Seite 2: „Wir feiern, wenn Thatcher stirbt“

Der Mann heißt Bernie, und Umste­hende rie­chen, dass er an diesem Vor­mittag schon Durst hatte. Die Gegend sei rough, rau, hart. Doch Ber­nies Augen strahlen voller Herz­lich­keit, er kürt sich umge­hend zum Rei­se­führer dieser Straßen. Er hat offenbar auch nicht mehr viele andere Ter­mine. Zum letzten Mal im Sta­dion war er irgend­wann in den Acht­zi­gern mit seinem Bruder, der im Roll­stuhl sitzt und um den er sich küm­mert. Heute kann er es sich nicht mehr leisten, ins Sta­dion zu gehen.

Dabei läuft er von seiner Woh­nung fünf Minuten nach Goodison, 15 nach Anfield. Er kann die Tor­jubel von beiden Teams hören, wenn er zu Hause das Fenster geöffnet hat. So nah, so fern. In der letzten Woche rief er beim Verein an. Wenn einmal ein Ball von euch in meinem Garten landet, dann steche ich mit dem Messer rein.“ Aus Rache? Nein, weil ich sauer bin, dass die Jungs wieder übers Tor geschossen haben.“ Bernie lacht kehlig. That’s Liver­pool, sagt er.

Bernie zeigt auf eine Kirche neben dem Sta­dion, St Luke’s. Dort seien früher die Fans hinauf aufs Dach geklet­tert, um das Spiel zu sehen. Im Ein­gang steht ein junger Bau­ar­beiter mit Müs­li­schale in der Hand. Sie ist rot. Liver­pool? Nein, bloß nicht, ich bin Ever­to­nian. Aber meine Frau ist eine Rote, sie macht sich immer einen Spaß daraus, mir rote Sachen ein­zu­pa­cken. Total ver­rückt, sag ich euch.“

Sein Name ist Deano, nur Deano, das müsse rei­chen. Dann nähert sich ein Mann in einem blauen und weißen lit­ur­gi­schen Gewand. Colin Greene, der Lektor, ein Vor­leser im Got­tes­dienst. Greene hat weiße Haare und ein wei­ches Gesicht.

Genau wie alle anderen stellt er zu aller­erst die wich­tigste Frage: Wel­ches Team unter­stützt ihr?“ Der Foto­graf ist Eng­länder und Fan von Man­chester City. Der Lektor ver­zieht den Mund, als hätte er sich die Lippen ver­brannt. Man United hat euch ganz schön abge­schossen, nicht wahr?“ Bernie, immer noch daneben, sagt: Herr Pfarrer, Sie dürfen nicht auf einen Mann treten, der am Boden liegt. Das sollten gerade Sie wissen.“ Bernie lacht laut.

Der Lektor führt durch das Gemein­de­haus, hinein in den Garten, zur Ruhe­stätte der Fans. Früher ließen sie ihre Asche auf dem Rasen ver­teilen, nun im Garden of Remem­brance. Die Kirche liegt direkt an der Tri­büne. Im zweiten Stock des Gemein­de­hauses sta­peln sich meter­hoch alte Fan­zines und Pro­gramm­hefte, die hei­ligen Schriften des Fuß­balls.

Bei der Ver­ab­schie­dung tritt Deano, der Bau­ar­beiter, noch einmal nach vorne. Er hat die Müs­li­schüssel gegen die Bohr­ma­schine ein­ge­tauscht. Ihr geht nach Anfield? Dann passt auf eure Kamera auf.“ Deano und Bernie schüt­teln sich vor Lachen.

1985: Beim Spiel zwi­schen Everton und QPR klet­tern Fans von der Kirche aus ins Sta­dion.

Ein beliebtes Kli­schee in Eng­land besagt, dass nir­gendwo so viel geklaut und ein­ge­bro­chen wird wie in Liver­pool. Bei einem Wer­bes­hoo­ting des Ver­eins vor dem Sta­dion nahmen einmal Stra­ßen­gangs Jagd auf das Equip­ment. Unter den zehn ärmsten Gemeinden des Landes befanden sich 2012 allein fünf aus Liver­pool, dar­unter auch Anfield als drit­tärmste.

Der Struk­tur­wandel von der Indus­trie- zur Dienst­leis­tungs­stadt fand vor allem im Zen­trum statt, Bezirke wie Anfield oder Everton hin­gegen wirken, als hätte sich seit den acht­ziger Jahren nichts getan. Damals ver­sank die Stadt in der Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit, ihre Wut pro­ji­zierten die Arbeiter auf Pre­mier­mi­nis­terin Mar­garet That­cher.

Sie kämpfte gegen die Gewerk­schaften und Berg­leute. Ihre Minister rieten zu einem geord­neten Ver­fall“ von Liver­pool. In der Stadt sind sie zudem der Mei­nung, die Eiserne Lady“ habe die Lügen der Polizei nach der Hills­bo­rough-Kata­strophe gedeckt. Nach That­chers Tod 2013 eroberte ein Lied aus dem Film Der Zau­berer von Oz“ die Charts, die Sta­di­on­ränge und die spon­tanen Feiern in den Straßen: Ding! Dong! The witch is dead. Die Hexe ist tot.

Es ist die Last der Demü­ti­gung aus dem Süden Eng­lands, die sie hier noch tragen. Auch das schweißt zusammen. Die Men­schen in Liver­pool, ob rot oder blau, pflegen eher eine abgrund­tiefe Abnei­gung gegen­über dem Estab­lish­ment in London als gegen­über dem Lokal­ri­valen.

Früher sind sie sogar mal nach Goodison, mal nach Anfield gegangen, zusammen. Heute reicht das Geld nicht einmal für einen ein­zigen Sta­di­on­be­such.