Er sei müde, sagte Petr Cech. Sehr müde. Dabei wollte der Feld­re­porter des ZDF doch unbe­dingt Pathos auf­saugen, stolze Worte eines Helden, Grüße ans Hei­mat­land, ein Sie­ger­lä­cheln wenigs­tens. Cechs Mann­schaft war schließ­lich soeben ins Vier­tel­fi­nale ein­ge­zogen, mit 1:0 hatten die Tsche­chen die Polen besiegt. Wie fühlen Sie sich also, Herr Cech? Groß­artig, nicht wahr? Nun sagen Sie schon! Nein. Müde. Sehr müde.

Petr Cech hat mehr als 70 Sai­son­spiele in den Kno­chen, mit dem FC Chelsea ging er an die Grenze des Erreich­baren, hielt im Cham­pions-League-Finale gegen den FC Bayern drei Elf­meter, gegen Robben, Olic, Schweini. Seit fast einem Jahr­zehnt gehört er zur Welt­spitze der Tor­hüter, er trägt bei dieser Euro­pa­meis­ter­schaft die Hoff­nungen seiner Nation auf den Schul­tern.

Und dann auch noch dieser Namen: Cech! Als würde Manuel Neuer Manuel Deut­scher heißen. Unter dieser Last darf man schon mal müde werden. Sogar sehr müde.

Doch offenbar ist das bei Petr Cech gar kein akuter Zustand. Dieser Mann hat von Natur aus etwas Som­nam­bules an sich. Was dazu führt, dass er abseits des Platzes wie ein nicht mehr ganz so junger Stu­dent wirkt, dem bei der Früh­vor­le­sung die Augen weg­klappen. Wenn er aber im Tor steht, wird genau das zu seiner großen Qua­lität. Traum­wand­le­risch sicher“ – selten hat dieses alte Sport­schau-Attribut einen Tor­wart besser beschreiben als ihn.

Nicht von unge­fähr also wurde bei der Euro­pa­meis­ter­schaft vor vier Jahren das Wiener Rie­senrad zum Rie­sencech umge­rüstet, einem 64-Meter-Giganten mit sechs Armen. Das Ver­blüf­fende: Wie eine Über­hö­hung sah die Instal­la­tion nicht aus, viel­mehr wie ein gerade groß genug gera­tenes Denkmal für einen der besten Tor­hüter seiner Zeit.

Dabei war Cech 2008 noch nicht einmal in Nor­mal­form. Andert­halb Jahre zuvor hatte er sich im Spiel gegen den FC Rea­ding bei einem Zusam­men­prall mit Ste­phen Hunt einen Schä­del­ba­sis­bruch zuge­zogen. Zwei Dinge waren nach seinem Come­back im Januar 2007 neu: Er trug einen Schutz­helm, der den nur langsam zusam­men­wach­senden Kno­chen schützte – und er machte Fehler. Was die Fans dieses Kee­pers, dem bis dahin der Ruf des Feh­ler­freien vor­aus­eilte, umso mehr scho­ckierte. So ging auch das 2:2 in der Schluss­phase des letzten Vor­run­den­spiels gegen die Türkei auf seine Kappe. End­stand 2:3, Tsche­chien war draußen.

Vier Jahre später jedoch ist Cech längst wieder der Alte. Er hat keine Flug­show gebraucht, um seinen Status als Welt­keeper zu erneuern, keine wag­hal­sigen Robin­so­naden außer­halb des Straf­raums und keine tes­to­ste­ron­ge­tränkten Inter­views. Er hat sich bloß wieder in sein Tor gestellt, hat seine Kom­mandos gerufen, nicht geschrien, und gehalten, was zu halten war. Und das ist bei ihm mehr als bei den meisten anderen.

Ein Rie­senrad haben sie ihm in Breslau, anders als 2008, nicht gebaut. Aber dafür ist seine Mann­schaft diesmal wei­ter­ge­kommen. Ins Vier­tel­fi­nale.

Ein Spiel also noch, min­des­tens. Ein paar Repor­ter­fragen, wie er sich denn fühle. Ob er jemanden grüßen wolle. So müde Petr Cech auch sein mag: Es dauert noch ein Weil­chen, bis er end­lich schlafen darf.