Dieses Inter­view mit Uli Hoeneß erschien in 11FREUNDE #131. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.

Uli Hoeneß, kneifen Sie sich noch oft in den Arm, weil Sie nicht glauben, was aus dem FC Bayern geworden ist, den Sie 1979 als Manager über­nommen haben?
Manchmal fällt mir Fried­rich Schiller ein: Er stand auf seines Daches Zinnen und schaute mit ver­gnügten Sinnen“. Ich war kein guter Zeichner, hatte immer eine vier in Kunst, aber wenn ich den Klub 1979 hätte malen müssen, hätte ich nie die Phan­tasie auf­ge­bracht, ihn mir so vor­zu­stellen.

Wovon träumten Sie damals?
Ich wollte etwas Großes: einen Klub wie Real Madrid. Der deut­sche Fuß­ball fris­tete ein stief­müt­ter­li­ches Dasein. Wir hatten einen Jah­res­um­satz von 12 Mil­lionen Mark, lebten von den Besu­cher­zahlen und wenn es reg­nete blieben die Leute zuhause. So war die Stim­mung im Verein. Obwohl wir drei Mal die Cham­pions League gewonnen hatten, nahm man uns nicht als Top-Klub wahr.

Son­dern?
Noch als wir im Jahr 2000 die ersten Sit­zungen mit der G14 ver­an­stal­teten, spürten Karl-Heinz Rum­me­nigge und ich, dass Adriano Gal­liani von Inter, Josep Lluís Núñez aus Bar­ce­lona oder Lorenzo Sanz von Real uns nicht auf Augen­höhe betrach­teten. Da hieß es: Oh, hello, the Ger­mans!“ Aber ich war mir nicht zu schade, Núñez in den Sit­zungen auch mal härter anzu­spre­chen. Und so änderte es sich im Laufe der Jahre.

Nun liegt das gelobte Land vor Ihnen. Wenn Finan­cial Fair­play“ greift und alle euro­päi­schen Klubs nur noch soviel Geld inves­tieren dürfen, wie sie erwirt­schaften, wird der FC Bayern auf Jahre der Spit­zen­klub in Europa sein.
Momentan merke ich noch nicht viel von Finan­cial Fair­play“, aber sollte es kommen, dann liegen vor allen deut­schen Klubs glor­reiche Zeiten. Denn die gesamte Bun­des­liga wirt­schaftet seit Jahren sehr ordent­lich.

Sie haben offenbar Zweifel an der Umset­zung?
Gar nicht. In Gesprä­chen mit Michel Pla­tini höre ich ständig: Believe me, believe me.“

Klubs wie Real Madrid oder der FC Bar­ce­lona sind extrem ver­schuldet. Würde Finan­cial Fair­play“ dafür sorgen, dass solche Ver­eine von der euro­päi­schen Bühne ver­schwinden?
Da trauen Sie den han­delnden Per­sonen aber wenig Fle­xi­bi­lität zu. Wenn Real gezwungen ist, wird es anders arbeiten. Dann werden sie viel mehr Wert auf die Nach­wuchs­ar­beit legen. Im Moment gehen sie, wenn es eng wird, zur Bank und leihen sich 30 Mil­lionen für den nächsten Top­transfer. Es ist wie in der EU: Solange man Grie­chen­land wei­ter­wurs­teln lässt, haben die noch in fünf Jahren 200 000 Tote, die Rente beziehen. Aber wenn die EU sagt, das geht nicht, wird es sich ändern. Wichtig ist nur, dass man die Regeln kon­se­quent durch­setzt.

Aber es gibt sehr viele Klubs, die von externen Geld­ge­bern abhängig sind.
Die eigent­liche Gefahr geht nicht von ein­zelnen Mäzenen aus, son­dern von Klubs, die von einem Staat in Person eines Scheichs sub­ven­tio­niert werden. Hinter Man­chester City steht der Staat Abu Dhabi, hinter Paris St. Ger­main Katar. Dort wirken ganz andere Kräfte, es sind sehr cle­vere Leute am Werke. Da muss die UEFA-Kom­mis­sion sehr genau arbeiten, um alle Geld­ströme nach­zu­voll­ziehen.

Wäre es vor­stellbar, dass in zehn Jahren alle Top­spieler nach China gehen, weil nach Finan­cial Fair­play“ plötz­lich dort die höchsten Gehälter bezahlt werden?
In China ist eine rasante Ent­wick­lung im Gange. Wenn die mit einer ähn­li­chen Vehe­menz wie in anderen Wirt­schaft­zweigen anfangen, Fuß­ball­klubs auf­zu­bauen, halte ich es durchaus für denkbar, dass die euro­päi­sche Ver­eine ins Hin­ter­treffen geraten.

Aber kann ein Land ohne jeg­liche Fuß­ball­tra­di­tion über­haupt mit euro­päi­schen Maß­stäben mit­halten?
Mit ihren unglaub­li­chen Mög­lich­keiten können die Chi­nesen so ein Gefühl in zwanzig Jahren ohne wei­teres her­stellen. Dort habe ich eine sehr ehr­liche, emo­tio­nale Begeis­te­rung erlebt. Wir kamen nachts mit dem Flug­zeug in Guang­zhou an und 3000 Kids emp­fingen uns sin­gend mit Stern des Südens“. Sowas wäre vor zehn Jahren unmög­lich gewesen, aber übers Internet ver­breitet sich sogar so ein Lied welt­weit. Wir müssen also drin­gend unsere Stra­tegie ändern.

Inwie­fern?
Der FC Bayern muss sich inten­siver mit dem Markt beschäf­tigen. Bisher sind wir dorthin gefahren, haben viel Geld als Antritts­prämie kas­siert und sind wieder abge­hauen. Aber wir müssen dieses Land ernst nehmen. Wir werden Leute rüber­schi­cken, die sich mit Spon­soren zusam­men­setzen und die Bedürf­nisse che­cken. Und wir werden Ein­fluss auf die DFL nehmen, dass sie dort hin­sicht­lich der Über­tra­gungs­rechte mehr Gas gibt.

Moment erlebt die Bun­des­liga einen unglaub­li­chen Boom. Ist dies die beste Zeit, die der deut­sche Fuß­ball je erlebt hat?
Die Akzep­tanz war nie größer. Aber auf den Aktiven lastet auch ein enormer Druck. Vor zwanzig Jahren konnten die Spieler auf dem Okto­ber­fest in irgend­einer Ecke von mit­tags zwölf bis Mit­ter­nacht unbe­hel­ligt feiern. Wenn ich heute über die Wiesn gehe, werde ich in zehn Minuten 400 Mal foto­gra­fiert.

Aber das Posi­tive über­wiegt?
Auf jeden Fall. Das Schöne ist doch, dass all diese Neben­ge­räu­sche sams­tags um 15.30 Uhr beendet sind. Dann regiert wieder Fuß­ball. Das Spiel ist wie unter einer Käse­glocke – so laut das Krei­schen drum­herum ist, das Spiel hat sich nicht ver­än­dert.

Es gibt aber immer wieder leichte Regel­kor­rek­turen. Welche befür­worten Sie?
Viel­leicht gerade noch die Ein­füh­rung der Tor­ka­mera, aber dann muss gna­denlos Schluss sein. Es darf nicht sein, dass die Leute auf­hören zu dis­ku­tieren, ob ein Foul inner- oder außer­halb des Straf­raums war, weil dar­über nun TV-Bilder ent­scheiden. Wir leben in schwie­rigen Zeiten. Jeder kann sich im Internet das Tina-Turner-Kon­zert von 1996 in der Ams­terdam Arena run­ter­laden. Alles ist ver­fügbar und belegbar geworden. Gerade des­halb darf es nie pas­sieren, dass alle Fak­toren eines Fuß­ball­spiels über­prüfbar sind. Der Fuß­ball muss sich die totale Unsi­cher­heit bewahren.

Inner­halb des Rasen­vier­ecks soll sich nichts ver­än­dern. Gibt es auch beim Drum­herum Tabus?
Ich war immer ein Anhänger des eigenen Sta­dions, das Fans eine Heimat bietet. Die Jahre von 1972 bis 2005 im Olym­pia­sta­dion waren für den FC Bayern eine hei­mat­lose Zeit. An Regen­tagen kamen die Leute fünf Minuten vor Anpfiff und waren oft kurz vor Schluss wieder auf dem Heimweg. Erst seit wir in der Arena spielen, wissen alle Fans, wo ihr Platz ist. Die Leute kommen teil­weise zwei Stunden vor dem Spiel. Aber wir müssen auf­passen, dass dieser Event-Cha­rakter nicht Über­hand nimmt. Die Men­schen müssen sich weiter an einem Steil­pass oder einem Vol­ley­schuss berau­schen – nicht am Drum­herum.

In der Som­mer­pause wird beim FC Bayern sogar das Trai­ning zum Event. Teil­weise kommen täg­lich bis zu 5000 Zuschauer an die Säbener Straße.
Unser Ziel ist, dem Fuß­ball den Geruch des Eli­tären zu nehmen. Der Fan erwartet Höchst­leis­tungen, aber er soll auch erkennen, dass dahinter viel Arbeit von Men­schen steckt – und nicht von Gla­dia­toren. Des­wegen müssen die Fans auch die Mög­lich­keit bekommen, dies im Trai­ning zu beob­achten.

Sie haben mal gesagt: Die Bun­des­liga ist der letzte Frei­raum, den die Men­schen in unserer beengten, mecha­ni­sierten Welt noch haben. Wo sonst dürfen sie sams­tags noch toben und schreien und unge­straft Arsch­loch sagen?“
Würde ich so heute noch unter­schreiben.

Arsch­loch“ zu rufen, ist noch okay?
Sowas ist sogar mir schon wäh­rend eines Spiels raus­ge­rutscht. Bei ras­sis­ti­schen Äuße­rungen und Dis­kri­mi­nie­rungen hört der Spaß aller­dings auf. Es gibt einen grund­le­genden Unter­schied zwi­schen Idiot“ und schwarzes Schwein“.

Ist es noch freie Mei­nungs­äu­ße­rung, wenn Fans Zettel mit der Auf­schrift Koan Neuer“ hoch­halten?
Jeder Fan hat das Recht, bei schlechten Leis­tungen die Mann­schaft oder den Vor­stand zu kri­ti­sieren. Von mir aus auch mit Pla­katen. Aber es kann nicht sein, dass Manuel Neuer aus einer bestimmten Ecke bis zum heu­tigen Tag schon beim Warm­laufen belei­digt wird und sogar Feu­er­zeuge auf ihn geworfen werden. Das ist keine freie Mei­nungs­äu­ße­rung, son­dern fällt in den Bereich Dis­kri­mi­nie­rung.

Würden Sie einem jungen Spieler abraten, sich klar zu einem Verein zu bekennen, so wie es Neuer bei Schalke gemacht hat?
Im Gegen­teil, ich for­dere von den Jungs das Bekenntnis. Die sollen sich iden­ti­fi­zieren und den Mut haben, ja und nein zu sagen. Wenn ich Spieler in eine künst­liche Situa­tion drängen müsste, würde ich auf­hören. Aber die Gesell­schaft muss akzep­tieren, dass einer, der mit 15 Jahren ein­ge­fleischter Bayern-Fan ist, mit 20 auch zu Man­chester United wech­selt, wenn er meint, dass es ihn dort wei­ter­bringt. Ich bin doch auch nicht der Mei­nung, dass Joschka Fischer ein kata­stro­phaler Außen­mi­nister war, weil er mit zwanzig mal einen Stein geworfen hat.
Sind Ihnen Ihre Steh­platz­fans noch ganz geheuer?
Mehr denn je. Ich kann jeden­falls keinen über­mä­ßigen Fana­tismus fest­stellen – zumin­dest bei unseren Fans.

Den­noch scheint es, als würden Sie ständig im Clinch mit der Süd­kurve sein. Ihre Scheißstimmung“-Brandrede bei der Jah­res­haupt­ver­samm­lung 2007 ist unver­gessen.
Damals hieß es: Hoeneß atta­ckiert die Fans“. Völlig falsch, ich habe nicht die Fans von der Süd­tri­büne kri­ti­siert, son­dern die Ultras der Schi­ckeria“. Es darf nicht sein, dass es einer kleinen Gruppe gelingt, dem FC Bayern ihren Willen auf­zu­drü­cken. Es gibt für einen Klub, der im glo­balen Fuß­ball bestehen will, nun mal nur den modus vivendi, dass Logen­fans und Steh­tri­bü­nen­fans neben­ein­ander exis­tieren. Ich habe damals nur den Respekt der Schi­ckeria“ gegen­über den­je­nigen ein­ge­for­dert, die für ihren Busi­ness-Seat im Jahr 8.000 Euro bezahlen. Genauso wie ich von den VIPs Respekt für die ein­for­dere, die im Sta­dion für Stim­mung sorgen. Denn ohne Fan­ge­sänge haben auch die oben auf der Ehren­tri­büne weniger Spaß, aber die Refi­nan­zie­rung findet eben da oben statt und nicht durch Tickets für sieben Euro.

Hat sich der Modus Vivendi, den Sie anspre­chen, in den letzten Jahren ver­bes­sert?
Beim FC Bayern ist er auf einem sta­bilen Niveau, ohne per­fekt zu sein. Wir sind in einem per­ma­nenten Dialog, aber auch in einem dau­ernden Kon­flikt, weil um jeden Zen­ti­meter Fah­nen­länge gerungen wird.

Wie stehen Sie zu Pyro­technik im Sta­dion?
Ich weiß schon, dass ihre Zeit­schrift sich sehr für Fan­be­lange ein­setzt. Ich dulde fast alles im Sta­dion, aber bei Gewalt hört der Spaß auf. Und Gewalt ist für mich auch, wenn einer in der 70. Reihe Pyro­technik zündet und die Fackel fallen lässt, sodass sie unten ein Kind ver­letzt.

Pyro ist also ein Tabu?
Ich habe zu Mana­ger­zeiten auch mal 10.000 Wun­der­kerzen im Sta­dion ver­teilt. Und musste hin­terher dafür 10.000 Mark bezahlen, weil die Leute die Kerzen leider nicht wie bei Pop­kon­zerten über den Köpfen schwangen, son­dern manche sie auch dem Neben­mann an den Hals hielten. Und dann ist es eben nicht mehr lustig. Wir haben 2011 sechs­stel­lige Beträge wegen Pyro­ver­gehen bezahlt. Da drängt sich der Ein­druck auf, dass einige nicht nur ins Sta­dion gehen, um den FC Bayern anzu­feuern. Und wenn Leute nicht ein­sehen, dass wir rechts­staat­liche Ver­ein­ba­rungen haben, müssen wir als Verein han­deln.

Sie sagen, Sie befänden sich in einem per­ma­nenten Dialog, den­noch scheinen die Gräben zwi­schen Klubs und Fan­gruppen größer zu werden.
Die Leute des FC St. Pauli haben mir erzählt, dass sie alle sechs Wochen mit Fans zusam­men­kommen, um deren Anliegen zu bespre­chen. Da stehen also acht Pro­bleme auf der Tages­ord­nung, für vier wird eine Lösung gefunden, vier wei­tere werden ver­tagt. Jetzt würde ich annehmen, dass sechs Wochen später die ver­blei­benden vier Anliegen bespro­chen werden. Aber nein, dann stehen acht neue Pro­bleme auf dem Papier. Da drängt sich mir der Ein­druck auf, dass bestimmte Leute gar kein Inter­esse daran haben, Lösungen zu finden, son­dern nur Pro­bleme auf­werfen. Und es macht mich krank, wenn Leute nicht bereit sind, mit Kom­pro­missen zu leben. Wobei wir beim FC Bayern ver­gli­chen mit Ver­einen wie dem 1. FC Köln, Hansa Ros­tock, Ein­tracht Frank­furt oder Dynamo Dresden para­die­si­sche Zustände haben. Dort sind die Dinge in puncto gewalt­be­reite Fans“ aus dem Ruder gelaufen.

Wird es in zehn Jahren in deut­schen Sta­dion noch Steh­plätze geben?
Wenn es nach mir geht, auf jeden Fall.

Wird es ein legi­ti­miertes Abbrennen von Pyro­technik geben?
Wenn es dafür eine recht­liche Grund­lage gibt. Aber gegen­wärtig kann ich mir das nicht vor­stellen, denn der Reiz würde ver­loren gehen, wenn Pyro in einer ste­rilen Ecke unter Auf­sicht abge­brannt würde. Es ist doch wie bei Kin­dern: Solange sie etwas nicht dürfen, ist es inter­es­sant, wenn es erlaubt ist, bleibt das Spiel­zeug liegen.

Pyro ist also ein Tabu?
Ich habe zu Mana­ger­zeiten auch mal 10.000 Wun­der­kerzen im Sta­dion ver­teilt. Und musste hin­terher dafür 10.000 Mark bezahlen, weil die Leute die Kerzen leider nicht wie bei Pop­kon­zerten über den Köpfen schwangen, son­dern manche sie auch dem Neben­mann an den Hals hielten. Und dann ist es eben nicht mehr lustig. Wir haben 2011 sechs­stel­lige Beträge wegen Pyro­ver­gehen bezahlt. Da drängt sich der Ein­druck auf, dass einige nicht nur ins Sta­dion gehen, um den FC Bayern anzu­feuern. Und wenn Leute nicht ein­sehen, dass wir rechts­staat­liche Ver­ein­ba­rungen haben, müssen wir als Verein han­deln.

Sie sagen, Sie befänden sich in einem per­ma­nenten Dialog, den­noch scheinen die Gräben zwi­schen Klubs und Fan­gruppen größer zu werden.
Die Leute des FC St. Pauli haben mir erzählt, dass sie alle sechs Wochen mit Fans zusam­men­kommen, um deren Anliegen zu bespre­chen. Da stehen also acht Pro­bleme auf der Tages­ord­nung, für vier wird eine Lösung gefunden, vier wei­tere werden ver­tagt. Jetzt würde ich annehmen, dass sechs Wochen später die ver­blei­benden vier Anliegen bespro­chen werden. Aber nein, dann stehen acht neue Pro­bleme auf dem Papier. Da drängt sich mir der Ein­druck auf, dass bestimmte Leute gar kein Inter­esse daran haben, Lösungen zu finden, son­dern nur Pro­bleme auf­werfen. Und es macht mich krank, wenn Leute nicht bereit sind, mit Kom­pro­missen zu leben. Wobei wir beim FC Bayern ver­gli­chen mit Ver­einen wie dem 1. FC Köln, Hansa Ros­tock, Ein­tracht Frank­furt oder Dynamo Dresden para­die­si­sche Zustände haben. Dort sind die Dinge in puncto gewalt­be­reite Fans“ aus dem Ruder gelaufen.

Wird es in zehn Jahren in deut­schen Sta­dion noch Steh­plätze geben?
Wenn es nach mir geht, auf jeden Fall.

Wird es ein legi­ti­miertes Abbrennen von Pyro­technik geben?
Wenn es dafür eine recht­liche Grund­lage gibt. Aber gegen­wärtig kann ich mir das nicht vor­stellen, denn der Reiz würde ver­loren gehen, wenn Pyro in einer ste­rilen Ecke unter Auf­sicht abge­brannt würde. Es ist doch wie bei Kin­dern: Solange sie etwas nicht dürfen, ist es inter­es­sant, wenn es erlaubt ist, bleibt das Spiel­zeug liegen.

Können Sie ver­stehen, dass Zuschauer für eine ein­heit­liche Anstoß­zeit um 15.30 Uhr plä­dieren?
Natür­lich, aber die Glei­chung ist relativ ein­fach: Wenn die Bun­des­liga ein­heit­lich sams­tags um 15.30 Uhr anstößt, erlöst sie in Zukunft statt 628 Mil­lionen Euro TV-Geld nur 400 Mil­lionen, was einen Leis­tungs­ab­fall zur Folge hat und am Ende nur zwei Bun­des­li­gisten in der Cham­pions League antreten. Ich bin über­zeugt, dass von unseren Fans neunzig Pro­zent für die Cham­pions League sind und nur zehn Pro­zent für 15.30 Uhr.

Das heißt im Umkehr­schluss…
dass wir eine demo­kra­ti­sche Lösung haben: Die Mehr­heit ent­scheidet.

Es heißt aber auch, dass der Spieltag sich im Inter­esse der TV-Inves­toren immer weiter auf­splitten wird.
Ich bin über­zeugt, dass die gegen­wär­tige Lösung ideal ist. Und soweit ich weiß, gibt es keine Bestre­bungen, den Spieltag weiter auf­zu­glie­dern.

Der aktu­elle Ver­trag wurde gerade erst geschlossen. Wie sieht es nach Aus­laufen im Jahr 2017 aus?
Es muss Grenzen geben. Für kein Geld der Welt gebe ich mein Sakko an der Kasse ab. Natür­lich ist auch Monday Night Foot­ball“ wie in den USA denkbar. Aber ich kann von dem Bayern-Fan aus Kassel nicht erwarten, dass er – nachdem er schon die Stra­pazen der Cham­pions League unter der Woche auf sich nimmt – auch noch mon­tags zu Spielen anreist.

Glauben Sie, dass die TV-Gelder noch weiter steigen?
Ich bin über­zeugt, dass die Bun­des­liga bald eine Mil­larde pro Saison von den Fern­seh­an­stalten bekommen wird. Auch weil nicht ein­zu­sehen ist, dass wir so viel weniger als in Eng­land ein­nehmen, wo jähr­lich 1,2 Mil­li­arden Euro bezahlt werden. Warum soll die Bun­des­liga weniger als die Pre­mier League wert sein?

Wie lange währt der Fuß­ball-Boom noch?
Ewig. Denn ich sehe im Bereich Sport nichts, was dem Fuß­ball Kon­kur­renz machen könnte. Ein erneuter Ten­nis­boom ist nicht in Sicht, weil wir nie wieder zwei Spieler wie Boris Becker und Steffi Graf par­allel haben werden. Anderen Sport­arten traue ich eine Brei­ten­wir­kung ehr­lich gesagt nicht zu. Und dazu kommt ein gesell­schaft­li­ches Pro­blem.

Näm­lich?
Solange das Internet die Men­schen immer mehr vom wirk­li­chen Leben ablenkt, ist Fuß­ball eine Mög­lich­keit aus der vir­tu­ellen Welt aus­zu­bre­chen. Der Druck auf jeden Ein­zelnen steigt, noch nie haben soviele Men­schen sechs Tage in der Woche gear­beitet. Ich bin über­zeugt, dass es ins­ge­heim eine Sehn­sucht nach Muße gibt und danach, den Com­puter aus­zu­ma­chen und sich mit anderen Men­schen zu unter­halten. Diese Mög­lich­keit bietet der Sta­di­on­be­such.

Den­noch besteht die Gefahr, dass die Wahr­neh­mung des Fuß­balls leidet, etwa durch Mani­pu­la­tion…
oder Doping. Das fällt für mich in den Bereich höhere Gewalt“. Sowas kann nie­mand vor­aus­sehen. Es kann ja auch ein Tsu­nami über Deutsch­land rollen.

Wird es beim FC Bayern in zehn Jahren für junge Leute über­haupt noch die Mög­lich­keit geben, den Klub live ken­nen­zu­lernen?
Viele Fans wollen auf­grund des Kar­ten­man­gels in der Arena ihre Dau­er­karte bis zum Tod nicht mehr abgeben. Das ist ein Luxus­pro­blem. Viel­leicht sollten wir dazu über­gehen, Dau­er­karten nur noch für einen Zeit­raum von fünf Jahren abzu­geben, oder Steh­platz­karten nur noch für bestimmte Alters­gruppen anzu­bieten – etwas von 12 bis 28 Jahre.

Gerade hat der der FC Bayern seinen eigenen Twitter-Kanal eröffnet.
Mag sein, da müssen Sie mich nicht fragen.

Sie halten offenbar wenig davon.
Das spielt letzt­lich keine Rolle, denn in diesen Dingen bin ich Demo­krat. Wenn eine Mehr­heit sagt, dass wir sowas brau­chen, dann sei’s drum. Ich habe ja auch ein Handy und ständig schi­cken mir Leute Nach­richten. Aber immer, wenn der Spei­cher voll ist, lösche ich die hun­dert SMS ein­fach weg.

Ohne sie gelesen zu haben?
In 99,9 Pro­zent der Fälle schon. Aber ich finde es gut, dass zumin­dest die theo­re­ti­sche Chance besteht, sie zu lesen.

Und das war immer so?
Vor zehn Jahren sicher nicht, aber heute gibt es Tage, an denen ich mein Handy den ganzen Tag nicht dabei habe. Diese per­ma­nente Erreich­bar­keit muss auf­hören. Wenn wir in zehn Jahren wieder zusam­men­sitzen, muss sich etwas ver­än­dert haben, sonst bekommt die Gesell­schaft ernste Pro­bleme.

Jetzt werden einige Mar­ke­ting­ex­perten sagen, dieser Hoeneß ist aus der Zeit gefallen.
Ich ver­stehe auch vieles nicht mehr, aber ich weiß, dass man alles aus­pro­bieren muss. Das Wich­tigste ist, ein Gespür dafür zu ent­wi­ckeln, was sich nicht lohnt, und den Mut zu haben, Dinge zu beenden. Der FC Bayern war immer ein Trend­setter, aber auch ein Klub, der als erster den Rück­wärts­gang ein­legte, wenn etwas nicht funk­tio­nierte.

Es gibt zwei Formen des FC Bayern: Den echten Klub im Sta­dion und beim Trai­ning und den vir­tu­ellen FC Bayern, der sich über Twitter, Face­book oder FCB​.TV ver­breitet. Passen diese beiden Formen noch zusammen?
Sie müssen sich zusam­men­finden, es ist ein Pro­zess. Am liebsten ist mir der Klub aber wie kürz­lich bei einer Fan­club­ver­an­stal­tung im Baye­ri­schen Wald: mit 1000 Anhän­gern im Bier­zelt.

Ist diese Bier­zel­tro­mantik noch in Ein­klang mit dem modernen Profis zu bringen?
Sie sagen doch selbst, dass die Beob­ach­tung der Medien all­ge­gen­wärtig ist. Wir sind alle mit­ver­ant­wort­lich, wie sich die Jungs ent­wi­ckeln und dass sie nicht in einer Schein­welt leben. Gerade Berater spielen eine große Rolle: einige sind sehr gut, andere ver­halten sich kata­stro­phal, weil sie ver­su­chen, die Jungs zu klonen, etwa indem sie sie mit eigenen Pres­se­re­fe­renten aus­zu­statten, weil sie glauben, dass es den Markt­wert ver­bes­sert. Ich halte das für Koko­lores und bevor­zuge das Prinzip lear­ning by doing“.

Das heißt?
Ein Spieler soll ins Sport-Studio“ gehen, wenn er möchte. Und wenn er dort Mist erzählt, wird er daraus lernen und es beim nächsten Mal anders machen.

Aber auch der FC Bayern hat eine Medi­en­ab­tei­lung, die jedes Zei­tungs­in­ter­view auto­ri­siert.
Der Medien-Apparat ist zu groß geworden. Viele Inter­views haben heute doch den Cha­rakter von Ver­hören, jeder Halb­satz taugt zur Schlag­zeile. Und dieser Situa­tion sind die Jungs teil­weise nicht gewachsen.

Also sind die Medien Schuld?
Ich will jetzt keine Medi­en­schelte betreiben, aber ein­fach machen sie es den jungen Bur­schen sicher nicht.

Wird sich diese Situa­tion noch ver­schärfen?
Ich hoffe, dass die Profis zukünftig wieder ent­spannter leben. Mitt­ler­weile reicht ein Neben­satz, um eine Schlag­zeile zu pro­du­zieren. Selbst ich werde noch manchmal über­rascht.

Wo zum Bei­spiel?
Als wir vor Kurzem von unserer Chi­na­reise nach Mün­chen zurück­flogen, gab ich einem Bou­le­vard­kol­legen von Ihnen in der Bord­küche ein Inter­view. Wir spra­chen über Breno und ich erwähnte, dass er nach drei Jahren Gefängnis ohne regel­mä­ßiges Trai­ning nie mehr seinen Job als Profi aus­üben kann und ihn dieser Umstand von einem Maurer unter­scheide, der nach seiner Ent­las­sung gleich wieder arbeiten könne. Das Pro­blem: Der Kol­lege inter­pre­tierte meine Aus­sage so, als hätte ich vom Richter ver­langt, Breno müsse anders als der Mauer behan­delt werden.

Aber Sie kennen das Geschäft doch.
Das sind neue Dimen­sionen. Nur auf­grund so einer fehl­in­ter­pre­tierten Aus­sage begann eine Hexen­jagd. Des­halb kann ich gut ver­stehen, wenn Spieler nichts mehr öffent­lich sagen.

Aber mal gene­rell: Ein Profi beim FC Bayern wird schon extrem gepam­pert?
Die Über­ver­sor­gung ist da, spe­ziell bei den deut­schen Spie­lern. Einen jungen Mann, der aus Rio de Janeiro kommt, muss man eine Zeit­lang an die Hand nehmen. Aber dass wir Jungs dabei haben, die nach Jahren noch nicht wissen, wie man vom Mari­en­platz mit der U‑Bahn nach Schwa­bing kommt, geht nicht.

Es fährt doch kein Bayern-Spieler mehr mit der U‑Bahn durch Mün­chen.
Ich hoffe doch. Ich glaube, da unter­schätzen Sie manche unserer Profis.

Inwie­fern muss sich der Ein­fluss der Berater auf den Pro­fi­fuß­ball ver­än­dern?
Ich hätte eine Lösung: Wenn der Spieler beim Transfer das Honorar des Bera­ters zahlen müsste, würde sich vieles regu­lieren. Dann würden näm­lich Spieler genauer darauf achten, was der Berater für sein Geld tut. Viele Berater schauen näm­lich nur auf ihren per­sön­li­chen Nutzen. Ich hatte es schon mit Leuten zu tun, die ein halbes Jahr nichts anderes machten, als ihren Schütz­ling bei anderen Klubs anzu­bieten. Und am Ende fanden wir die Eini­gung mit dem Spieler und mussten per­verser Weise wegen der Ver­trags­ver­län­ge­rung auch den Berater bezahlen, der den Profi die ganze Zeit vom FC Bayern weg­lo­cken wollte. 

Bei wel­chem Spieler war das so?
Das pas­siert leider sehr oft. Ribérys Berater hat ihn x‑mal bei Real Madrid ange­boten – und dann ist er für viel Geld bei uns geblieben.

Gibt es da Aus­sicht auf Ver­bes­se­rung?
Leider nein, aber viel­leicht fangen wir mal an, einige zu sank­tio­nieren, indem Spieler von diesem oder jenem Berater beim FC Bayern keinen Ver­trag mehr bekommen.

Gibt es bei Ihnen eine schwarze Liste von Bera­tern?
Die habe ich im Kopf.

Lange ver­pflich­teten Sie Spieler nach dem Prinzip FC Bayern Natio­nalelf“. Wäre es für Sie vor­stellbar, dass der Klub eines Tages mit elf Aus­län­dern auf­läuft?
Mein Motto lautet: In dubio pro Vils­hofen“. Aber wenn es in Vils­hofen keinen gibt, kann er auch aus Rio kommen. Diese Idee mit der Natio­nal­mann­schaft hatte ich vor der WM 2006 und ich gebe zu, dass mir deut­sche Natio­nal­spieler lieber sind als eine Welt­aus­wahl. Aber wir sind ein Global Player mit Fans überall auf der Welt, des­wegen ist es uner­heb­lich, woher unsere Profis stammen.

Ein Geheimnis des Erfolges ist, dass der FC Bayern es geschafft hat, viele alt­ge­diente Recken in der Ver­eins­spitze zu inte­grieren. Unter wel­chen Gesichts­punkten wählen Sie nun Ihre Nach­folger aus?
Ich habe dafür kein Hand­buch. Aber wenn ich die Trai­ner­fin­dungs­kom­mis­sion beim HSV betrachte, gibt es auch anderswo Schwie­rig­keiten bei der Per­so­nal­fin­dung. Im Ernst: Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt, höre mir viele Mei­nungen an und spei­chere ab, wenn mir etwas inter­es­sant erscheint.

Uli Hoeneß, wo wird die Bun­des­liga im inter­na­tio­nalen Ver­gleich in zehn Jahren stehen? Die Bun­des­liga wird Europa beherr­schen, wenn – ja, wenn – Finan­cial Fair­play“ in vollem Umfang greift.
Die Liga wird auch die Pre­mier League über­flü­geln. Das wäre unter den Vor­aus­set­zungen keine Kunst, denn Eng­land ist auch poli­tisch auf dem abstei­genden Ast. Obwohl sie gerade super Olym­pi­sche Spiele ver­an­staltet haben. Hätte ich ihnen gar nicht zuge­traut.

Deutsch­land ist besser auf­ge­stellt?
Ich würde sagen, besser als jedes andere Land in der west­li­chen Welt.

Wird auch die Natio­nalelf wieder welt­weit füh­rend sein, wie zu Ihrer aktiven Zeit Anfang der Sieb­ziger?
Kann ich nicht vor­aus­sagen. Denn wenn die eng­li­schen Klubs ihre Kader zukünftig nicht mehr mit dem Geld der Scheichs auf­füllen können, wird auch dort im Nach­wuchs­be­reich ein Äqui­va­lent geschaffen.

Bis zur Euro­pa­meis­ter­schaft hatte die Natio­nalelf die höchsten Sym­pa­thie­werte in ihrer Geschichte. Geht das so weiter?
Jetzt mussten wir erst einmal mit Erschre­cken fest­stellen, wie radikal sich das Blatt wenden kann. Das war Hosi­anna“ und Stei­nigt ihn“. Nach dem Grie­chen­land-Spiel standen wir kurz vor der Welt­herr­schaft, dann kam die Nie­der­lage gegen Ita­lien und manche for­derten den Kopf des Trai­ners. Da sollten alle ein wenig Maß halten.

Aber mit der Ent­wick­lung der Mann­schaft sind Sie zufrieden?
Bin ich. Aber ich glaube, dass nach dieser EM auch Jogi Löw sein Ver­halten gegen­über den Spie­lern drin­gend über­denken muss.

Wie meinen Sie das?
Die fla­chen Hier­ar­chien werden zukünftig nicht mehr ganz so flach sein. Viele Spieler werden nicht mehr so weich fallen, wenn sie Mist bauen. Nur wenn die Profis in ent­schei­denden Momenten etwas härter ange­fasst werden, kann der Bun­des­trainer auch die letzten fünf Pro­zent aus ihnen her­aus­kit­zeln. Ich bin sicher, dass Löw das auch bewusst geworden ist.

Uli Hoeneß, wird der BVB auf lange Sicht der Haupt­kon­kur­rent des FC Bayern in der Bun­des­liga bleiben?
Ich glaube, dass Dort­mund eine gute Chance hat, sich oben zu eta­blieren, weil sie es diesmal – im Gegen­satz zur Nie­baum-Ära – nicht auf spe­ku­la­tivem Fun­da­ment, son­dern auf gesundem Boden an die Spitze geschafft haben. Der BVB damals war Hedge Fond, heute ist die Borussia…

…ein biss­chen Fest­geld.
Naja, noch haben sie ja keins, das kommt jetzt erst wieder. 

Von wel­chen Fak­toren hängt es ab, ob sich der BVB oben halten kann?
Wenn die Füh­rung zusam­men­bleibt, kann es einige Jahre funk­tio­nieren. Herr Watzke macht einen prima Job, Michael Zorc ist nach anfäng­li­chen Schwie­rig­keiten sehr gut in die Spur gekommen. Die ent­schei­dende Figur aber ist Jürgen Klopp, der alles zusam­men­hält und auf sich fokus­siert. Sein Ver­trag läuft bis 2016. Aber das soll mich nicht weiter küm­mern, denn der FC Bayern muss auf­hören, sich über andere Klubs Gedanken zu machen.

Hat der FC Bayern zuletzt zu wenig aus seinen Mög­lich­keiten gemacht?
Defi­nitiv. Wenn wir unsere Mög­lich­keiten aus­schöpfen, beherrscht der FC Bayern die Bun­des­liga.

Auch noch in zehn Jahren.
Dann erst recht, weil wir dann unser Sta­dion abbe­zahlt haben.

Wird Jürgen Klopp in zehn Jahren den FC Bayern trai­niert haben?
Ich habe schon vor drei, vier Jahren für ihn plä­diert. Er ist ein Mann, der zu uns passen würde.

Statt­dessen haben Sie damals Jürgen Klins­mann nach Mün­chen geholt.
Eine Ent­schei­dung, die ich mit­ge­tragen habe. Wir haben es gemeinsam beschlossen – und wir haben auch gemeinsam die Kon­se­quenzen getragen.

In fünfzig Jahren Bun­des­liga haben es viele Klubs ver­sucht, mit dem FC Bayern Schritt zu halten. Warum ist es keinem Verein lang­fristig gelungen?
Das lässt sich leicht erklären: Der SV Werder ist von der Sub­stanz her nicht in der Lage, es lange mit uns auf­zu­nehmen. Der FC Bayern ist eine Welt­marke, Bremen immer noch ein sehr regio­naler Verein. Das­selbe lässt sich über die Kon­kur­renz mit Borussia Mön­chen­glad­bach sagen.

Auch der Ham­burger SV war einmal auf Augen­höhe.
Der HSV ist der ein­zige Klub, der es von der Stadt und vom Umfeld schaffen könnte, lang­fristig dem FC Bayern eben­bürtig zu sein. Ein Global Player, aber leider ist der Verein durch das Mit­spra­che­recht der Sup­por­ters nicht so recht hand­lungs­fähig.

Wird es in zehn Jahren noch die 50+1‑Regel in der Bun­des­liga geben?
Sicher nicht, aber der FC Bayern wird von den neuen Mög­lich­keiten keinen Gebrauch machen. Wir haben in unserer letzten Auf­sichts­rat­sit­zung sogar auf Wunsch der Fans eine 70+1‑Regel“ fest­ge­legt. Wir hätten also noch 12 Pro­zent, die wir ver­kaufen könnten – umge­rechnet rund 120 bis 150 Mil­lionen Euro. Damit wäre das Sta­dion schon jetzt bezahlt.

In der Bun­des­liga gibt es immer mehr von Unter­nehmen oder privat sub­ven­tio­nierte Klubs.
Der VfL Wolfs­burg ist vor drei Jahren sogar Deut­scher Meister geworden. Das hat Volks­wagen auch sehr viel Geld gekostet.

Es fehlen zuse­hends die Tra­di­ti­ons­klubs. Was halten Sie davon, dass sich ein Klub wie die TSG Hof­fen­heim in der Bun­des­liga eta­bliert? Wird es noch mehr von diesen Ver­einen geben? I
ch glaube nicht, weil es von diesen spen­dier­freu­digen, cha­rak­ter­starken Typen wie Dietmar Hopp in Deutsch­land nicht viele gibt.

Was ist mit Diet­rich Mate­schitz von Red Bull?
Er hat den Nach­teil, dass die Leute ihm nicht abkaufen, dass er den Fuß­ball – so wie Hopp es tut – liebt. Die Leute kaufen Hopp sein Enga­ge­ment ab, bei Mate­schitz wird es anders sein, wenn er mit RB Leipzig in die Bun­des­liga auf­steigen sollte. Und wenn Herr Mate­schitz eines Tages nicht mehr ist, geht das es alles wieder den Bach runter, wäh­rend Hopps Idee auf Nach­hal­tig­keit aus­ge­legt ist.

Ist ein Modell wie RB Leipzig eine Gefahr für die Bun­des­liga?
Es gibt keine Gefahr für die Bun­des­liga, solange alles demo­kra­ti­schen Vor­aus­set­zungen ent­spricht.

Wobei die Frage ist, ob das Prinzip von RB Leipzig nicht eher hyper­ka­pi­ta­lis­tisch als demo­kra­tisch ist. Was soll daran unde­mo­kra­tisch sein?
Wenn sich die Zuschauer nicht für den Klub inter­es­sieren, brau­chen sie doch nicht hin­zu­gehen. Ent­weder der Zuschauer hat eine Bezie­hung zu dem Verein – oder eben nicht. Wir leben doch nicht in einer Dik­tatur, wo Men­schen ins Sta­dion gezwungen werden.

Uli Hoeneß, wie oft wird der FC Bayern in zehn Jahren Deut­scher Meister gewesen sein?
Das hätten Sie gern: Hoeneß sagt, Bayern wird so und so oft Meister“. Ich hoffe – nochmal: ich hoffe, ich weiß es nicht –, dass wir dann min­des­tens fünf Mal den Titel geholt haben.

Wie wichtig ist es, die trau­ma­ti­sche Nie­der­lage im Cham­pions League-Finale 2012 so bald wie mög­lich durch den Gewinn des Wett­be­werbs ver­gessen zu machen?
Über­haupt nicht. Es war ein Traum, dieses Spiel zu gewinnen. Es wird auf abseh­bare Zeit kein Finale mehr in Mün­chen geben. Etwas nicht mehr schaffen zu können, das hat wochen­lang an mir genagt. Karl Heinz Rum­me­nigge war wie gelähmt. Aber das ist nun abge­hakt.

Wie müssen wir uns einen Läh­mungs­zu­stand beim FC Bayern vor­stellen?
Totale Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit. Uns fehlte der Antrieb, uns für neue Auf­gaben zu begeis­tern. Wir haben in dieser Phase auch keine Spieler ver­pflichtet. Es war ein­fach die Luft raus.

Im Mai 1999 haben Sie nach der Last-Minute-Nie­der­lage gegen Man­chester United einen ähn­li­chen Zustand erlebt.
Das war ganz anders, weil wir wussten, wir können diese Nie­der­lage wieder gut machen. Aber dieses Finale kommt nicht wieder. Wir, die wir um die sechzig sind, werden nie mehr die Chance haben, im eigenen Sta­dion die Cham­pions League zu gewinnen.

Und Sie sind nicht der­je­nige, der sagt: Jetzt erst recht?
Das geht in diesem Fall leider nicht. 

In sechs Jahren ist das Sta­dion abbe­zahlt. Dann können Sie alle Ein­nahmen, die der Klub gene­riert, für neue Spieler ver­bal­lern.
Warum sollen wir etwas ver­bal­lern? Sie haben inso­fern Recht, dass wir unsere gesamten Inves­ti­tionen dann auf den Sport kon­zen­trieren könnten. Aber das pas­siert doch nicht wahllos. Eine Ent­schei­dung wie für Javi Mar­tinez ist doch keine Schnaps­idee. Sowas ist ein wochen­langer Pro­zess, bei dem ich mich oft frage, wie viele Kin­der­gärten wir von 40 Mil­lionen Euro Ablöse bauen könnten. Hinzu kam, dass er acht Mil­lionen von seinem Gehalt dazu gegeben hat. Es sind also genau genommen 32 Mil­lionen. Aus meiner Sicht immer noch zehn Mil­lionen zu viel. Aber, sei’s drum.

Haben Sie schon Trans­fers platzen lassen, weil Ihnen die Summe unmo­ra­lisch erschien?
Ich gebe zu, dass der Mar­tinez-Transfer grenz­wertig war. Vor dreißig Jahren hätte ich mir einen Betrag von 40 Mil­lionen nicht vor­stellen können. Nun waren wir aber der Über­zeu­gung, eine sehr starke Mann­schaft zu haben, die durch diesen Spieler auf dieser Posi­tion opti­miert wird. Da habe ich mich voll auf Jupp Heynckes und Mat­thias Sammer ver­lassen. Ich habe mir den Spieler bewusst nicht ange­sehen. Den­noch sollten die Leute nicht annehmen, dass nun auch beim FC Bayern der Auto­ma­tismus des Wahn­sinns greift. Die Wahr­schein­lich­keit, dass wir in den nächsten zehn Jahren nochmal einen so teuren Transfer machen, ist ziem­lich gering.

Uli Hoeneß, wer wird in zehn Jahren Prä­si­dent des FC Bayern sein?
Ich sicher nicht mehr. Sollte ich im November wie­der­ge­wählt werden, wäre ich am Ende der nächsten Periode 63 Jahre alt. Dann viel­leicht noch einmal drei Jahre und dann… Sie wissen ja, was Udo Jür­gens gesungen hat.

Mit 66 fängt also das neue Leben des Uli Hoeneß an?
Ich hoffe erstmal, dass ich dann noch gesund bin. Dann werde ich hof­fent­lich noch im Auf­sichtsrat sitzen, den Klub lieben und hier am Tegernsee aufs Wasser schauen und mich des Lebens erfreuen. Aber viel­leicht kommt auch alles ganz anders.

Das heißt, Sie hören nicht auf, über den Klub nach­zu­denken.
Als ich an die Säbener Straße kam, war ich acht­zehn. Seitdem hat mich der FC Bayern jeden Tag begleitet. So etwas kann ich nicht mehr abschüt­teln.