Seite 2: „Ich schwör' dir, das war dein letzter Arbeitstag!“

Ihr müsst Hektik erzeugen“, hatte Knappi sie erin­nert, den Rest machen wir von draußen.“ Jetzt führt Herne 1:0. Die Hektik ist da, auch wenn ein geg­ne­ri­scher Ver­tei­diger zu beru­higen ver­sucht: Keine Angst, alles nur Theater.“ Aber wenn das Theater wäre, dann hätten der Coach und seine Assis­tenten einen Schau­spiel­preis schon sicher. Jetzt ist Tor­wart­trainer Pascal Königs an der Reihe. Mit seinem durch­trai­nierten Ober­körper und dem täto­wierten Nacken ist er so ang­st­ein­flö­ßend wie sein Chef, wenn er den Lini­en­richter in jeder Szene angeht, ehe der mit Platz­ver­weis droht. JETZT SETZ DICH HIN!“, brüllt Knappi dazwi­schen. Er spricht, wie andere Leute Kom­men­tare bei Face­book schreiben. In Groß­buch­staben und mit vielen Aus­ru­fe­zei­chen. BENIMM DICH! ICH SCHWÖR’ DIR, DAS WAR DEIN LETZTER ARBEITSTAG!“ Doch als der Lini­en­richter Rich­tung Eck­fahne abmar­schiert, formen Knappis Lippen ein ganz leises: Mach weiter, jetzt.“

Ne rich­tige Brat­wurst!

Wer diesen Koloss im grauen Ganz­kör­per­trai­nings­anzug sieht, kann sich kaum vor­stellen, dass Chris­tian Knapp­mann mal ein Kind war. Auf­ge­wachsen ist er in Hub­bel­rath, einem kleinen Dorf vor Düs­sel­dorf. Und weil er sich schon auf dem Schulhof immer durch­setzte, wurde es ihm dort schnell lang­weilig. Wenn ich auf der Straße gespielt habe, dann lief das ver­nünftig. Ein Tor­wart ohne Hand­schuhe? Der konnt’ nach Hause gehen.“ Also schickte ihn sein Vater zu For­tuna Düs­sel­dorf – und mel­dete seinen Steppke nach der ersten Nie­der­lage gleich wieder ab. Das ging immer so weiter. Als Knappi in der B‑Jugend von Borussia Mön­chen­glad­bach spielte, tauchte eines Tages ein wie­der­ge­ne­sener Spieler aus dem älteren Jahr­gang auf. Chris­tian, wenn der für dich spielt, dann packst du deine Koffer“, sagte ihm sein Vater. Und als der Trainer die Start­auf­stel­lung verlas, und Chris­tian nicht auf dem Zettel stand, schul­terte er seine Tasche – und ging. In den Jahren danach ver­diente sich Knappi den Bei­namen Wan­der­vogel“ mit aller Kon­se­quenz. FC Rem­scheid, Ratingen 04/19, Kickers Offen­bach, VfR Neu­münster, TuS Koblenz, KFC Uer­dingen, sechs Monate beim FC Gütersloh 2000, dann wieder Uer­dingen. Da war gerade Halb­zeit seiner Lauf­bahn. Wenn ich nicht auf­ge­stellt wurde, dann habe ich alle ver­rückt gemacht. Pro­vo­ziert, damit der Trainer fliegt“, sagt Knapp­mann. Wenn der Trainer nicht flog, ging halt er. Ich war ne rich­tige Brat­wurst.“ Ein Licht­blick, dass sich Knappi ver­än­dert hat. Er kann über sich selbst lachen.

Trotzdem hatte er Erfolg. Weil sein Koor­di­na­ten­system anders ver­läuft: Wenn wir 3:0 gewonnen hatten, und ich hatte kein Tor gemacht: Scheißtag. 1:4‑Niederlage und ich mach ne Bude? Alles top.“ Beim SC Verl und dem Wup­per­taler SV wurde er zweimal Tor­schüt­zen­könig der Regio­nal­liga. Er erwarb sich einen Ruf in Nord­rhein-West­falen, wurde nach einer 30-Tore-Saison zum Kar­rie­re­ende noch einmal von Borussia Dort­mund II ange­worben. Wieso hat er eigent­lich nie höher gespielt?, fragen sich seine Weg­be­gleiter bis heute. Lag’s am schwie­rigen Cha­rakter? Habe ich mich lange mit beschäf­tigt“, sagt Knappi und die haar­losen Augen­brauen schieben sich zusammen. Ich glaube, am Ende kommt jeder da an, wo er hin­ge­hört.“

Knappi, der Deter­mi­nist

Die erste Ecke sollte Herne kurz aus­führen, so war es abge­spro­chen. Doch der Schütze ent­scheidet sich dagegen. Die Flanke segelt ins Sei­tenaus. Immer wisst ihr es besser.“ Der Trainer ist wütend. Aber ihr spielt Ober­liga, weil ihr nicht besser seid als Ober­liga.“ Es reicht ihm: MACHT, WAS ICH SAGE, EEEEEY!“

2015 ging es für Knappi nach Herne. Schnell wech­selte er ins Trai­neramt. Hier in Herne lassen sie ihn in Voll­zeit arbeiten, da bleibt viel Zeit zum Nach­denken. Er will den Fuß­ball in den Grund­festen erschüt­tern. Unter Kol­legen ist er zwar für seine Wut­aus­brüche bekannt, aber sie schätzen auch seine fach­liche Kom­pe­tenz. Dass ein Ober­li­gist die Ein­heiten mit Drohnen filmen lässt, ist nicht all­täg­lich. Er will hoch hinaus, macht seinen A‑Schein, bildet sich fort. Er wirkt wie eine Mischung aus Julian Nagels­mann und Pelé Wol­litz. Sein sport­li­cher Leiter sagt über ihn: Wenn er so wei­ter­macht, erlebt er den Vier­zigsten nicht mehr.“ Knappi sagt von sich, er sei Deter­mi­nist. Dem­nach ist die Zukunft vor­her­sehbar, wenn alle Varia­blen bekannt sind. So geht er auch mit dem Fuß­ball um. Er will jede Variable kennen. Des­halb mag er Stan­dard­si­tua­tionen so. Dort legt er die Posi­tionen seiner Spieler fest, mini­miert Fak­toren, auf die er keinen Ein­fluss hat. Bei Frei­stößen stellt Herne oft keine Mauer auf. Ob da zwei Mann stehen oder Peng! Daran stört sich doch nie­mand.“

Ärger in Herne

Aber an Knappi störten sie sich doch irgend­wann in Herne. Im Winter ging im Ruhr­pott eine Video­se­quenz herum. Darauf zu sehen waren zwei glatz­köp­fige Männer vor einer Turn­halle. Ich kann dich raus­schmeißen. Warte mal die nächste Woche ab, mein Freund“, sagt der Klei­nere. Wer bist du denn?“, fragt Knapp­mann. Es war Uwe Hein­ecke, laut Register der zweite Vor­sit­zende des Ver­eins, den dort lange nie­mand gesehen hatte. Der Streit hatte sich an einer Neben­säch­lich­keit ent­zündet. Am Ende erkannten sie den Irrtum. Das Video war längst in der Welt. Eine Woche später mischte sich der erste Vor­sit­zende ein. Jürgen Stienicke, ein Milch­un­ter­nehmer aus Herne, der die stets klamme West­falia oft finan­ziell unter­stützt hat. Er ent­ließ Knapp­mann. Doch dann schal­tete sich die Mann­schaft ein. Sie wollten Knappi behalten. Stienicke, der Wochen zuvor seinen eigenen Abschied ver­kündet hatte, solle sich bitte zurück­halten. Eine Stunde später kamen sie unter lautem Jubel in die Ver­eins­gast­stätte zurück. Knappi bleibt Trainer!