In diesem Moment betritt Otto Reh­hagel deut­schen Boden!“, rief Rolf Töp­per­wien am 7. Mai 1992. Gibt es eigent­lich eine Stei­ge­rung des Adjek­tivs his­to­risch? Wenn ja, hat Reh­hagel sie in enger Zusam­men­ar­beit mit Töp­per­wien erfunden, in Dut­zenden Wun­dern von der Weser und an anderen Gestaden. Und wenn ja, mag die Rück­kehr des SV Werder Bremen vom sieg­rei­chen Euro­pa­po­kal­fi­nale gegen den AS Monaco für man­chen tat­säch­lich his­to­ri­scher gewesen sein als die Lan­dung des ame­ri­ka­ni­schen Astro­nauten Neil Arm­strong auf dem Mond. Ein kleiner Schritt für Reh­hagel, ein rie­siger Schritt für Töp­per­wien.

Euro­pa­po­kal­sieger Werder Bremen! König Otto! Ein König in Portas-Dau­nen­jacke, den Ell­bogen im rechten Winkel abge­spreizt, den kleinen Finger zwi­schen den Lippen, Mor­se­codes pfei­fend, die nur von seiner engsten Gefolg­schaft ent­schlüs­selt werden konnten, Bocken­feld, Otten, Schaaf, Sauer, Bratseth, Rufer: der Bau­plan für die kon­trol­lierte Offen­sive. Und an seiner Seite, sibyl­li­nisch lächelnd, Königin Beate. Weiß sie etwas, das wir nicht wissen? Wahr­schein­lich. Sehr wahr­schein­lich.

Aus Torhagel“ wurde Reha­kles“

Schon damals gab es Anlass zum Staunen, dass ein Berg­manns­sohn aus Essen-Alten­essen, gelernter Maler und Anstrei­cher, später Ver­tei­diger und laut Bernd Rohrs unbe­stech­li­chem Fuß­ball­le­xikon ein furcht­barer Klopper“ (Seite 349, der Ein­trag zwi­schen Regel­ver­stoß“ und Reif, Marcel“), noch später ein als Torhagel“ ver­spot­teter Übungs­leiter, binnen eines Jahr­zehnts zum Aris­to­kraten avan­ciert war. Und doch war der Weg dorthin nicht so weit wie der, der noch vor ihm lag – vom pro­fanen Fuß­ball­thron hinauf zum Olymp: Durch den Gewinn der Euro­pa­meis­ter­schaft 2004 mit der Mann­schaft, der dies am aller­we­nigsten zuzu­trauen war und immer noch ist (bis einem wieder ein­fällt, dass es ja wirk­lich pas­siert ist!) – GRIE­CHEN­LAND – wurde Reh­hagel zum Reha­kles, beschirmt von der Göttin Athene, zum ein­zigen Heros, der des Grie­chi­schen nicht mächtig ist.

Wie er in jenem fier­ber­t­raum­ar­tigen Tur­nier­sommer nach jedem unbe­greif­li­chen Sieg in Tip­pel­schritten über den Rasen der Arenen lief, unsicht­bare Glüh­birnen in den Nacht­himmel schrau­bend, fragte man sich doch schon sehr, wer er eigent­lich ist, dieser Otto Reh­hagel. Ein Genie? Ein Glücks­pilz? Oder beides?

Get up! Attack! Attack!

Er scheint ja aus meh­reren Men­schen zu bestehen: Er hat die Viri­lität eines Ger­hard Schröder, das Über­mensch­liche eines Chuck Norris, zugleich aber auch das Affable einer Rita Süß­muth und das Put­zige eines Willy Milo­witsch. Schließ­lich auch ein biss­chen was von James Brown. Get up! Attack! Attack! Otto ist viele und doch nur er selbst. Über ihm nur Beate und der Fuß­ball­gott. 

Bil­der­ga­lerie: Die Kar­riere von Otto Reh­hagel, dem Bun­des­liga-Urviech »

Dass dieser Fabel­mann heute schon 75 Jahre alt wird, kommt zwar plötz­lich und ver­früht, man kann es, wie so vieles in seinem Leben, kaum glauben – es ist aber eigent­lich auch egal. Her­kules fragt ja auch nie­mand nach seinem Alter. Und dass der gro­teske Abstieg mit Hertha BSC das letzte Kapitel in Reh­ha­gels Fan­tasy-Kar­riere gewesen sein soll, kann, will und sollte man tun­lichst nicht annehmen. Was plant er? Was plant Beate? Führt Otto, der Süd­see­könig, Tri­nidad und Tobago zum WM-Titel? Das wäre am aller­his­to­rischsten. Wir geben ab an Rolf Töp­per­wien.