Seite 4: Verlängerter Leidensweg

Die Woche vor dem letzten Sai­son­spiel gegen den 1. FC Köln avan­ciert unter diesen Vor­zei­chen zu einer kol­lek­tiven Trotz­re­ak­tion rund ums Weser­sta­dion. Am Dienstag hat der Coach wieder zu sich gefunden. Noch einmal appel­liert er in einer Rede an die Ver­ant­wor­tung, indem er nicht nur seine Spieler, son­dern auch sich selbst fragt: Was macht es mit dir, wenn du ver­ant­wort­lich bist, dass dein Klub das erste Mal nach vierzig Jahren absteigt? Was bedeutet es für den Verein, die Mit­ar­beiter, diese Stadt? Auf Koh­feldts Betreiben lässt der Klub zwei Moti­va­ti­ons­vi­deos her­stellen, die bei der Team­be­spre­chung am Frei­tag­abend ein­ge­spielt werden: Einen Zusam­men­schnitt der dra­ma­tischsten Sai­son­fi­nals der Erst­li­ga­ge­schichte, in denen im letzten Moment noch der Tur­naround gelang – ange­fangen bei der Ret­tung von Ein­tracht Frank­furt 1999 bis zur Green-White Won­der­wall“ im Jahr 2016. Gefolgt von einem Clip, in dem Werder-Legenden sich kon­kret an die Spieler wenden. Marco Bode, der in der Manier eines Staats­manns sagt: Viel­leicht ist es schon zu spät, aber ihr habt oft genug bewiesen, dass es geht!“ Torsten Frings, der unter einem necki­schen Base­ballcap her­vor­lugt: Fuß­ball­wunder pas­sieren! Man muss nur dran glauben.“ Und Son­nyboy Cle­mens Fritz schmun­zelt: Männer, es ist eine beschis­sene Situa­tion. Aber ihr liebt dieses Spiel.“ 

Beim Abschluss­trai­ning im Sta­dion emp­fangen die Werder-Mit­ar­beiter die Mann­schaft mit einer grünen Foto­wand im Spie­ler­tunnel und einem Trans­pa­rent in der Kurve. Auf­schrift: Wir glauben dran!“ Es zeigt Wir­kung. Werder besiegt den wil­len­losen 1. FC Köln daheim mit 6:1. Im fernen Berlin helfen beim 1. FC Union mit Anthony Ujah und Felix Kroos zwei Ex-Bremer tat­kräftig beim Klas­sen­er­halt mit. For­tuna Düs­sel­dorf unter­liegt in der Alten Förs­terei mit 0:2 – und steigt ab.

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Cool bleiben! Flo­rian Koh­feldt braucht nach dem 0:0 im Rele­ga­ti­ons­hin­spiel drin­gend Abküh­lung.

GES-Sport­foto

Doch der lange Lei­densweg der Bremer ist noch nicht zu Ende. Das erste Rele­ga­ti­ons­spiel im Weser­sta­dion gegen den Außen­seiter aus Hei­den­heim endet 0:0. Und plötz­lich fühlt sich der Trainer an Szenen aus der Advents­zeit erin­nert, als er bei einigen im Ange­sicht der stetig länger wer­denden Nie­der­la­gen­serie eine psy­chi­sche Blo­ckade aus­machte. Nach diesem Kraftakt nun – bei allem Respekt – gegen Hei­den­heim abzu­steigen, wäre schlimmer gewesen, als nach dem 34. Spieltag run­ter­zu­gehen. Das hätte die ulti­ma­tive Nie­der­lage bedeutet“, sagt Koh­feldt. Ich habe es des­halb vor dem Rück­spiel als meine vor­dring­lichste Auf­gabe ange­sehen, die wie­der­auf­kom­mende Panik zu ver­hin­dern.“

In den Tagen bis zum letzten Spiel in dieser end­losen Saison ver­sucht der Coach, noch einmal alle Ener­gien zu bün­deln. Er schaltet tage­lang sein Handy aus, liest keine Zei­tungen mehr, fährt das Internet runter: Mir war klar: Es kann nicht klappen, wenn wir den Kopf nicht in den Griff kriegen.“ Beim Team lenkt er die kom­plette Kon­zen­tra­tion aufs Fuß­bal­le­ri­sche, Keine Moti­va­ti­ons­reden mehr zur Bedeu­tung des Spiels für Stadt, Land und Leute. Statt­dessen seziert er das Hin­spiel mit den Ana­lysten und Co-Trai­nern bis ins letzte Detail. Es ging nur noch um Fuß­ball. Ich wollte auch an mich nicht mehr den Gedanken her­an­lassen, was eine Nie­der­lage bedeuten würde.“

Wie­der­erlangte Frei­heit

Am Nach­mittag des 6. Juli steht Flo­rian Koh­feldt am Fenster eines Hei­den­heimer Hotel­zim­mers, starrt hinaus und ver­flucht die späte Anstoß­zeit um 20.30 Uhr. Seine Spieler halten Mit­tags­schlaf, es ist alles gesagt und getan, nun muss er noch fünf Stunden bis zum Spiel­be­ginn über­brü­cken. Du schaust raus, auf irgendein Schloss, und hoffst nur noch, dass es end­lich los­geht.“

Als Felix Brych um 22.21 Uhr abpfeift, sickert bei Koh­feldt erst langsam das Gefühl seiner wie­der­erlangten Frei­heit durch. Dass er nach Monaten nun aus dem Tunnel in seinem Kopf steigen und halb­wegs ins zivile Leben zurück­kehren kann. Wäh­rend die Spieler in der Umkleide obli­ga­to­ri­sche Sie­ger­fotos anfer­tigen, sitzt er mit einer Fla­sche Bier in der Ecke, auf dem Handy tru­deln gefühlte 100 000 Nach­richten ein. Als er mit seiner Familie tele­fo­niert, erwa­chen die Lebens­geister in ihm wieder. Als gegen vier Uhr mor­gens die Char­ter­ma­schine des SV Werder aus Schwä­bisch Hall in Nord­holz landet, erwarten 40 Fans die Mann­schaft. Koh­feldt sieht erwach­sene Männer vor Glück über den Klas­sen­er­halt weinen. Es ist sein erster bewusster Kon­takt zur Außen­welt seit drei Monaten.

Irgend­wann in den frühen Mor­gen­stunden ver­liert sich die Spur von Flo­rian Koh­feldt und der Mann­schaft irgendwo im Bremer Aus­geh­viertel. Später wird der Trainer erzählen, er sei nach der Rück­kunft so auf­ge­dreht gewesen, dass er gar nicht nach Hause gewollt habe. Also, ich hätte noch gekonnt“, lacht er, als sich die Gruppe im Mor­gen­grauen auf­löst. Frank Bau­mann liegt da schon einige Zeit daheim im Bett. Bereits vor Wochen hat er für den Tag nach dem Rele­ga­ti­ons­spiel einen Fri­seur­termin ver­ein­bart. Wird Zeit, dass die Matte end­lich run­ter­kommt.