagen der zweiten Flan­der­schlacht ums Leben gekommen waren. Absurde Zahlen von Ein­zel­schick­salen. Von Toten. Weil das deut­sche Heer erst­mals Chlorgas ein­ge­setzt hatte. Und zwi­schen den Grä­bern saß der kana­di­sche Leut­nant John McCrae und trau­erte um einen toten Freund. Da saß er nun, der Medi­ziner und Schrift­steller. Und schrieb, weil er sich nicht anders zu helfen wusste, ein Gedicht. Über den Klatsch­mohn, der zwi­schen den Toten auf Flan­derns Fel­dern blühte.

Wenn Deutsch­land heute auf Eng­land trifft, könnten die Gräuel des 1. Welt­krieges nicht weiter ent­fernt sein. Und trotzdem sind sie Teil des Spiels.

Poli­ti­sches Symbol

Denn kaum ein anderer Tag im eng­li­schen Kalender ist überall im ganzen Land so klar sichtbar wie der 11. November. Dann schmü­cken sich die Briten mit dem Klatsch­mohn. Kriegs­denk­mäler werden mit Mohn­blüten geschmückt. Vor den öffent­li­chen Gebäuden hängen über­große Kunst­stoff­blumen. Der Mohn blüht auf Hüten, im Anzugs­re­vers – und auf Fuß­ball­tri­kots. Der 11. November ist der bri­ti­sche Volks­trau­ertag, auch Poppy Day genannt. Das Symbol: Der Klatsch­mohn. In Anleh­nung an das Gedicht In Flan­ders Field“ des kana­di­schen Leut­nants McCrae.

Vor einem Jahr ver­wun­derte es also nie­manden, als die eng­li­sche und schot­ti­sche Natio­nal­mann­schaft im Rahmen der WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiels im Wem­bley­sta­dion eine Schwei­ge­mi­nute abhielten. Und natür­lich mit der Remem­brance Poppy“, der sti­li­sierten Mohn­blüte, auf schwarzen Arm­binden auf­liefen. Nie­manden ver­wun­derte es. Nie­mand beschwerte sich. Außer der FIFA.