Seite 2: Aufbruch und Ernüchterung

Koh­feldt lässt keinen Zweifel daran, dass es in der Rück­runde nur noch um den Klas­sen­er­halt gehen kann. Werder steht auf Platz 17, nur zwei Punkte besser als Schluss­licht Pader­born. Er hat klar­ge­macht, was Abstiegs­kampf im Extrem­fall bedeutet“, so Bau­mann. Näm­lich, dass der Verein am Ende auch absteigen kann!“

Werder ist erfahren darin, im Win­ter­trai­nings­lager neue Moral und Kraft zu schöpfen. Auch diesmal keimt nach der Ansprache die Hoff­nung, in der Rück­runde mit neuer Energie dem Abstiegs­strudel zu ent­rinnen. Doch auf das kurze Gefühl von Auf­bruch folgt herbe Ernüch­te­rung: Von den 24 mit­ge­reisten Feld­spie­lern sind am zweiten Tag gerade mal sechs trai­nings­fähig. Wäh­rend in ein­schlä­gigen Gazetten bereits über eine Demis­sion des Trai­ners dis­ku­tiert wird, trifft die sport­liche Lei­tung andere Ent­schei­dungen von ähn­li­cher Trag­weite: Ende Februar stellt Werder mit sofor­tiger Wir­kung den lang­jäh­rigen Sport­psy­cho­logen und den Phy­sio­the­ra­peuten frei und ersetzt den Ath­le­tik­trainer. Ein neuer Team­arzt soll durch eine erhöhte Prä­senz beim Klub für Bes­se­rung sorgen. Das waren sehr harte Ent­schei­dungen – auch aus mensch­li­cher Sicht“, so Manager Bau­mann.

Die Zwangs­pause als Chance

Bis zur Corona-Zwangs­pause ver­harrt der Klub mit dem über­füllten Kran­ken­lager auf dem Abstiegs­platz. Stürmer Niclas Füll­krug, Kopf­bal­l­un­ge­heuer, Aktiv­posten, einer der vom Natu­rell den abge­wan­derten Max Kruse als emo­tio­nalen Leader hätte ersetzen können, labo­riert fast die kom­plette Spiel­zeit an einem Kreuz­band­riss. Ömer Toprak, der als Kon­stante in der Innen­ver­tei­di­gung vom BVB geholt wird, schlit­tert von einem Weh­weh­chen zum nächsten. Seinem Pen­dant in der Ver­tei­di­gung, Milos Vel­j­kovic, wächst zuerst der Zeh krumm, dann kugelt er sich im Schlaf die Schulter aus. Am Sai­son­ende hat Werder mehr als 2000 Aus­fall­tage seiner Profis zu beklagen, der durch­schnitt­liche Krank­heits­stand bei Bun­des­li­gisten liegt im Jahr bei knapp 800 Tagen. Es ist zum Ver­rückt­werden. Zumal es Win­ter­transfer Davie Selke an Durch­schlags­kraft fehlt.

Als nach dem Unent­schieden gegen Hertha am 7. März der Corona-Lock­down erfolgt, offen­baren sich für den Klub ver­hee­rende wirt­schaft­liche Folgen. Doch zumin­dest für die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der Mann­schaft bedeutet die Zwangs­pause eine Chance. Koh­feldt kann zwar fast neun Wochen lang nicht im Kol­lektiv arbeiten, aber für die geschun­dene Psyche der Spieler im Abstiegs­kampf, die nun einige Zeit keine Nega­tiv­be­richt­erstat­tung ertragen müssen, ist die Unter­bre­chung ebenso wohl­tuend wie für den Gene­sungs­pro­zess der zahl­losen Rekon­va­les­zenten.

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Die Matte wächst mit jedem Spieltag: Sport­chef Frank Bau­mann nimmt das Hygie­nekon­zept ernst.

GES-Sport­foto

Was die Situa­tion unter­be­wusst im Kader aus­löst, ist nur schwer zu ermessen: Koh­feldt betritt bis zum Saison-ende keinen Super­markt, kein Restau­rant mehr. Nur einmal in der Woche geht er für eine Stunde auf den Ten­nis­platz. Sport mit größt­mög­li­chem Abstand. Auch Frank Bau­mann ver­meidet bis zum letzten Rele­ga­ti­ons­spiel jeden unnö­tigen Gang. Auch den Fri­seur­be­such. Je länger die Saison dauert, desto mehr erin­nert der sach­liche Manager am Kopf an einen Mix aus Mozart und Sla­cker. Doch er will demons­trieren, dass er kei­nerlei Risiko ein­geht, nicht zuletzt, um den Unken­rufen zu trotzen, die Werder unter­stellen, der Klub hoffe ins­ge­heim auf einen coro­nabe­dingten Sai­son­ab­bruch, um am Grünen Tisch dem Abstieg zu ent­gehen.

Als der SVW unmit­telbar nach dem Restart mit 1:4 im ersten Heim-Geis­ter­spiel gegen Bayer Lever­kusen ver­liert, bricht sich laut­starke Kritik am Trainer Bahn. Vete­ranen wie Rune Bratseth oder Dieter Bur­denski monieren die ver­meint­liche Hand­lungs­un­fä­hig­keit der Ver­ant­wort­li­chen. Auch im Auf­sichtsrat mode­riert Marco Bode öfter hit­zige Dis­kus­sionen über die sport­liche Füh­rung. Am Ende waren wir uns stets einig, dass es kein Natur­ge­setz sein darf, in der Krise immer gleich den Trainer zu ent­lassen“, so Bode. Wir haben uns gefragt, wer in unserer Lage der ideale Trainer sein könnte – und kamen immer wieder bei Flo­rian an.“