Dieser Text erschien erst­mals in 11FREUNDE #225. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.

Als alles vorbei ist, muss Flo­rian Koh­feldt auf die Erleich­te­rung noch ein biss­chen warten. Als brauche das Gefühl Zeit, um das Vakuum auf­zu­füllen, das der mona­te­lange Druck, der nun wie ein Ruck­sack voller Pflas­ter­steine vom Bremer Trainer abfällt, hin­ter­lassen hat. Er wankt auf den Rasen des Hei­den­heimer Sta­dions, hält sich die Hände vors Gesicht. Werder reicht im Rele­ga­ti­ons­rück­spiel ein 2:2, um nicht abzu­steigen. Aus dem Augen­winkel sieht er, wie seine Mann­schaft Claudio Pizarro in die Luft wirft. Mit dem Schluss­pfiff geht nicht nur die Spiel­zeit 2019/20 zu Ende, son­dern auch die epo­chale Lauf­bahn des 41-jäh­rigen Perua­ners. Doch ver­gli­chen mit dem, was für die Bremer an diesem Tag auf dem Spiel stand, schrumpft selbst Pizarros Rück­tritt zur Fuß­note. 

Das wich­tigste Werder-Spiel in den letzten vierzig Jahren“, hat Co-Trainer Tim Borowski die Pro­ble­matik in der Rele­ga­tion vor Anpfiff auf den Punkt gebracht. Denn der Abstieg wäre eine Zäsur für den Klub von der Weser gewesen. Sport­lich. Wirt­schaft­lich. Für alle, die damit in Ver­bin­dung gebracht werden. Zuvor­derst für den 37-Jäh­rigen Koh­feldt, der noch 2019 vom DFB als Trainer des Jahres“ aus­ge­zeichnet wurde.

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Wehmut nach dem Pfiff: Koh­feldt erlebt die Spiel­zeit im Zeit­raffer noch einmal. Die Spieler sind schon weiter.

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Dr. Felix Brych zieht mit seinem Pfiff einen Strich unter die zwölf­ein­halb­mo­na­tige Lei­dens­zeit der Wer­de­raner. Eine Saison, die ratio­nale Köpfe wie Auf­sichts­rats­chef Marco Bode und Sport­ge­schäfts­führer Frank Bau­mann uni­sono als ver­hext“ bezeichnen. Dieses Drama in fünf Akten: Der sport­liche Nie­der­gang vor Weih­nachten. Die Ver­letz­ten­mi­sere im Winter. Der Ver­lust jeg­li­cher Kon­stanz im Früh­jahr. Die coro­nabe­dingte Zwangs­pause. Und zu guter Letzt der nicht enden wol­lende Horror im Sai­son­fi­nale. Eine Spiel­zeit, die mit ihren Tur­bu­lenzen, Abgründen und Unwäg­bar­keiten locker für ein ganzes Pro­fi­leben gereicht hätte.

Als er nun im men­schen­leeren Sta­dion steht, ziehen diese Ein­drücke im Zeit­raffer noch einmal vor Koh­feldts geis­tigem Auge vor­über. Unter die Erleich­te­rung“, sagt er, mischte sich ein Gefühl von Wehmut. Weil dieser Kampf, in den wir mona­te­lang unsere gesamte Energie gesteckt hatten, nun so abrupt zu Ende war.“ Eine fast irreale Situa­tion, die dadurch noch skur­riler wird, dass draußen auf den Rängen nie­mand ist, mit dem die Mann­schaft ihr Glück über den Klas­sen­er­halt teilen kann.

Irgendwas stimmt nicht, es läuft alles zu rei­bungslos!“

Florian Kohfeldt im Sommer-Trainingslager

Wo fing das alles an? Wann hat sich ent­schieden, wie das Pendel aus­schlägt und diese selt­same Saison kom­plett aus dem Ruder läuft? Dass alles, was vorher durch­dacht und erprobt anmu­tete, plötz­lich nicht mehr funk­tio­nierte? Im Fuß­ball reicht manchmal schon ein Bauch­ge­fühl, um nicht in den Rhythmus zu finden. Im Som­mer­trai­nings­lager 2019 besiegen die Bremer den spa­ni­schen Erst­li­gisten SD Eibar mit 4:0. Alles läuft wie geschmiert. Die Lauf­wege, das Umschalt­spiel, die Steil­pässe in die Spitze. Wir waren so gut“, sagt Koh­feldt, dass ich zu unserem Sport­psy­cho­logen sagte: Irgendwas stimmt nicht, es läuft alles zu rei­bungslos!‘“ 

Der Sai­son­auf­takt gegen For­tuna Düs­sel­dorf geht in die Hose. Nach wech­sel­haften Spiel­tagen startet Werder eine Serie mit fünf Unent­schieden. Als der SC Frei­burg ins Weser­sta­dion reist, könnten die Bremer mit einem Sieg wieder Anschluss ans obere Tabel­len­drittel finden, doch in der dritten Minute der Nach­spiel­zeit gleicht der Ex-SVW-Stürmer Nils Petersen zum 2:2 aus. Der Punkt fühlt sich wie eine Nie­der­lage an.

Kri­sen­sit­zung auf Mal­lorca

Frei­burg war einer dieser Schlüs­sel­mo­mente“, sagt Frank Bau­mann, durch den eine nega­tive Dynamik in Gang gesetzt wird.“ Die Zeit vor Weih­nachten wird qual­voll. Sieben Nie­der­lagen, teils herbe Klat­schen, folgen bis zum Jah­res­wechsel. Trainer Koh­feldt ist vom Unver­mögen und dem man­gelnden Selbst­be­wusst­sein einiger regel­recht geschockt. Spä­tes­tens nach der Nie­der­lage gegen Pader­born dachten alle: Höchste Zeit, dass dieses Jahr ein Ende hat“, sagt Marco Bode. Und vorm letzten Hin­run­den­spiel in Köln ver­steigt sich der Auf­sichts­rat­chef vor lau­fender Kamera zu einem Bekenntnis, als er ver­kündet, man sei sich einig, durch diese Spiel­zeit gemeinsam zu gehen. Was Bou­le­vard­me­dien so deuten, dass Werder mit Koh­feldt auch in die zweite Liga absteigen wolle.

Als der Klub am 3. Januar 2020 im Trai­nings­lager auf Mal­lorca ankommt, hält der Coach nach dem Abend­essen eine feu­rige Ansprache. Eine Stunde lang ana­ly­siert er minu­tiös und teils laut­stark die Situa­tion. Er greift sich vor ver­sam­melter Mann­schaft Ein­zelne heraus, geizt nicht mit Kritik, will auf­rüt­teln und pro­vo­ziert Gegen­rede. Wie sehr es zur Sache geht, zeigt, dass selbst ein Stoiker wie Frank Bau­mann zu dem Urteil kommt: Man­cher Arbeit­nehmer würde zum Anwalt rennen, wenn er am eigenen Leib erleben würde, wie im Pro­fi­fuß­ball Gespräche mit Spie­lern von­stat­ten­gehen.“

Koh­feldt lässt keinen Zweifel daran, dass es in der Rück­runde nur noch um den Klas­sen­er­halt gehen kann. Werder steht auf Platz 17, nur zwei Punkte besser als Schluss­licht Pader­born. Er hat klar­ge­macht, was Abstiegs­kampf im Extrem­fall bedeutet“, so Bau­mann. Näm­lich, dass der Verein am Ende auch absteigen kann!“

Werder ist erfahren darin, im Win­ter­trai­nings­lager neue Moral und Kraft zu schöpfen. Auch diesmal keimt nach der Ansprache die Hoff­nung, in der Rück­runde mit neuer Energie dem Abstiegs­strudel zu ent­rinnen. Doch auf das kurze Gefühl von Auf­bruch folgt herbe Ernüch­te­rung: Von den 24 mit­ge­reisten Feld­spie­lern sind am zweiten Tag gerade mal sechs trai­nings­fähig. Wäh­rend in ein­schlä­gigen Gazetten bereits über eine Demis­sion des Trai­ners dis­ku­tiert wird, trifft die sport­liche Lei­tung andere Ent­schei­dungen von ähn­li­cher Trag­weite: Ende Februar stellt Werder mit sofor­tiger Wir­kung den lang­jäh­rigen Sport­psy­cho­logen und den Phy­sio­the­ra­peuten frei und ersetzt den Ath­le­tik­trainer. Ein neuer Team­arzt soll durch eine erhöhte Prä­senz beim Klub für Bes­se­rung sorgen. Das waren sehr harte Ent­schei­dungen – auch aus mensch­li­cher Sicht“, so Manager Bau­mann.

Die Zwangs­pause als Chance

Bis zur Corona-Zwangs­pause ver­harrt der Klub mit dem über­füllten Kran­ken­lager auf dem Abstiegs­platz. Stürmer Niclas Füll­krug, Kopf­bal­l­un­ge­heuer, Aktiv­posten, einer der vom Natu­rell den abge­wan­derten Max Kruse als emo­tio­nalen Leader hätte ersetzen können, labo­riert fast die kom­plette Spiel­zeit an einem Kreuz­band­riss. Ömer Toprak, der als Kon­stante in der Innen­ver­tei­di­gung vom BVB geholt wird, schlit­tert von einem Weh­weh­chen zum nächsten. Seinem Pen­dant in der Ver­tei­di­gung, Milos Vel­j­kovic, wächst zuerst der Zeh krumm, dann kugelt er sich im Schlaf die Schulter aus. Am Sai­son­ende hat Werder mehr als 2000 Aus­fall­tage seiner Profis zu beklagen, der durch­schnitt­liche Krank­heits­stand bei Bun­des­li­gisten liegt im Jahr bei knapp 800 Tagen. Es ist zum Ver­rückt­werden. Zumal es Win­ter­transfer Davie Selke an Durch­schlags­kraft fehlt.

Als nach dem Unent­schieden gegen Hertha am 7. März der Corona-Lock­down erfolgt, offen­baren sich für den Klub ver­hee­rende wirt­schaft­liche Folgen. Doch zumin­dest für die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der Mann­schaft bedeutet die Zwangs­pause eine Chance. Koh­feldt kann zwar fast neun Wochen lang nicht im Kol­lektiv arbeiten, aber für die geschun­dene Psyche der Spieler im Abstiegs­kampf, die nun einige Zeit keine Nega­tiv­be­richt­erstat­tung ertragen müssen, ist die Unter­bre­chung ebenso wohl­tuend wie für den Gene­sungs­pro­zess der zahl­losen Rekon­va­les­zenten.

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Die Matte wächst mit jedem Spieltag: Sport­chef Frank Bau­mann nimmt das Hygie­nekon­zept ernst.

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Was die Situa­tion unter­be­wusst im Kader aus­löst, ist nur schwer zu ermessen: Koh­feldt betritt bis zum Saison-ende keinen Super­markt, kein Restau­rant mehr. Nur einmal in der Woche geht er für eine Stunde auf den Ten­nis­platz. Sport mit größt­mög­li­chem Abstand. Auch Frank Bau­mann ver­meidet bis zum letzten Rele­ga­ti­ons­spiel jeden unnö­tigen Gang. Auch den Fri­seur­be­such. Je länger die Saison dauert, desto mehr erin­nert der sach­liche Manager am Kopf an einen Mix aus Mozart und Sla­cker. Doch er will demons­trieren, dass er kei­nerlei Risiko ein­geht, nicht zuletzt, um den Unken­rufen zu trotzen, die Werder unter­stellen, der Klub hoffe ins­ge­heim auf einen coro­nabe­dingten Sai­son­ab­bruch, um am Grünen Tisch dem Abstieg zu ent­gehen.

Als der SVW unmit­telbar nach dem Restart mit 1:4 im ersten Heim-Geis­ter­spiel gegen Bayer Lever­kusen ver­liert, bricht sich laut­starke Kritik am Trainer Bahn. Vete­ranen wie Rune Bratseth oder Dieter Bur­denski monieren die ver­meint­liche Hand­lungs­un­fä­hig­keit der Ver­ant­wort­li­chen. Auch im Auf­sichtsrat mode­riert Marco Bode öfter hit­zige Dis­kus­sionen über die sport­liche Füh­rung. Am Ende waren wir uns stets einig, dass es kein Natur­ge­setz sein darf, in der Krise immer gleich den Trainer zu ent­lassen“, so Bode. Wir haben uns gefragt, wer in unserer Lage der ideale Trainer sein könnte – und kamen immer wieder bei Flo­rian an.“

Den Coach aber trifft der impli­zite Vor­wurf, die sport­liche Lei­tung lasse die Dinge mit einer gewissen Gleich­gül­tig­keit pas­sieren. Ich habe das emo­tional nicht distan­ziert gekriegt“, sagt er, den Vor­wurf, ich würde nicht im Sinne von Werder han­deln. Das hat sehr weh getan. Klar ist: Ich habe sicher nicht alles richtig gemacht, aber dass ich nicht alles pro­biert hätte, kann mir nie­mand vor­werfen.“

Vor der Pres­se­kon­fe­renz zum Aus­wärts­spiel in Frei­burg blät­tert Koh­feldt durch die neu­esten Artikel. Die bei­ßende Kritik durch die­je­nigen, die keine Ver­ant­wor­tung tragen, lässt ihn kämp­fe­risch aufs Podium treten. Und er sagt den Satz: Ich sehe es so, dass ich aktuell nach wie vor der Beste auf dieser Posi­tion bin.“ Marco Bode muss schlu­cken, als er davon hört. Er ging da ein hohes Risiko, für mich hörte sich das ein Stück weit nach All-In an.“

Der Glaube an die Magie der Kon­ti­nuität

Eigent­lich will Koh­feldt mit seiner Aus­sage signa­li­sieren, dass er nach wie vor nicht ratlos bei seiner Arbeit und sicher ist, dass die Spieler ihm zuhören. Dass er Lösungs­an­sätze für die pre­käre Situa­tion hat. Ich habe ein­fach gesagt, was ich emp­funden habe, habe nichts groß geplant“, sagt er, doch wenn wir das Spiel in Frei­burg ver­loren hätten, hätte ich bestimmt das Gespräch mit Baumi und Marco gesucht.“ Und nach kurzem Inne­halten ergänzt er: Und wel­ches Ergebnis das gehabt hätte, ist im Nach­hinein schwer zu sagen.“

Es hat stets eine stille Über­ein­kunft zwi­schen Frank Bau­mann und Marco Bode gegeben, an Koh­feldt fest­zu­halten. Wäh­rend Männer wie Bur­denski und Bratseth dies als Füh­rungs­schwäche oder gar als Har­mo­nie­sucht inter­pre­tieren, resul­tiert die Sicht­weise der beiden aus den Erfah­rungen ihrer eigenen Werder-Ver­gan­gen­heit. Dem Glauben an die Magie der Kon­ti­nuität unter Trai­nern wie Otto Reh­hagel und Thomas Schaaf. Män­nern, die auch des­halb Ewig­keiten in Bremen blieben, weil sie über aus­rei­chend Befug­nisse ver­fügten, um auch in Kri­sen­zeiten inte­graler Bestand­teil der Pro­blem­lö­sung zu sein. Koh­feldt sagt, er selbst habe in den schweren Wochen eine Dis­kre­panz zwi­schen der Wahr­neh­mung in den Medien und seinem per­sön­li­chen Gefühl in der Stadt und in der Mann­schaft aus­ge­macht: Fans schickten ihm Blumen und spra­chen ihm Mut zu. Auch Marco Bode (Lieb­lings­buch: Schnelles Denken, lang­sames Denken“ von Daniel Kah­neman) erin­nert sich aus­schließ­lich an posi­tives Feed­back, obwohl es zuneh­mend vor­kommt, dass sich Pas­santen mit den Worten ver­ab­schieden: Viel Erfolg, Herr Bau­mann!

Nach der Nie­der­lage in Mainz spürte ich kurz­zeitig keinen Antrieb mehr in mir“

Florian Kohfeldt

Nach dem Aus­wärts­sieg in Frei­burg scheinen die Dinge ins Lot zu kommen. Ohne die Kulisse im Weser­sta­dion tut sich der Klub bei Heim­spielen zwar nach wie vor schwer, aber aus­wärts sam­melt Werder etliche Punkte, und nach der knappen 0:1‑Niederlage unter der Woche gegen den FC Bayern scheint auch eine Plat­zie­rung ober­halb des Rele­ga­ti­ons­rangs in Reich­weite. Zumal am nächsten Abend die direkte Kon­kur­renz aus Mainz und Düs­sel­dorf zu schweren Aus­wärts­spielen nach Dort­mund und Leipzig fährt.

Der Trainer schaut die Par­tien gemeinsam mit seiner Gattin zu Hause auf dem Sofa. Anfäng­lich zappt er hin und her. Doch als er nach der Pause merkt, dass der BVB nicht mehr viel tut, um den 0:2‑Rückstand gegen Mainz auf­zu­holen, wech­selt er zur Partie nach Leipzig, in der RB bis kurz vor Schluss mit 2:0 vorne liegt. Koh­feldt hört wie Sky-Reporter Martin Groß sagt: In Bremen werden sie nun wieder größer auf der Couch!“ Es fühlt sich an, als spräche der Kom­men­tator in diesem Moment per­sön­lich zu ihm. Werder würde auf den ret­tenden Rele­ga­ti­ons­platz vor­rü­cken, wenn es so bliebe. Doch in der 87. Minute erzielt For­tuna den Anschluss­treffer. Warum machen die das denn jetzt noch mal span­nend?“, denkt Koh­feldt. In der 92. Minute bekommt Düs­sel­dorf einen Eck­ball und André Hoff­mann köpft den Aus­gleich. Nach Abpfiff habe ich eine halbe Stunde gar nichts mehr gesagt. Meine Frau sagte nur: Ich gehe schon mal hoch, du kommst wahr­schein­lich etwas später.‘“ Auch Frank Bau­mann sitzt nebst Gattin und Sohn para­ly­siert bei sich vor dem TV und kann es nicht fassen. In der ganzen Saison war es uns nie gelungen, nach guten Spielen direkt nach­zu­legen. Jetzt kam es mir vor wie der abso­lute Tief­punkt“, so der Geschäfts­führer.

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Blick ins Kran­ken­lager: Kol­lek­tive Ermat­tung auf der Ersatz­bank nach dem 1:3 in Mainz am 33. Spieltag.

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Ein Aus­wärts­sieg in Mainz am 33. Spieltag könnte die Stim­mung wieder heben. Doch die Panik hat von einigen Werder-Profis Besitz ergriffen, der SVW schei­tert kra­chend mit einer 1:3‑Packung. Nach Schluss­pfiff scheint das Schicksal des Klubs besie­gelt – der Abstieg unab­wendbar. Hilflos starrt Koh­feldt auf der Bank auf den Live­ti­cker seines Handys und hofft, das gelb­lich blin­kende Feld bei der Partie For­tuna gegen den FCA würde end­lich weiß unter­legt und das 1:1 damit als End­stand offi­ziell. Andern­falls stünde Werder als zweiter Absteiger fest. 

Doch auch das Unent­schieden setzt in dem Coach nun kein Gefühl der Hoff­nung mehr frei. Ein Bild des Jam­mers bietet sich in der Trai­ner­ka­bine dem Betrachter, wo Koh­feldt nebst Assis­tenten und Frank Bau­mann minu­ten­lang wortlos am Boden kauert. Hoff­nung ist nur noch ein Wort, wenn dir die Phan­tasie für das Gelingen abhan­den­kommt. Wir hatten viel gelitten im Ver­laufe der Saison, Mainz war das eine Mal zu oft“, so Koh­feldt. Danach spürte ich kurz­zeitig keinen Antrieb mehr. Sonst hatte ich nach jeder Nie­der­lage sofort eine Idee, was sich ändern muss, aber danach tat sich für ein, zwei Tage eine große Leere in mir auf.“ Nun dringt auch beim Trainer ins Bewusst­sein, dass er mit dem SV Werder aller Vor­aus­sicht nach den schmerz­vollen Gang ins Unter­haus antreten muss.

Die Woche vor dem letzten Sai­son­spiel gegen den 1. FC Köln avan­ciert unter diesen Vor­zei­chen zu einer kol­lek­tiven Trotz­re­ak­tion rund ums Weser­sta­dion. Am Dienstag hat der Coach wieder zu sich gefunden. Noch einmal appel­liert er in einer Rede an die Ver­ant­wor­tung, indem er nicht nur seine Spieler, son­dern auch sich selbst fragt: Was macht es mit dir, wenn du ver­ant­wort­lich bist, dass dein Klub das erste Mal nach vierzig Jahren absteigt? Was bedeutet es für den Verein, die Mit­ar­beiter, diese Stadt? Auf Koh­feldts Betreiben lässt der Klub zwei Moti­va­ti­ons­vi­deos her­stellen, die bei der Team­be­spre­chung am Frei­tag­abend ein­ge­spielt werden: Einen Zusam­men­schnitt der dra­ma­tischsten Sai­son­fi­nals der Erst­li­ga­ge­schichte, in denen im letzten Moment noch der Tur­naround gelang – ange­fangen bei der Ret­tung von Ein­tracht Frank­furt 1999 bis zur Green-White Won­der­wall“ im Jahr 2016. Gefolgt von einem Clip, in dem Werder-Legenden sich kon­kret an die Spieler wenden. Marco Bode, der in der Manier eines Staats­manns sagt: Viel­leicht ist es schon zu spät, aber ihr habt oft genug bewiesen, dass es geht!“ Torsten Frings, der unter einem necki­schen Base­ballcap her­vor­lugt: Fuß­ball­wunder pas­sieren! Man muss nur dran glauben.“ Und Son­nyboy Cle­mens Fritz schmun­zelt: Männer, es ist eine beschis­sene Situa­tion. Aber ihr liebt dieses Spiel.“ 

Beim Abschluss­trai­ning im Sta­dion emp­fangen die Werder-Mit­ar­beiter die Mann­schaft mit einer grünen Foto­wand im Spie­ler­tunnel und einem Trans­pa­rent in der Kurve. Auf­schrift: Wir glauben dran!“ Es zeigt Wir­kung. Werder besiegt den wil­len­losen 1. FC Köln daheim mit 6:1. Im fernen Berlin helfen beim 1. FC Union mit Anthony Ujah und Felix Kroos zwei Ex-Bremer tat­kräftig beim Klas­sen­er­halt mit. For­tuna Düs­sel­dorf unter­liegt in der Alten Förs­terei mit 0:2 – und steigt ab.

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Cool bleiben! Flo­rian Koh­feldt braucht nach dem 0:0 im Rele­ga­ti­ons­hin­spiel drin­gend Abküh­lung.

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Doch der lange Lei­densweg der Bremer ist noch nicht zu Ende. Das erste Rele­ga­ti­ons­spiel im Weser­sta­dion gegen den Außen­seiter aus Hei­den­heim endet 0:0. Und plötz­lich fühlt sich der Trainer an Szenen aus der Advents­zeit erin­nert, als er bei einigen im Ange­sicht der stetig länger wer­denden Nie­der­la­gen­serie eine psy­chi­sche Blo­ckade aus­machte. Nach diesem Kraftakt nun – bei allem Respekt – gegen Hei­den­heim abzu­steigen, wäre schlimmer gewesen, als nach dem 34. Spieltag run­ter­zu­gehen. Das hätte die ulti­ma­tive Nie­der­lage bedeutet“, sagt Koh­feldt. Ich habe es des­halb vor dem Rück­spiel als meine vor­dring­lichste Auf­gabe ange­sehen, die wie­der­auf­kom­mende Panik zu ver­hin­dern.“

In den Tagen bis zum letzten Spiel in dieser end­losen Saison ver­sucht der Coach, noch einmal alle Ener­gien zu bün­deln. Er schaltet tage­lang sein Handy aus, liest keine Zei­tungen mehr, fährt das Internet runter: Mir war klar: Es kann nicht klappen, wenn wir den Kopf nicht in den Griff kriegen.“ Beim Team lenkt er die kom­plette Kon­zen­tra­tion aufs Fuß­bal­le­ri­sche, Keine Moti­va­ti­ons­reden mehr zur Bedeu­tung des Spiels für Stadt, Land und Leute. Statt­dessen seziert er das Hin­spiel mit den Ana­lysten und Co-Trai­nern bis ins letzte Detail. Es ging nur noch um Fuß­ball. Ich wollte auch an mich nicht mehr den Gedanken her­an­lassen, was eine Nie­der­lage bedeuten würde.“

Wie­der­erlangte Frei­heit

Am Nach­mittag des 6. Juli steht Flo­rian Koh­feldt am Fenster eines Hei­den­heimer Hotel­zim­mers, starrt hinaus und ver­flucht die späte Anstoß­zeit um 20.30 Uhr. Seine Spieler halten Mit­tags­schlaf, es ist alles gesagt und getan, nun muss er noch fünf Stunden bis zum Spiel­be­ginn über­brü­cken. Du schaust raus, auf irgendein Schloss, und hoffst nur noch, dass es end­lich los­geht.“

Als Felix Brych um 22.21 Uhr abpfeift, sickert bei Koh­feldt erst langsam das Gefühl seiner wie­der­erlangten Frei­heit durch. Dass er nach Monaten nun aus dem Tunnel in seinem Kopf steigen und halb­wegs ins zivile Leben zurück­kehren kann. Wäh­rend die Spieler in der Umkleide obli­ga­to­ri­sche Sie­ger­fotos anfer­tigen, sitzt er mit einer Fla­sche Bier in der Ecke, auf dem Handy tru­deln gefühlte 100 000 Nach­richten ein. Als er mit seiner Familie tele­fo­niert, erwa­chen die Lebens­geister in ihm wieder. Als gegen vier Uhr mor­gens die Char­ter­ma­schine des SV Werder aus Schwä­bisch Hall in Nord­holz landet, erwarten 40 Fans die Mann­schaft. Koh­feldt sieht erwach­sene Männer vor Glück über den Klas­sen­er­halt weinen. Es ist sein erster bewusster Kon­takt zur Außen­welt seit drei Monaten.

Irgend­wann in den frühen Mor­gen­stunden ver­liert sich die Spur von Flo­rian Koh­feldt und der Mann­schaft irgendwo im Bremer Aus­geh­viertel. Später wird der Trainer erzählen, er sei nach der Rück­kunft so auf­ge­dreht gewesen, dass er gar nicht nach Hause gewollt habe. Also, ich hätte noch gekonnt“, lacht er, als sich die Gruppe im Mor­gen­grauen auf­löst. Frank Bau­mann liegt da schon einige Zeit daheim im Bett. Bereits vor Wochen hat er für den Tag nach dem Rele­ga­ti­ons­spiel einen Fri­seur­termin ver­ein­bart. Wird Zeit, dass die Matte end­lich run­ter­kommt.