Belas­tungs­steue­rung? Mit diesem Begriff konnte Her­mann Ger­land über­haupt nichts anfangen. Auf der Meis­ter­feier“ von 11Freunde vor zwei Jahren sagte er: Bevor du steu­erst, musst du erst mal belasten.“ Der Begriff Belas­tungs­steue­rung“ kur­siert zur Belus­ti­gung des Tigers“ immer häu­figer im modernen Fuß­ball; er wird auch gerne mal um solch schöne Blüten wie Rege­ne­ra­ti­ons­ma­nage­ment“ ergänzt.

So begrün­dete die Natio­nal­mann­schaft auch, warum sie von Stutt­gart aus ins nur 260 Kilo­meter ent­fernte Basel mit dem Flug­zeug jet­tete. Bahn­fahren wäre nur mög­lich gewesen mit Umsteigen, mit dem Bus hätte die Anreise bis zu drei­ein­halb Stunden gedauert“, erklärte der Pres­se­spre­cher. Natio­nal­spieler Thilo Kehrer meinte: Das Sitzen oder Nicht-Bewegen ist für die Rege­ne­ra­tion nicht optimal.“ Außerdem hieß es zunächst vom DFB, man habe die Hygie­ne­auf­lagen ein­halten wollen.

Ent­rückt wie bei der WM 2018

Das klang so, als hätte sich die Natio­nalelf andern­falls mit dem Flixbus durch die Anden und den Fei­er­abend­stau auf der A2 kämpfen oder in vollen Bahn­hofs­vor­hallen zwi­schen einer Horde Ein­schul­kinder auf dem kalten Boden näch­tigen müssen. Dabei dürfte der DFB mitt­ler­weile auch beim Blick auf andere Sportler zur Erkenntnis gekommen sein, dass eine Zug- oder Bus­fahrt dem Tross schon zuzu­muten ist.

Her­mann Ger­land wäre das kurze Stück­chen wahr­schein­lich mit 30-Kilo-Marsch­ge­päck gelaufen. Am Montag mel­dete sich dann auch Manager Oliver Bier­hoff aus Canossa mit einem Wir-haben-verstanden“-Statement. Immerhin drei Tage nach den lus­tigen Daumen-hoch-Pos­tings als Luft­nummer aus dem Flieger.

Die Posse um die Anreise steht sym­bo­lisch für die Zer­ris­sen­heit der Natio­nal­mann­schaft. In Zeiten der Pan­demie und Kli­ma­krise machen nicht nur Ver­bände Fehler. Wer ohne Tadel ist, werfe das erste Nacken­steak vom Grill.

Doch Kurz­strecke zu fliegen, das Ganze stolz auf den sozialen Kanälen zu ver­breiten und all­täg­liche Fort­be­we­gungs­mittel als unzu­mutbar zu klas­si­fi­zieren – das nährt weiter den Ver­dacht der Ent­rückt­heit dieses Ver­bandes. Dabei wollte der DFB nach der ver­ma­le­deiten WM 2018 inklu­sive hohlen Hash­tags und hohen Zäunen gerade da ansetzen: Er wollte mehr Boden­haf­tung und Nähe zeigen und die Fans zudem mit hung­rigen, jungen Spie­lern zurück gewinnen. Seitdem steht sich die Natio­nal­mann­schaft aber kon­ti­nu­ier­lich selbst im Weg.