Seite 3: Kohfeldt geht ins Risiko

Den Coach aber trifft der impli­zite Vor­wurf, die sport­liche Lei­tung lasse die Dinge mit einer gewissen Gleich­gül­tig­keit pas­sieren. Ich habe das emo­tional nicht distan­ziert gekriegt“, sagt er, den Vor­wurf, ich würde nicht im Sinne von Werder han­deln. Das hat sehr weh getan. Klar ist: Ich habe sicher nicht alles richtig gemacht, aber dass ich nicht alles pro­biert hätte, kann mir nie­mand vor­werfen.“

Vor der Pres­se­kon­fe­renz zum Aus­wärts­spiel in Frei­burg blät­tert Koh­feldt durch die neu­esten Artikel. Die bei­ßende Kritik durch die­je­nigen, die keine Ver­ant­wor­tung tragen, lässt ihn kämp­fe­risch aufs Podium treten. Und er sagt den Satz: Ich sehe es so, dass ich aktuell nach wie vor der Beste auf dieser Posi­tion bin.“ Marco Bode muss schlu­cken, als er davon hört. Er ging da ein hohes Risiko, für mich hörte sich das ein Stück weit nach All-In an.“

Der Glaube an die Magie der Kon­ti­nuität

Eigent­lich will Koh­feldt mit seiner Aus­sage signa­li­sieren, dass er nach wie vor nicht ratlos bei seiner Arbeit und sicher ist, dass die Spieler ihm zuhören. Dass er Lösungs­an­sätze für die pre­käre Situa­tion hat. Ich habe ein­fach gesagt, was ich emp­funden habe, habe nichts groß geplant“, sagt er, doch wenn wir das Spiel in Frei­burg ver­loren hätten, hätte ich bestimmt das Gespräch mit Baumi und Marco gesucht.“ Und nach kurzem Inne­halten ergänzt er: Und wel­ches Ergebnis das gehabt hätte, ist im Nach­hinein schwer zu sagen.“

Es hat stets eine stille Über­ein­kunft zwi­schen Frank Bau­mann und Marco Bode gegeben, an Koh­feldt fest­zu­halten. Wäh­rend Männer wie Bur­denski und Bratseth dies als Füh­rungs­schwäche oder gar als Har­mo­nie­sucht inter­pre­tieren, resul­tiert die Sicht­weise der beiden aus den Erfah­rungen ihrer eigenen Werder-Ver­gan­gen­heit. Dem Glauben an die Magie der Kon­ti­nuität unter Trai­nern wie Otto Reh­hagel und Thomas Schaaf. Män­nern, die auch des­halb Ewig­keiten in Bremen blieben, weil sie über aus­rei­chend Befug­nisse ver­fügten, um auch in Kri­sen­zeiten inte­graler Bestand­teil der Pro­blem­lö­sung zu sein. Koh­feldt sagt, er selbst habe in den schweren Wochen eine Dis­kre­panz zwi­schen der Wahr­neh­mung in den Medien und seinem per­sön­li­chen Gefühl in der Stadt und in der Mann­schaft aus­ge­macht: Fans schickten ihm Blumen und spra­chen ihm Mut zu. Auch Marco Bode (Lieb­lings­buch: Schnelles Denken, lang­sames Denken“ von Daniel Kah­neman) erin­nert sich aus­schließ­lich an posi­tives Feed­back, obwohl es zuneh­mend vor­kommt, dass sich Pas­santen mit den Worten ver­ab­schieden: Viel Erfolg, Herr Bau­mann!

Nach der Nie­der­lage in Mainz spürte ich kurz­zeitig keinen Antrieb mehr in mir“

Florian Kohfeldt

Nach dem Aus­wärts­sieg in Frei­burg scheinen die Dinge ins Lot zu kommen. Ohne die Kulisse im Weser­sta­dion tut sich der Klub bei Heim­spielen zwar nach wie vor schwer, aber aus­wärts sam­melt Werder etliche Punkte, und nach der knappen 0:1‑Niederlage unter der Woche gegen den FC Bayern scheint auch eine Plat­zie­rung ober­halb des Rele­ga­ti­ons­rangs in Reich­weite. Zumal am nächsten Abend die direkte Kon­kur­renz aus Mainz und Düs­sel­dorf zu schweren Aus­wärts­spielen nach Dort­mund und Leipzig fährt.

Der Trainer schaut die Par­tien gemeinsam mit seiner Gattin zu Hause auf dem Sofa. Anfäng­lich zappt er hin und her. Doch als er nach der Pause merkt, dass der BVB nicht mehr viel tut, um den 0:2‑Rückstand gegen Mainz auf­zu­holen, wech­selt er zur Partie nach Leipzig, in der RB bis kurz vor Schluss mit 2:0 vorne liegt. Koh­feldt hört wie Sky-Reporter Martin Groß sagt: In Bremen werden sie nun wieder größer auf der Couch!“ Es fühlt sich an, als spräche der Kom­men­tator in diesem Moment per­sön­lich zu ihm. Werder würde auf den ret­tenden Rele­ga­ti­ons­platz vor­rü­cken, wenn es so bliebe. Doch in der 87. Minute erzielt For­tuna den Anschluss­treffer. Warum machen die das denn jetzt noch mal span­nend?“, denkt Koh­feldt. In der 92. Minute bekommt Düs­sel­dorf einen Eck­ball und André Hoff­mann köpft den Aus­gleich. Nach Abpfiff habe ich eine halbe Stunde gar nichts mehr gesagt. Meine Frau sagte nur: Ich gehe schon mal hoch, du kommst wahr­schein­lich etwas später.‘“ Auch Frank Bau­mann sitzt nebst Gattin und Sohn para­ly­siert bei sich vor dem TV und kann es nicht fassen. In der ganzen Saison war es uns nie gelungen, nach guten Spielen direkt nach­zu­legen. Jetzt kam es mir vor wie der abso­lute Tief­punkt“, so der Geschäfts­führer.

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Blick ins Kran­ken­lager: Kol­lek­tive Ermat­tung auf der Ersatz­bank nach dem 1:3 in Mainz am 33. Spieltag.

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Ein Aus­wärts­sieg in Mainz am 33. Spieltag könnte die Stim­mung wieder heben. Doch die Panik hat von einigen Werder-Profis Besitz ergriffen, der SVW schei­tert kra­chend mit einer 1:3‑Packung. Nach Schluss­pfiff scheint das Schicksal des Klubs besie­gelt – der Abstieg unab­wendbar. Hilflos starrt Koh­feldt auf der Bank auf den Live­ti­cker seines Handys und hofft, das gelb­lich blin­kende Feld bei der Partie For­tuna gegen den FCA würde end­lich weiß unter­legt und das 1:1 damit als End­stand offi­ziell. Andern­falls stünde Werder als zweiter Absteiger fest. 

Doch auch das Unent­schieden setzt in dem Coach nun kein Gefühl der Hoff­nung mehr frei. Ein Bild des Jam­mers bietet sich in der Trai­ner­ka­bine dem Betrachter, wo Koh­feldt nebst Assis­tenten und Frank Bau­mann minu­ten­lang wortlos am Boden kauert. Hoff­nung ist nur noch ein Wort, wenn dir die Phan­tasie für das Gelingen abhan­den­kommt. Wir hatten viel gelitten im Ver­laufe der Saison, Mainz war das eine Mal zu oft“, so Koh­feldt. Danach spürte ich kurz­zeitig keinen Antrieb mehr. Sonst hatte ich nach jeder Nie­der­lage sofort eine Idee, was sich ändern muss, aber danach tat sich für ein, zwei Tage eine große Leere in mir auf.“ Nun dringt auch beim Trainer ins Bewusst­sein, dass er mit dem SV Werder aller Vor­aus­sicht nach den schmerz­vollen Gang ins Unter­haus antreten muss.