La Boca, ein über 100 Jahre altes Immi­gran­ten­quar­tier, liegt an der Mün­dung des Ria­chuelo-Flusses in den Rio de la Plata. Kein schönes Gewässer, eher eine braune Brühe, als würde sich La Boca, der Mund, jeden Abend an der Kai­mauer über­geben. Ein paar hun­dert Meter weiter nörd­lich grenzt San Telmo an, hoch im Kurs bei Tou­risten, Stu­denten und Men­schen, die in Bars gehen, die Café La Poesia“ heißen. La Boca ist der laute Nachbar. Künstler- und Tan­go­viertel mit bunten Well­blech­häu­sern für die einen, Armen­viertel für die meisten. Die Kri­mi­na­li­täts­rate steigt jähr­lich an, einige Tou­ris­ten­führer schreiben schon von einer No-go-Area, zumin­dest sollte man die Neben­straßen meiden. Wenn man die her­aus­ge­putzte Fuß­gän­ger­zone Cami­nito ver­lässt, geht es vorbei an Brach­land, Sozi­al­bauten und Häu­sern, die aus­sehen, als würden sie schon bei Nie­sel­regen aus­ein­an­der­fallen. La Boca ist alles auf einmal: Traum, Alb­traum, Para­dies, Hölle, Anfang, Ende.

Hier beginnt die Geschichte der Familie Molina. Und hier beginnt auch die Geschichte von Matteo Gariglio. 

2013 ist der Schweizer Doku­men­tar­filmer in Buenos Aires. Eines Tages macht er sich, trotz der War­nungen, mit seiner Kamera auf nach La Boca. Und schon nach kurzer Zeit werden ihm Karten für ein Spiel der Boca Juniors ange­boten. Dazu muss man wissen, dass der Verein eigent­lich eine Mem­bers-only-Politik hat. Das heißt: Ins Sta­dion kommen nur Zuschauer mit Jah­res­karten, die von Genera­tion zu Genera­tion wei­ter­ver­erbt werden. Wer als Aus­wär­tiger ein Ein­zel­ti­cket für ein bestimmtes Spiel kaufen möchte, kann nur eine Tou­risten-Tour buchen, die oft über 200 Dollar kostet und einer Kaf­fee­fahrt gleicht.

Vor der Bom­bonera flo­riert daher ein Schwarz­markt, an dem alle mit­ver­dienen: Polizei, Secu­rity, Anwohner und vor allem die berüch­tigten Barra Bravas. Von ihnen und ihren Lauf­jungen bekommt man Jah­res­ti­ckets, die nicht benö­tigt werden. Man bekommt aber auch gefälschte Karten, mit denen man gar nicht erst nicht ins Sta­dion gelangt.

Matteo Gariglio lernt hier die Familie Molina kennen, die, wie so viele am Rande der Bom­bonera, in ärm­li­chen Ver­hält­nissen lebt und sich mit dem ille­galen Ticket­ver­kauf über Wasser hält. Da ist der Vater Gabriel, den sie Chi­leno nennen, weil er vor über 30 Jahren aus Chile nach La Boca kam. Warum? Por ser tonto“, aus Dumm­heit. Die Mutter, Estela, geht aus Angst seit vielen Jahren nicht mehr aus dem Haus. Sie hockt in der Küche auf einem Sessel, schaut Fern­sehen und wartet, dass die Männer unver­sehrt heim kommen. Dann ist da der Sohn, Matias. Ein guter Junge, sagen sie im Viertel. Aber er nimmt Drogen und ist ein Hitz­kopf. Er zieht die Tou­risten mit gefälschten Tickets über den Tisch.

Sie leben für die Boca Juniors, aber vor allem von ihnen. Sie träumen von einem kleinen Stück Land außer­halb von Buenos Aires, weit weg von La Boca, weit weg von der Gewalt. Aber eines Tages werden die schlimmsten Alb­träume der Mutter wahr: Matias kommt nicht nach Hause.

Matteo Gariglio hat die Familie über fünf Jahre mit der Kamera begleitet. Die Repor­tage In den Straßen von La Boca“ lest ihr in der aktu­ellen 11FREUNDE #197. Der Film En La Boca“ läuft heute um 19.30 Uhr beim 11mm-Fes­tival im Ber­liner Babylon-Kino. Außerdem kann man sich den Film hier anschauen: vod​.enla​boca​.ch