Seite 2: „Für uns. Für die Stadt. Für die Geschichte“

Vor allem Dietmar Hamann, der alte Rou­ti­nier, hätte mich natür­lich sofort durch­schaut. Ich brachte ihn für den ange­schla­genen Steve Finnan in Spiel. Didi war damals schon ein Opa, er hatte keine Puste mehr für eine ganze Saison. Aber für diesen einen großen Auf­tritt pro Jahr war er immer noch gut. Ich wusste, dass dieser Moment nun gekommen war. Und ich hatte recht: Didi hat dieses Spiel mit­ent­schieden, nicht nur weil er später den ersten Elf­meter ver­wan­delte. Wie er die Bälle eroberte und ver­teilte! Oh, Didi! Ich denke so gern an ihn zurück.

Inner­halb von sechs Minuten gli­chen Steven Ger­rard, unser fan­tas­ti­scher Kapitän, Vla­dimir Smicer und Xabi Alonso das Spiel aus. 3:3! All das, was in dieser magi­schen zweiten Halb­zeit geschah, lief vor mir ab wie ein Film. Ein span­nender Film, auf den man sich total kon­zen­triert. Ich bin da ein biss­chen wie ihr Deut­schen: immer etwas distan­ziert, beob­ach­tend, ana­ly­tisch. Andern­falls wäre ich wahr­schein­lich umge­kippt. Allein der letzte Elf­meter von Schewt­schenko, den Dudek zu unserem großen Glück parierte: Wie in diesem Moment die Welt in zwei Teile zer­brach, in Freud und Leid – das gibt es nur im Fuß­ball. In den Sekunden vor einem sol­chen Moment merkst du, dass du lebst. Und musst es genießen, egal, was als nächstes geschieht. Schewt­schenko lief an, und mein Geist öff­nete sich für alles, was mög­lich war. Mehr kann ein Mensch nicht emp­finden.

Womit ich nicht die Emo­tionen rela­ti­vieren will, die uns auf bei unserer Rück­kehr nach Liver­pool ent­ge­gen­schlugen: Als ich vom Bus aus die aber­tau­senden von Fans sah, die die Straßen säumten, wurde mir – Distanz hin, Distanz her – doch für einen kurzen Moment schwin­delig. Da wurde mir klar, dass wir etwas His­to­ri­sches geschaffen hatten. Für uns. Für die Stadt. Für die Geschichte des Fuß­balls.

Dieser Text erschien erst­mals in 11FREUNDE #163. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.