Seite 4: Wahnsinn ist ein mieser Verräter

Ich hab ne Scheiß­angst“, beant­wortet Knapp­mann leise die Frage, warum er sich immer auf­regen müsse. Seinen Kopf hält er zwi­schen den mas­siven Schul­tern ver­steckt. Und man kriegt ein Gefühl, dass für ihn, der sich vom Schulhof bis zur Dritten Liga immer durch­setzte, trotzdem nicht alles ein­fach war. Wenn ich aus­raste, dann spüre ich nur Panik“, sagt er. Panik, dass ich ver­lieren könnte.“ Früher, da ist er geflohen, wenn er zu ver­lieren drohte. Wenn er kein Tor schoss. Wenn er nicht berück­sich­tigt wurde. Aber jetzt ist er Trainer. Und mit der Ver­ant­wor­tung kann er nicht gehen, es bleibt nur die Flucht nach vorne.

Letzte Chance: Nico Thorsten Legat

Chris­tian Knapp­mann, der Sohn eines Bun­des­wehr­be­amten, hat jetzt nur noch eine Patrone: LEEEEGAT!“ Und Nico, der Sohn von Thorsten Legat, macht sich für seine Ein­wechs­lung bereit. Fünf Minuten später steht es 1:4.

In keiner anderen deut­schen Stadt wächst die Ver­schul­dungs­quote von Pri­vat­leuten so schnell wie in Herne. Schuld daran ist nicht einmal die Arbeits­lo­sen­quote, son­dern die nied­rigen Löhne und unge­zü­gelter Konsum. Groß­manns­sucht. Das Orga­ni­gramm in Herne mit Vor­sit­zenden, Geld­ge­bern und mit­ten­drin Knappi wirkt wie eine Sze­nerie, erdacht von Fried­rich Dür­ren­matt. Tra­gisch und komisch zugleich. Am Vor­abend des Spiels hat ein Fan­klub zum Gespräch gebeten. Die Anhänger, die sich im Hin­ter­raum der Kneipe An der Stadt­grenze“ ver­sam­melt haben, wollen wissen, wie es beim Tra­di­ti­ons­verein wei­ter­geht. Knappi ist dafür 110 Kilo­meter von seinem Wohnort Verl gefahren. Er berichtet von Unter­lagen, die abhan­den­ge­kommen sind. Vom Chaos, den die Vor­gänger hin­ter­lassen hätten. Die Fans erin­nern sich: An die ruhm­reiche Zeit der West­falia; als der Mine­ral­öl­kauf­mann Erhard Gold­bach ein­stieg und Herne 1975 in die zweite Bun­des­liga führte, gab es, so die Legende, im Ort tage­lang keine Brief­um­schläge zu kaufen. Die hatte alle der Gold­bach, um seine Spieler unter der Hand zu bezahlen“, brum­meln zwei ältere Zuhörer, wäh­rend die Wirtin das nächste Pils bringt. Kurze Zeit später hatte West­falia den Zoll am Hals. Knappi führe das jetzt seriös weiter. Ohne ihn, sagen sie, wäre der Verein längst tot. Auf Knappi lassen wir nichts kommen.“ Und Knappi sagt: Für die Fans ist Herne alles. Ich bin denen was schuldig.“ Man glaubt ihm das.

Das ist Wahn­sinn

Der Wahn­sinn ist ein mieser Ver­räter. Knappi und West­falia Herne hatten die Hektik her­auf­be­schworen, doch sie ist ein unkon­trol­lier­bares Monster. Zwei Tore hat Herne in der Zwi­schen­zeit gemacht – nur noch 3:4. Die Sen­sa­tion liegt in der Luft. EEEEEY!“, in jeder Aktion brüllt Knappi jetzt über das Feld. Aber was seine Mann­schaft braucht, ist Ruhe, für einen letzten, über­legten Angriff. HOYZER!? WIE LANGE NOCH??“, kreischt Knappi. Vier Minuten Nach­spiel­zeit. Leck mich, ist doch nicht sein Ernst. Und in diesem Moment macht Knappi sich groß, wird größer als das Monster, das die Hektik ist. Es scheint, als würde sich alles in Zeit­lupe abspielen, als sich Bilal Abdallah, Hernes schmäch­tiger Flü­gel­stürmer ein Herz fasst. Als lägen alle Varia­blen offen­sicht­lich vor. Adballah schießt aus 20 Metern, ein satter Schuss, er passt: 4:4. LECK MICH AM ARSCH!“, Abdallah rennt, seine Team­kol­legen hinter ihm her, zusammen klet­tern sie auf den Zaun. Nur Knappi ist nicht da. Er steht mitten auf dem Platz und ran­gelt mit einem geg­ne­ri­schen Betreuer. Zwei Mann müssen ihn ein­fangen. Der Sta­di­on­spre­cher spielt zu allem Über­fluss Wolf­gang Petry: Das ist Wahn­sinn. Du spielst mit meinen Gefühlen.

Knappis Vision ist wahr­ge­worden: Es ist ein geiles Gefühl zurück­zu­kommen in die Kabine. Dort liegt der Trainer mit seinem Ober­körper müde auf einem Tisch, das Gesicht in einer Sport­ta­sche ver­steckt, doch seine Stimme, die sich ein letztes Mal erhebt, ist zu hören. Sie kommt aus dem Innersten von Chris­tian Knapp­mann. Dort, wo sich sonst sein Herz­blut stauen muss: HEEEERNEEEE!“ – Jeder kommt da an, wo er hin­ge­hört.